Miral - 2010 | FILMREPORTER.de
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Miral

OriginaltitelMiral
GenreDrama
Land & Jahr Großbritannien/Israel/Frankreich 2010
Kinostart    18.11.2010 (Prokino Filmverleih)
FSK & Länge ab 12 Jahren • 112 min.
RegieJulian Schnabel
DarstellerFreida Pinto, Willem Dafoe, Alexander Siddig, Hiyam Abbas, Omar Metwally, Yasmine Elmasri
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Julian Schnabels Plädoyer für den Frieden

Julian Schnabel gehört zu den angesehensten amerikanischen Künstlern der Gegenwart. Er ist Maler, Bildhauer, Regisseur, neuerdings auch Fotograf und sein Werk ist so vielfältig wie die Gattungen, in denen er sich und seine Haltung zur Welt zum Ausdruck bringt. Seit Mitte der 1990er Jahre ist er als Filmemacher aktiv. Seitdem überrascht er die Filmwelt mit Werken, die ebenso kompromisslos wie radikal die subjektive Anschauung des Künstlers manifestieren. Sein Oeuvre, sagt er einmal, handele vom Tod und dem Bemühen des Menschen, sich dem Unentrinnbaren zu entziehen. Eine Trennungslinie zwischen seinem künstlerischen und seinem filmischen Werk möchte Schnabel nicht selbst ziehen. Will man dennoch das Filmspezifische herausarbeiten, gelangt man wieder an den thematischen Kernpunkt seines Schaffens. Seine Filme handeln stets von Ausnahmepersönlichkeiten, Künstlern und Intellektuellen, die in Extremsituationen eine ungeheure Willenskraft und grenzenlose Kreativität beweisen. Von Menschen, die einen Kampf führen, ob gegen die Gefangenschaft des eigenen Körpers oder gegen die Einschränkungen durch Konventionen und vorgeschriebene Denkmuster. Es ist immer ein Kampf um Leben, Freiheit und die Wahrheit.

Hält man sich diese Gedanken vor Augen, wird schnell klar, wer das Zentrum von "Miral" ist. Es ist die Besitzerin eines Waisenhauses, Hind Husseini (Hiyam Abbas), die ihr Leben der Erziehung und der Bildung palästinensischer Mädchen widmet. In der Erzählung nimmt diese Frau nicht viel Platz ein. Schnabel widmet ihr zu Anfang einige Szenen, verliert dann ihre Spur, um doch immer wieder zu ihr zurückzukehren. Sie ist die eigentliche Blume, auf den der Filmtitel verweist, eine Blume, die am Wegesrand wächst, deren Schönheit von den Menschen jedoch übersehen wird. Sie ist die geistige und moralische Mitte, die die Protagonisten auf ihre Suche nach dem rechten Weg im Konflikt zwischen dem jungen Staat Israel und der palästinensischen Bevölkerung begleitet. Dieser Konflikt dauert nun seit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1949 über die Friedensvereinbarung in Oslo 1994 hinaus ungebrochen an.

Die genannten zeitlichen Meilensteine bilden den Rahmen, innerhalb dessen Schnabel seine Geschichten entfaltet. Vier weibliche palästinensische Protagonistinnen stehen dabei paradigmatisch für die Wunden, die die Auseinandersetzung seit der Staatsgründung in den Herzen der Menschen hinterlassen hat, aber auch für die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konfliktes. Neben Hind sind es Fatima (Roba Blal) und Nadja (Yasmine Elmasri), die in der Erzählung eine marginale Position einnehmen, im thematischen Ganzen jedoch eine wichtige Rolle spielen. Während Fatima den extremen Weg wählt und in den Extremismus abdriftet, geht die passive und resignierende Nadja an der Heimat- und Identitätslosigkeit zugrunde. An Miral (Freida Pinto), der Tochter Nadjas, knüpft nicht nur deren Lehrerin Hind alle Hoffnung, sondern auch Schnabel. Neben der Zuversicht repräsentiert diese Figur aber auch die Ungewissheit. Während Hind und ihr Vater Jamal (Alexander Siddig) fest an ihren friedlichen Idealen festhalten, schwankt Miral ebenso wie ihr Freund Hani (Omar Metwally) zwischen Gewalt als Mittel der Identitätsbehauptung und dem Glauben an eine Versöhnung.
Julian Schnabel ist Künstler genug, um seine Adaption des autobiographischen Romans "Die Straße der Blumen" von Rula Jebreal vor einer nüchternen oder gar pessimistischen Einschätzung der Situation zu bewahren. "Miral" ist ein Plädoyer für eine friedliche Lösung des Nah-Ost-Koflikts, zugleich auch ein Aufschrei gegen Gewalt als Mittel der Friedensfindung. Gewalt hat nur Gegengewalt zur Folge und die Opfer dieses absurden Kreislaufes sind immer die Menschen, die am Krieg zugrunde gehen. Schnabel hat laut eigener Aussagen sein Leben lang die Geschichte des israelischen Staates aufmerksam verfolgt. Seine Mutter war Vorsitzende der zionistischen Bewegung Brooklyns. Der Stoff war also auch ein persönliches Anliegen für den Filmemacher. Dennoch ist er weit entfernt, seine Geschichte politisch einseitig zu entfalten. Wie seine Protagonistin Hind ist auch er Humanist, dem der Frieden und das Wohl des Menschen über alles gehen, gleichgültig welcher Nationalität er angehört.

Ein Künstler, dem das Schicksal der Region und der Menschen am Herzen liegt, ist Schnabel auch in formaler Hinsicht. Er erzählt die Geschichten sehr temporeich, die Kamera ist stets in Bewegung, die Bildkomposition sowie der Schnitt suggerieren Hektik und Chaos. Es ist eine Ästhetik, die eine instabile Welt zeichnet. "Miral" sei expressionistisch und höchst subjektiv, so Schnabel. Dass dieser wichtige Film nicht einfach zu konsumieren ist, liegt somit nicht nur am komplexen politischen Stoff, sondern auch an dessen formaler Dimension. Das Gefühl der Desorientierung, das sich bei der Rezeption einstellt, ist durchaus gewollt, es zwingt den Zuschauer zu einer aktiven Auseinandersetzung mit dem brisanten Thema, das an Aktualität leider noch nichts eingebüßt hat.
Miral

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