Das Schmuckstück - 2010 | FILMREPORTER.de
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Das Schmuckstück

OriginaltitelPotiche
GenreKomödie
Land & Jahr Frankreich 2010
FSK & Länge ab 6 Jahren • 103 min.
KinoDeutschland
AnbieterConcorde Filmverleih
Kinostart24.03.2011
RegieFrançois Ozon
DarstellerChristine Desodt, Catherine Deneuve, Jean-Louis Leclercq, Alexandre Chaidron, Anne Carpriau, Nathalie Laroche
Homepage http://www.potichelefilm.fr
http://www.schmuckstueck-derfilm.de
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Komödie mit Catherine Deneuve und Gérard Depardieu

Die Verhältnisse, von denen François Ozon in diesem hinreißend komischen Film erzählt, sind alles andere als rosig. Catherine Deneuve spielt eine Frau, die von den althergekommenen Anschauungen ihres Mannes klein gehalten wird. In dieser Ausgangsposition erinnert Suzanne stark an Henrik Ibsens Titelfigur Nora. Wie der norwegische Dramatiker greifen auch die Autoren der Vorlage Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy zu einer Metapher, welche die Situation der Protagonistin definiert. War Nora bei Ibsen der Zeisig, der in ihrem Käfig gefangen gehalten wird, ist Suzanne "Das Schmuckstück" ihres Ehemannes Robert Pujol (Fabrice Luchini). Ginge es nach ihm, dürfte Sie den ganzen Tag in der Küche verbringen und ihn nach jedem anstrengenden Arbeitstag umsorgen. Diese Erwartung nimmt Suzanne - zumindest am Anfang des Films - widerspruchlos hin.

Das ändert sich, als sie von äußeren Umständen in die Rolle der Aktiven gedrängt wird. Robert wird von streikenden Mitarbeitern seiner Regenschirmfabrik gefangen genommen, die so bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen wollen. Als Unterhändlerin wird schnell Suzanne ausgemacht. Sie wendet sich an den kommunistischen Abgeordneten und ehemaligen Gewerkschaftsführer Maurice Babin (Gérard Depardieu), mit dem sie in frühen Jahren eine Liaison hatte. Mit seiner Hilfe gelingt es ihr, Robert zu befreien. Kaum auf freiem Fuß, erleidet dieser eine Herzattacke. Während seiner Genesung übernimmt Suzanne unter Mitarbeit ihrer beiden Kinder Joëlle (Judith Godrèche) und Laurent (Jérémie Rénier) die Leitung der Fabrik. Unter der Führung der drei beginnt das Geschäft wieder zu florieren und auch die Mitarbeiter werden mit Reformen zufrieden gestellt. Als Robert aus dem Krankenhaus entlassen wird, gelingt es ihm zwar, Suzanne aus dem Unternehmen zu drängen, nicht jedoch sie in ihre alte Rolle des Schmuckstücks zu pressen. Suzanne hat nun neue Ziele. Bei den nächsten Parlamentswahlen möchte sie als Abgeordnete kandidieren und keiner, auch nicht der Kandidat der Linken kann die entschlossene Powerfrau von ihrem Vorhaben abhalten.
Man kann es für schizophren halten, wie François Ozon von ernsten Filmen, in denen er den Leidensweg seiner Protagonisten hin zur Erlösung erkundet, zu leichten und leichtfüßig erzählten Komödien wechselt, in denen er sich geradezu altersweise schmunzelnd über die großen Probleme und Konflikte des Lebens hinwegsetzt. Oder man kann diesen Wechsel als notwendige Kompensation für die Düsternis und Tristesse verstehen, in der sich Ozon sonst bewegt. Oder spielen hier filmästhetische Überlegungen hinein? Eine Komödie verlangt ein anderes, vor allem ein temporeiches Erzählen, sodass das die leichteren Filme als Gegengewicht zu der langsamen und trägen Inszenierungsweise der ernsten Filme Ozons verstanden werden sollen. Dass Ozon auch anders inszenieren kann, dass er das kompakte und geschlossene Erzählen bestens beherrscht, hat der Franzose nicht zuletzt mit seinem wunderbaren Musical "8 Frauen" bewiesen. Dieses Niveau erreicht auch seine Komödie "Das Schmuckstück".

Die Parallelen von "Das Schmuckstück" zu Ibsens berühmtem Drama sind offensichtlich, ebenso wie die Unterschiede zum Vorbild nicht von der Hand zu weisen sind. Während Nora ihre Befreiung mit dem Verlassen von Ehemann und Kindern einen hohen Preis bezahlt, gibt es in "Das Schmuckstück" keine Fallhöhen. Und auch sonst geht es in Ozons Komödie recht locker zu. Obwohl er sich bei der Adaption einige Freiheiten erlaubt, ist die Nähe zum Theater zum Glück spürbar. Er habe bewusst "keinen Bogen um eine gewisse Theatralik" gemacht, erklärte Ozon in einer Pressemitteilung. Dabei ergibt sich diese Theatralik nicht etwa dadurch, dass "Das Schmuckstück" gänzlich im Studio gedreht ist. Suzanne gelingt es, sich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien und im Zuge dieser Emanzipation wird sie mit der Außenwelt konfrontiert, was inszenatorisch durch den Realismus natürlicher Dekors zum Ausdruck gebracht wird.

Wenn man der Komödie eine gewisse theatrale Künstlichkeit nicht absprechen kann, dann liegt das vor allem an den Dialogen. Die Wortgefechte sind derart pointiert und geschliffen, wie man sie im Kino selten findet und das ist wohl vor allem der Theatervorlage zu verdanken. Auch ließ sich Ozon in diesem Punkt ebenso wie in Sachen Tempo offensichtlich von den Screwball-Komödien alter Schule beeinflussen. Was aus diesen stilistischen Anleihen spricht, ist sicher auch eine Art Übersättigung von der im Kino zur Gewohnheit gewordenen Belanglosigkeit im Bereich der Komödie einerseits, sowie eine Sehnsucht nach einer substanzielleren Komik andererseits. In einem übergeordneten Sinne kann man daraus auch eine konservative Sehnsucht nach einer gültigen und traditionellen Erzählweise ableiten, die im Laufe der Filmgeschichte immer mehr in Vergessenheit gerät.

Abgesehen von den nostalgischen stilistischen Raffinessen glänzt "Das Schmuckstück" durch seine erstaunliche Plastizität und Lebendigkeit. Obwohl Ozon seine Komödie mit Details und Nebengeschichten geradezu überfrachtet, gibt er nie das Ruder aus der Hand. Er erzählt nicht nur von der Emanzipationsbestrebung Suzannes, die im Übrigen voller Verweise auf historische Ereignisse ist. Sowohl die Parlamentswahlen in Frankreich 2007 als auch der politische Aufstieg Ségolène Royals oder die gerade überstandene Wirtschaftskrise kommen einem dabei in den Sinn. Auch die zum Teil in liebevollen Rückblenden erzählte Romanze zwischen Suzanne und Maurice findet Platz in der Erzählung. Nebenbei baut Ozon auch noch die im Stück nicht näher ausgearbeiteten Konflikte und Probleme der Kinder ein. Da ist Tochter Joëlle, die ihrer Mitter vorwirft, altmodisch zu sein, sich im Konflikt mit ihrem Ehemann aber selbst als konservativ offenbart. Vor allem an Sohn Laurent wird die subtile Inszenierung Ozons deutlich. Zu keinem Zeitpunkt spricht Ozon dessen Homosexualität explizit an und doch füttert er den Zuschauer mit Details, dass ihm dieser Sachverhalt oder die Tatsache, dass er mit seinem Halbbruder eine Liaison eingeht, nicht entgeht.

Mit das "Das Schmuckstück" ist Ozon ein äußerst stimmungsvoller Film gelungen. Das zeigt sich nicht nur an der liebevollen Reminiszenz an die Mode der 1970er Jahre, sondern auch an den Musik, die Ozon sparsam einzusetzen versteht. Dass seine Komödie am Ende mit der musikalischen Einlage Suzannes zum Musical mutiert, ist kein stilistischer Bruch, sondern wiederum als nostalgischer Anklang an die "Epoche mit der Musik und den Chansons" (Ozon) der 1970er Jahre zu verstehen.
Das Schmuckstück

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"Das Schmuckstück"

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