Filmkritik: Jodorowsky gewaltige "Dune"-Verfilmung | FILMREPORTER.de
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Jodorowskys Dune
Der größte Film, den es nie gab

Jodorowsky gewaltige "Dune"-Verfilmung

Mitte der 1970er Jahre folgt Kultfilmer Alejandro Jodorowsky der Einladung des Produzenten Michel Seydoux nach Paris, um dort die Adaption von Frank Herberts SciFi-Roman "Der Wüstenplanet" vorzubereiten. Jodorowsky spannte die besten Künstler seiner Zeit ein - bis Hollywood den Geldhahn zudrehte. Frank Pavich hat in "Jodorowskys Dune" nachgefragt. Die Dokumentation lief auf vielen Festivals, so auch auf dem Filmfest München.
Von  Thorsten Krüger/Komm & Sieh, 28. April 2014

Surrealistisches Epos mit Riesenbudget
"The most important picture in the history of humanity" nennt der 84-jährige Regisseur mit wachem Geist und Riesen-Ego fast 40 Jahre nach dem Scheitern seine Vision. So größenwahnsinnig sein Kunstfilmprojekt des Jahrhunderts auch gewesen sein mag, für Frank Pavich erzählt Alejandro Jodorowsky bereitwillig vom Mythos seines 'cineastischen Gottes', der nur in einem kiloschweren Storyboard aus 3000 Zeichnungen existiert.

Animationen daraus illustrieren Aspekte als fertigen Film und Beteiligte von einst sowie Bewunderer von heute - zu diesen gehören Richard Stanley und Nicolas Winding Refn. Sie veranschaulichen, wie das als halluzinogener LSD-Trip geplante Opus Magnum ausgesehen hätte. Die Mitwirkung der größten Künstler und kommenden Talente jener Tage füttert die eigene Imagination derart, dass jede Beschreibung unter verrückt und revolutionär hoffnungslos untertrieben wäre.

In einem kurzen Abriss stellt Pavich Person und Werk des vom Avantgarde-Theater kommenden, aus Chile stammenden Mexikaners Jodorowsky vor, der Anfang der 1970er mit "El Topo" und "Montana Sacra - Der heilige Berg" zum Schamanen des psychedelischen Midnight Movies wurde. Er nahm das Angebot des französischen Produzenten Seydoux an, um Frank Herberts bahnbrechende Bibel der Science Fiction anzugehen - ohne sie gelesen zu haben.

Jodo, der Jedi, der Guru esoterischer Experimentalkunst, wollte mit Riesenbudget ein surrealistisches Epos schaffen. Der spirituelle Krieger suchte Mitstreiter - und fand sie: Den begnadeten Comiczeichner Jean Giraud (alias Mœbius), der die Ideen Bild für Bild ins Skizzenbuch übertrug. Dazu den renommierten SciFi-Cover-Maler Chris Foss, Effektspezialist Dan O'Bannon ("Dark Star - Finsterer Stern") sowie den aufstrebenden Künstler H.R. Giger.

Prophet der kühnen Kompromisslosigkeit
Nach dem Motto "Kein Meisterwerk ohne Wahnsinn" betete Jodorowsky Pink Floyd, Salvador Dalí und Orson Welles an - und engagierte sie alle kurzerhand. Des weiteren, zumindest nach seiner eigenen Aussage auch Mick Jagger, Udo Kier (direkt aus Andy Warhols Factory), David Carradine und Dalís Muse Amanda Lear. Seinen 12-jährigen Sohn Brontis Jodorowsky, den er auf dem Altar der Kunst opferte und viele Jahre in die Kampfsporthölle schickte, hatte er auch eine Rolle zugedacht.

Auch wenn man Pavichs Ansatz hagiographisch nennen kann, desavouiert sich der jovial plaudernde Jodorowsky doch selbst als rücksichtslos und megaloman. Es benötigt keinen Kommentar, um sich von diesem erleuchteten Propheten zu distanzieren und sich zugleich für dessen kühne Kompromisslosigkeit zu begeistern. Mit diesen erstaunlichen Konzepten wäre die Filmgeschichte vermutlich ein wenig anders verlaufen.

Man versteht, wieso kein Studioboss die damals exorbitanten 15 Millionen riskieren wollte für einen Halb-Verrückten, der "Frank Herberts Roman vergewaltigen" wollte, "aber mit Liebe". Andererseits ist Jodorowsky aus gutem Grund noch heute auf die phantasielosen Krämerseelen wütend - jeder Hollywoodmagnat hatte eins der voluminösen Entwurfbücher vorliegen, aber keiner wagte die fehlenden fünf Millionen auszugeben.

Der Traum platzte also - eine katastrophale Enttäuschung, David Lynch übernahm und vermasselte das Projekt ("Dune - Der Wüstenplanet") 1984 grauenhaft. Aus diesem Stoff wurde eine Legende geboren, deren Einfluss von "Star Wars" bis "Prometheus - Dunkle Zeichen" reicht, auch weil viele Künstler ihre Ideen - so etwa in "Alien" - realisierten. Keiner kann sagen, ob das Werk je ein Erfolg geworden wäre, aber nun kann jeder davon träumen. Anschauen ist ergo oberste Cineastenpflicht.
Thorsten Krüger/Komm & Sieh - 28. April 2014

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