Festivalfeature: Starke Frauenfiguren auf der Berlinale | FILMREPORTER.de
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Feature

Sergio Hernández und Paulina García in "Gloria"
"Gloria" und "Die Nonne" im Wettbewerb

Starke Frauenfiguren auf der Berlinale

Am vierten Tag der Berlinale 2013 geben starke Frauen den Ton an. Sowohl "Gloria" von Sebastián Lelio als auch das Drama "Die Nonne" von Guillaume Nicloux handeln von selbstbewussten Frauen, die ihr Recht auf Glück mit allen Mitteln einfordern. Ein starker Wettbewerbstag mit zwei überzeugenden Beiträgen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 10. Februar 2013

Regisseur Sebastián Lelio ("Gloria")

Regisseur Sebastián Lelio ("Gloria")

Starke Frauen vor und auf der Leinwand
Über einen Mangel an Frauen bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin kann sich 2013 keiner beschweren. Festivalleiter Dieter Kosslick hat dafür gesorgt, dass in der Berlinale in diesem Jahr mehr weibliche als männliche Fachleute der Jury angehören und immerhin vier Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten sind. Spätestens am heutigen vierten Tag zeigt sich auch, dass auch auf der Leinwand starke Frauen den Ton angeben. Nachdem Thomas Arslan gestern mit dem deutschen Western "Gold" vorpreschte, legen Sebastián Lelio mit "Gloria" und Guillaume Nicloux mit "Die Nonne" in punkto Frauenpower nach. Beides sind gelungene Filme mit großartig aufspielenden Schauspielerinnen, die zeigen, dass die 63. Internationale Filmfestspiele von Berlin zwar kein überragendes, dafür ein solides Wettbewerbsprogramm zu bieten hat.

"Gloria" handelt von der alleinstehenden Gloria (Paulina Garcia), die im Herbst ihres Lebens erneut auf der Suche nach einem neuen Partner ist. Dafür geht sie jeden Tag in die Disco, wo sie mit Männern tanzt, sich von ihnen verführen lässt oder die sie selbst verführt. Eines Tages begegnet sie in einem Club Rodolfo (Sergio Hernández). Es dauert nicht lange, bis beide ins Gespräch kommen und im Bett landen. Dafür braucht es umso länger, bis Gloria hinter die Fassade des älteren Mannes blicken kann. Er soll geschieden sein, wie er versichert, während die andauernden Anrufe auf dem Handy seine lästigen Kinder seien, die einfach nicht erwachsen werden wollen. Den Mann umgibt eine rätselhafte Aura. Als Gloria ihn zum Geburtstag ihres Sohnes einlädt, verlässt er die Party, ohne ein Wort zu sagen. Später wiederholt er sein Verhalten, indem er das Hotelzimmer verlässt, in das er Gloria zuvor eingeladen hatte. Soll sie ihm noch eine Chance geben, oder sich seiner endgültig entledigen?

"Gloria" ist eine Studie über eine starke Frau, die ihrer Einsamkeit entfliehen will und dafür so manche Enttäuschung riskiert. In der Interpretation der wunderbaren chilenische Schauspielerin Paulina García hat sich Gloria im Alter nicht nur ihre äußere Schönheit bewahrt, sondern behält bei ihren amourösen Abenteuern auch ihre Würde. Garcías Spiel ist es vor allem zu verdanken, dass die Protagonistin bis zuletzt sympathisch bleibt. Drehbuch und Regie sorgen für ergreifende Szenen und einen insgesamt berührenden Film, den man in den europäischen Kinos hoffentlich nicht nur im Rahmen von Festivals sehen wird.

Susanne (Pauline Etienne) erlebt als "Die Nonne" eine Odyssee

Susanne (Pauline Etienne) erlebt als "Die Nonne" eine Odyssee

Mut zur Selbstverwirklichung
Eine selbstbewusste Frau steht auch im Mittelpunkt von Guillaume Niclouxs Drama "Die Nonne" nach dem gleichnamigen Roman von Denis Diderot. Der Filmemacher widerstand der Versuchung die im 18. Jahrhundert angesiedelte Vorlage zu modernisieren und sie in die Gegenwart zu verlegen. Im Zentrum steht die 16- jährige Susanne (Pauline Etienne), das gegen ihren Willen eine qualvolle Odyssee durch mehrere Nonnenklöster macht. Der Grund für das Leiden des Mädchens ist familiärer und gesellschaftlicher Natur. Familiär, weil für das jüngste von insgesamt drei Schwestern die Mittel für eine Heirat fehlen. Gesellschaftlich, weil Susanne von ihren Eltern - die Mutter wird von Martina Gedeck verkörpert - ins Kloster abgeschoben wird, um sie vor der Armut zu bewahren. Dass für Susanne damit ein Albtraum beginnt, wird stillschweigend hingenommen. Während sie in dem einen Kloster von ihren Mitschwestern schikaniert und psychisch wie körperlich misshandelt wird, muss sie sich in einem anderen Kloster den Avancen der Oberin erwehren.

Anders als der Inhalt vermuten lässt, ist "Die Nonne" kein religions- und kirchenkritischer Film. Regisseur Guillaume Nicloux zeigt deutlich, dass das Leiden der Protagonistin aus den Verfehlungen Einzelner herrührt. Die junge Nonne hätte es auch anders treffen können. Am Anfang ging es ihr schließlich gut, als sie noch in der Obhut einer alten, gütigen Nonne war, die für die Nicht-Berufung Susannes Verständnis hatte. Abgesehen davon lässt der Regisseur genug Raum, um die Kirche ins rechte Licht zu rücken. Etwa in Gestalt des Geistlichen, der die sadistische Nonne wegen ihrer Klosterführung entlässt.

Nein, die Anklage Niclouxs richtet sich vielmehr gegen Verhältnisse jenseits der Kirchenmauern. Nicht die Kirche, sondern die Gesellschaft trägt Schuld daran, dass dem Einzelnen keine Raum bleibt, sich zu verwirklichen. Susanne ist nur ein Beispiel für diesen Determinismus, der junge Priester, der ihr später helfend zur Seite steht, ein weiteres. Anders als Jacques Rivette, der Diderots Roman bereits im Jahr 1966 verfilmte und daraus ein kirchenkritisches Drama kreierte, das in Frankreich zeitweise verboten war, dürfte Nicloux mit seiner Version also kaum den Unmut der Katholischen Kirche provozieren. Dafür wird er die Wertschätzung der Zuschauer erfahren. Denn "Die Nonne" ist ein dicht und unaufgeregt inszenierter Film, das sein Plädoyer für Freiheit, Selbstverwirklichung und Mut in streng komponierte und erlesene Bilder verpackt. Wunderbar besetzt, überzeugen in dem beklemmenden Drama vor allem Pauline Etienne in der Titelrolle, Martina Gedeck als äußerlich verhärtete und doch liebende Mutter sowie Isabelle Huppert, die hier ihre großartige Rolle aus Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" anklingen lässt.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 10. Februar 2013

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