Nowhere Boy - 2010 | FILMREPORTER.de
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Nowhere Boy

OriginaltitelNowhere Boy
GenreDrama
Land & Jahr Großbritannien/Kanada 2010
FSK & Länge ab 12 Jahren • 98 min.
KinoDeutschland
AnbieterSenator Film Verleih
Kinostart08.12.2010
RegieSam Taylor-Johnson
DarstellerChris Coghill, Aaron Taylor-Johnson, Ben Smith, Andrew Buchan, Baillie Walsh, Simon Lowe
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Eindringlicher Blick auf das Leben John Lennons

Noch eine Musiker-Biografie, dazu noch eine über die Beatles? Die Einwände gegen eine erneute Annäherung an die erfolgreichste Band der frühen populären Musikgeschichte wären berechtigt, würde es sich nicht um einen Film wie "Nowhere Boy" von Sam Taylor-Wood handeln. Die Künstlerin und Fotografin erzählt in ihrem Spielfilmdebüt nicht von den Beatles. "Nowhere boy" handelt von John Lennon, wobei das Biopic nicht primär auf das musikalische Leben des exzentrischen Musikgenies eingeht, sondern die Zeit vor seinem Durchbruch mit den Beatles behandelt.

Taylor-Wood und Drehbuchautor Seamus McGarvey interessieren sich für den Menschen Lennon und fokussieren dabei auf das komplizierte Verhältnis des 17-jährigen Rebellen zu seiner Tante und seiner Mutter. Letztere lernte er im Teenager-Alter neu kennen. Für die Authentizität der Erzählung dürfte die Tatsache sorgen, dass sie auf der Biografie "Imagine This. Growing Up With My Brother John Lennon" von Lennons Halbschwester Julia Bird beruht. Die Autorin selbst wird in der Adaption zwar ausgespart, dafür bekommen die übrigen Personen um Lennon umso mehr Tiefe.

Keine Überraschung dürfte für Lennon-Kenner die Erkenntnis sein, dass John (Aaron Johnson) bereits als Jugendlicher aufmüpfig ist. Sich an Konventionen anzupassen, fällt ihm schwer. Besonders in der Schule ist er der "Nowhere boy". Karikaturen seiner Lehrer zeichnet er lieber, als sich mit langweiligem Lernstoff zu beschäftigen. Seine strenge Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) versucht, die Kontrolle über den Jungen zu bewahren, doch alle Züchtigungsmaßnahmen verfehlen ihre Wirkung. Entspannter ist sein Verhältnis zu seinem Onkel George (David Threlfall), der mehr auf den 17-Jährigen eingeht und mit diesem ähnliche Interessen teilt. Es ist daher ein Schock für John, als sein Onkel stirbt. Auf der Beerdigung wird der Junge von seinem Cousin Stan (James Johnson) auf die Idee gebracht, seine leibliche Mutter Julia (Anne-Marie Duff) zu besuchen. Schockiert muss John feststellen, dass sie seit Jahren nur wenige hundert Meter von seiner Tante entfernt lebt. Die erste Begegnung ist dennoch herzhaft und John verfällt immer mehr dem ungezwungenen Charme der jungen Frau. Sie führt ihn in ein neues Leben ein, macht ihn mit dem aufkommenden Rock'n'Roll bekannt, geht mit ihm Tanzen und bringt ihm das Banjo-Spielen bei. Mit wachsender Sorge beobachtet Mimi die immer inniger werdende Beziehung der beiden. Aufhalten kann sie die Entwicklung ebenso wenig, wie die immer größer werdende Musikbegeisterung des Teenagers. Schon bald gründet er mit "The Quarrymen" eine Band, zu deren Mitgliedern auch Paul McCartney (Thomas Sangster) und George Harrison (Sam Bell) gehören werden.
"Nowhere Boy" zeigt die die Gradwanderung zwischen Strenge und Wildheit, die das junge Leben John Lennons prägte. Dessen Tante Mimi ist diejenige, die den Rebellen bändigen will, wobei ihre Erziehungsmethoden eher Auflehnung als Anpassung an Konventionen erreicht haben dürften. Erst der Mutter gelingt es den Jungen auf die richtige Bahn zu lenken. "Nowhere Boy" vermeidet eine plakative Zeichnung dieser so verschiedenen Charaktere. Mimi ist keinesfalls die ausnahmslos strenge Ziehmutter, hinter ihren verkrampften Erziehungsmethoden steckt unbedingte Liebe zu ihrem Neffen, dem sie eine Zukunft geben will. Auch Julia zeigt hinter ihrer Ungezwungenheit und Lebensfreude eine Verletzlichkeit. Zwischen den beiden Frauen schwankt der noch unfertige John. Einfühlsam und mit viel Gespür für das Zwischenmenschliche zeigt Sam Taylor-Wood, wie die Frauen um die Gunst des Jungen buhlen. Dass die Beziehung Lennons zu Julia nicht nur von Mutter-Sohn-Gefühlen geprägt gewesen ist, hat der Musiker schon zu Lebzeiten angedeutet. Auch im Film bleibt dieser Umstand nicht ausgespart. Dabei geschieht die Annäherung an das fast inzestuöse Verhältnis keinesfalls plakativ, sondern wird mit dem nötigen Respekt und viel Feingefühl in Szene gesetzt.

Dass dieses Thema sowie das konfliktreiche Verhältnis zwischen den Protagonisten funktionieren, liegt auch an der Darstellungskraft ihrer Interpreten. Das Augenmerk liegt ganz auf dem Spiel von Kristin Scott Thomas, Anne-Marie Duff und Aaron Johnson. Alle drei Schauspieler meistern ihre schwierige Aufgabe souverän, geben ihren Figuren Tiefe und machen so eine Identifikation mit diesen leichter. Durch das Gewicht, das die Regisseurin dem zwischenmenschlichen Verhältnis gibt, dauert es eine Weile, bis sich die musikalische Seite Lennons in dem intimen Familiendrama behaupten kann. Unmissverständlich aber unaufdringlich zeigt Taylor-Wood, dass Lennons Mutter die Urquelle seiner Liebe zur Musik ist. Julia macht ihn nicht nur mir der kontemporären Musikkultur bekannt. Sie ist es auch, die das schlummernde ungeformte Genie ihres Sohnes in kreative Bahnen leitet. Die andere Figur, die das vollbringt, ist Paul McCartney. Es gehe einfach um die Musik, sagt dieser in einer Szene und erteilt damit dem Anarchismus seines Freundes eine deutliche Absage. John ist das Alpha-Tier in diesem Verhältnis, eine Führungsfigur, Paul der ruhige und konzentrierte.

"Nowhere Boy" ist nicht nur ein Familiendrama und Musikfilm, sondern auch ein großartiger Zeitfilm. Taylor-Wood macht die ausgehenden 1950er Jahre fast greifbar. Dass auch die Musik nicht zu kurz kommt, ist naheliegend. Es sind jedoch nicht die Songs der Beatles, die hier erklingen, als vielmehr ihre musikalischen Vorbilder. Darunter auch die großartige Nummer "I Put a Spell on You" von Screamin' Jay Hawkins, die nicht nur Lennon verzaubert, sondern auch den Zuschauer in ihren Bann ziehen dürfte.
Nowhere Boy

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Drama über das Dreiecksverhältnis zwischen John (Aaron Johnson), seiner Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) sowie seiner Mutter Julia (Anne-Marie Duff). Mit...  Clip starten
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