Der Besuch - 1963 | FILMREPORTER.de
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Der Besuch

OriginaltitelThe Visit
AlternativKarla
GenreDrama
Land & Jahr USA/BRD/Frankreich 1963
Kinostart    17.09.1964
FSK & Länge ab 16 Jahren • 100 min.
RegieBernhard Wicki
DarstellerIngrid Bergman, Anthony Quinn, Irina Demick, Paolo Stoppa, Hans Christian Blech, Romolo Valli
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Bernhard Wickis Adaption eines Theaterklassikers

Carla Zachanassian (Ingrid Bergman) kehrt als reiche Dame in ihre Heimatstadt zurück. Den Bürgermeister und die Bevölkerung plagen große Geldsorgen und so hoffen sie, dass Carla sie von ihrer finanziellen Not befreien möge. Diese hat jedoch anderes im Sinn. Als Jugendliche wurde sie von Serge Miller (Anthony Quinn) ungewollt schwanger und daraufhin als Dorfdirne von den Bürgern der Stadt vertrieben. Nun will sie Rache üben. Sie erklärt sich bereit, den Menschen bei ihren Geldsorgen zu helfen. Ihre Bedingung ist jedoch, dass Miller im Gegenzug getötet werde.
Bernhard Wickis "Der Besuch" basiert auf Friedrich Dürrenmatts Theaterstück "Der Besuch der alten Dame". Die Vorlage wurde am 29. Januar 1956 am Züricher Schauspielhaus uraufgeführt und zeichnet sich ästhetisch durch seine Mischung aus poetisch verdichteter Parabel, Groteske und Tragikomödie mit unverkennbaren Anleihen aus der griechischen Tragödie aus. Inspiriert von seiner eigenen Erzählung "Mondfinsternis" aus den Jahren 1953 bis 1955, übte Dürrenmatt mit "Der Besuch der alten Dame" unverhohlen Kritik am Kapitalismus und seinem "heiligen Gut des Wohlstandes", wie es in einer bezeichnenden Stelle des Textes heißt.

Mit seinem Faible für bedeutungsgeladene Wortspiele etablierte der Schriftsteller eine lange Assoziationskette, um auf zeitgenössische gesellschaftliche Tendenzen zu verweisen. So ist der Name der "alten Dame", Zachanassian, eine Zusammensetzung der zur Entstehungszeit des Stücks populären Milliardäre Zaharoff, Onassis und Gulbenkian. Ihr männlicher Gegenpart heißt Ill, englisch für "krank". Angesiedelt ist das Geschehen in einem Dorf namens "Güllen", in dem der Wortstamm "Gülle" steckt (Dünger aus Urin und Kot). Dessen Bewohner sprechen sich im Stück für eine Namensänderung in "Gülden" aus, das mit Gold, Vergolden oder Goldfarben assoziiert wird.

"Der Besuch der alten Dame" galt wegen der Thematik und des formalen Ansatzes lange als unverfilmbar. Dennoch strahlte die ARD bereits 1959 die erste TV-Adaption unter der Regie von Ludwig Cremer mit Elisabeth Flickenschildt in der Hauptrolle aus. Als sich die 20th Century Fox der Vorlage annahm, kam für das Studio nur Bernhard Wicki als Regisseur in Betracht. Der im niederösterreichischen geborene Schauspieler und Regisseur erzielte mit seinem preisgekrönten Antikriegs-Drama "Die Brücke" nicht nur in Europa einen überragenden künstlerischen Erfolg, sondern sorgte auch in den USA für Furore. Bei dem monumentalen Kriegsfilm "Der längste Tag" bewies er als Koregisseur zudem, dass er auch unter Hollywoodbedingungen inszenieren kann. Außerdem war Wicki mit Dürrenmatt eng befreundet. Beste Voraussetzungen also für einen künstlerisch überzeugenden und kommerziell erfolgreichen Film.

Die Zusammenarbeit zwischen Fox und dem eigenwilligen Regisseur verlief alles andere als reibungslos. Wicki gelang dennoch, seine filmische Vision der Vorlage weitgehend durchzusetzen. Bewusst entschied sich Wicki für eine raue Bildsprache, die der allegorischen Parabel Dürrenmatts eine realistische Note gab. Die Handlung wurde in die Zeit des Kalten Krieges von der Schweiz in den Balkan verlegt. Neben der Abmilderung des radikalen Schlusses Dürrenmatts wurde zudem die Anlage der weiblichen Hauptfigur geändert. Im Vergleich zum Stück ist diese keine "alte Dame" mehr, sondern eine Frau von 37 Jahren. Das erklärt die Änderung des Titels in "Der Besuch". Trotz zahlreicher Änderungen im Sinne eines stärkeren Realismus, weist Wickis Adaption dennoch einige stilistische Züge von Dürrenmatts Stück auf. Der absurde Kampf Serge Millers gegen den Opportunismus der Dorfbevölkerung mutet geradezu kafkaesk an. Das Bild der einzelnen Instanzen und Würdenträger der Gemeinschaft ist in ihrer symbolischen Verdichtung komisch und demaskierend zugleich.

Trotz der ästhetischen Kompromisse, die Wicki eingehen musste, war er im Nachhinein mit "Der Besuch" durchaus zufrieden. "Allen Auflagen und Änderungen zum Trotz, die die 20th Century Fox von mir verlangte, kann sich das Endresultat heute noch sehen lassen", so der Filmemacher 1994 in einem Gespräch mit Filmkritiker Marc Hairapetian. Auch Dürrenmatt war von der Verfilmung ebenfalls angetan, wie sich Wicki in demselben Gespräch erinnert: "Bernie, im Gegensatz zu den TV-Fassungen, die trotz großartiger schauspielerischer Leistungen bloß abgefilmtes Theater boten, hast du aus meiner grotesken Tragikomödie ein realistisches Drama gemacht", so der Schriftsteller.
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"Der Besuch" ist Bernhard Wickis Adaption des Theaterstücks "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt. Trotz zahlreicher Änderungen im Sinne eines stärkeren... mehr
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