Der Schaum der Tage - 2013 | FILMREPORTER.de
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Der Schaum der Tage

OriginaltitelL'écume des jours
AlternativMood Indigo
GenreDrama
Land & Jahr Frankreich/Belgien 2013
FSK & Länge ab 12 Jahren • 94 min.
KinoDeutschland
AnbieterStudioCanal Germany
Kinostart03.10.2013
RegieMichel Gondry
DarstellerRomain Duris, Daniel Semporé, Travis Kerschen, Stéphane Harck, Fabien Jegoudez,
Homepage http://www.lecumedesjours-lefilm.com
http://www.derschaumdertage.de
Links IMDB
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Michel Gondrys virtuos inszeniertes Kino-Märchen

Welche Geschichten erzählt ein Romantiker am liebsten? Natürlich solche, die von der großen Liebe handeln. Am schönsten sind diese Geschichten, wenn die Liebe sich gegen die Widrigkeiten des Lebens und das Walten des Schicksals behaupten muss. Angesichts der Unmöglichkeit ihrer Erfüllung wirkt sie umso größer und reiner. Der französische Filmemacher Michel Gondry ist ein Romantiker und für seinen Film hat er sich erneut diesem großen Motiv der Kunstgeschichte angenommen. Wie in "Vergiss mein nicht!" bewegen sich seine Liebenden auch in "Der Schaum der Tage" auf dem schmalen Grat zwischen Glück und Leid.

Im Zentrum seiner Liebesgeschichte steht Colin (Romain Duris), ein junger Mann, der materiell unabhängig mitten im Leben steht und sich nur die große Liebe für das perfekte Glück wünscht. Als er auf einer Party Chloé (Audrey Tautou) kennenlernt, ist er sicher, die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Auch Chloé ist von dem charmanten Mann angetan und so dauert es nicht lange, bis die Hochzeitsglocken läuten. Doch das Glück der beiden währt nur kurz. Auf der Hochzeitsreise fliegt eine Schneeflocke durch das Fenster des Paares und nistet sich in der Lunge ein, in der bald eine Seerose heranwächst. Um sich die Behandlung der Krankheit leisten zu können, muss Colin einen harten Job annehmen. Für das Paar beginnt eine Zeit des Martyriums.
Der gleichnamige Roman von Boris Vian gehört ist ein Klassiker der modernen französischen. Die Liebes- und Leidesgeschichte zweier junger Menschen, gesehen aus dem poetisch-naiven Blick eines Dichters, bewegt seit Erscheinen des Buchs im Jahr 1947 Generationen von Lesern. Das Kino hat um das Werk bis heute weitgehend einen Bogen gemacht. Die unrealistische, zwischen Märchen und der surrealen Bilderwelt eines Franz Kafka sowie des Slapstick-Films angesiedelte Darstellung der Wirklichkeit eine filmische Umsetzung gilt als schwer verfilmbar. Die Wenigen, die es dennoch wagen - etwa Charles Belmont 1969 mit "L'écume des jours" sowie eine Fernsehadaption aus den 1990er Jahren gelten - als gescheiterte Versuche und sind heute vergessen.

Abgesehen von der technischen Umsetzbarkeit ist die schwierige Vorlage geschaffen für Michel Gondry, entspricht sie doch der romantischen Weltsicht des Regisseurs. Zudem muss ein Ansporn für seine schier unerschöpfliche Kreativität her. Gondry wird als Musikvideo- und Werbespotregisseur bekannt. Seine visionären, von bildlicher Ideenfülle geradezu überquellenden Clips für Musiker wie Björk, Radiohead, The White Stripes, Beck schreiben Musikvideogeschichte und stellen bis heute für jeden Zuschauer eine visuelle und intellektuelle Herausforderung dar. Nicht weniger einflussreich steht Gondry im Dienst der Wirtschaft. Sein Werbespot für Levi's ist der bis heute am häufigsten ausgezeichnete der Webegeschichte.

Das eigentliche Wunder von Gondry "Der Schaum de Tage" ist die Tatsache, dass er technisch nicht den einfachen Weg geht, indem er den Einfallsreichtum Vians durch die Hilfe digitaler Effekte umsetzt. Wie bei seinen Kurzfilmen vertraut der Regisseur ganz auf seine Handwerkskunst und den Einsatz analoger filmischer Tricks. Gondry ist in weltanschaulicher Hinsicht ein Romantiker, das zeigt auch seine Haltung zum Kino. Der Film besitzt den nostalgischen Charme eines ebenso liebesvollen wie mühevoll umgesetzten Stop-Motion- und Collage-Films, wobei Gondry gar nicht erst versucht, das Handgemachte zu verbergen. Während die CGI-Techniker in einem Mainstream-Film die Klüfte zwischen Fiktion und Wirklichkeit sowie zwischen Herstellungsprozess und Wahrnehmung mit aller Macht reduzieren wollen, macht Gondry das Künstliche eines Tricks sichtbar.

Das visuelle Feuerwerk, das Gondry in "Der Schaum der Tage" entzündet, ist schlicht atemberaubend. Aus Respekt vor dem Autor, der zu Lebzeiten ein Tausendsassa ist und sich zwischen Literatur, Jazz-Musik und Schauspielerei bewegt, bleiben Gondry und Koautor Luc Bossi der Vorlage treu. Und so tummeln sich im Film zahllose poetische Bildeinfälle. Hier gibt es ein Klavier, das beim Spielen Cocktails mischt, dort eine vermenschlichte Maus, die immer wieder durchs Bild huscht, und dort eine Türklingel die sich verselbstständigt oder den extravaganten Koch (Omar Sy), der die seltsamsten Gerichte auf den Tisch zaubert. Da fliegen die Verliebten in wolkigen Flugkörpern durch Paris oder verbiegen sich beim Tanzen unter stimmungsvoller Musik, wobei Gondry das 'sich verbiegen' wörtlich nimmt und die Körper der Protagonisten verformt.

In dem Maße wie er das irreale Reich der Träume und die abstrakte Welt der Gefühle als Realität proklamiert, in dem Maße schwelgt der Eklektiker Gondry in der Kunst- und Filmgeschichte. Immer wieder erinnert "Der Schasum der Tage" an die absurde Welt der Slapstick-Komödie, wenn etwa Gegenstände lebendig werden oder Menschen Gegenständen ähneln. Wenn das Paar in einer Kirche heiratet und die Zeremonie unter Wasser stattfindet, dann ist Gondry ganz bei Buster Keatons Stummfilmklassiker "Navigator", in dem Buster unter See agiert, wie man es an Land tut. Einmal entwickelt "Der Schaum der Tage" eine Kafkaeske Stimmung, dann ist der Film wieder eine Hommage an Duke Ellington, um schließlich bei Vians Zeitgenossen, dem Existenzialisten Jean-Paul Sartre, zu landen.

Leider ist die Stärke von "Der Schaum der Tage" zugleich seine größte Schwäche. Gondry packt sein Werk mit visuellen Ideen so voll, dass es deren Gewicht nicht tragen kann. Im Grunde genommen erzählt Gondry eine einfache Liebesgeschichte. Ein Mann sehnt sich nach der großen Liebe, findet sie schließlich und erlebt deren Höhen und Tiefen. Die Hauptmotive und die Dramaturgie kennt man nicht erst seit "Love Story". Doch die Kaskade von Gadgets, die Lust Gondrys am poetischen Erfinden und der visuellen Überwältigung überstrahlt die Geschichte wie sie auch den Charakteren die Aura nimmt. Vor diesem Hintergrund sind die Haupt- und Nebendarsteller machtlos. Audrey Tautou, Romain Duris, Omar Sy und Ko. werden wohl vor allem mit der Absicht besetzt, Gondrys Experimente für die Masse schmackhaft, um nicht zu sagen: erträglich zu machen. Doch auch sie können sich gegen die Dominanz des Regisseurs nicht durchsetzen. Irgendwann ist der Zuschauer von der Bilderflut des Films überfordert.

Gondry ist in "Der Schaum der Tage" viel zu sehr Poet, der seinen abstrahierenden Blick allzu sehr auf Einzelheiten heftet, er scheitert aber als Erzähler - ein Vorwurf, mit dem er immer wieder konfrontiert wird. Anders als bei seinem Meisterwerk "Vergiss mein nicht!" mit Charlie Kaufman fehlt in "Der Schaum der Tage" ein starker Drehbuchautor, der die Spielfreude des Regisseurs im Zaum hält. Im Grunde zeigt sich beim Phänomen Gondry die gleiche Problematik, mit der das Slapstick-Genre zu Beginn der Kinogeschichte konfrontiert wird. Als die großen Kurzfilm-Komiker beginnen, in Langfilmen aufzutreten, müssen sie erst die Balance zwischen Gag und Handlung ausloten. Auch Gondry hat es im Kurzformat zu einer unnachahmlichen Meisterschaft gebracht. Im Spielfilm muss er erst noch das Gleichgewicht zwischen Vision und Narration finden.
Der Schaum der Tage

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Kinotrailer zu "Der Schaum der Tage"

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