Filmkritik: Freiheit in vitro | FILMREPORTER.de
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Schafft Grace (Bryce Dallas Howard) den Einstrieg in die Demokratie?
Big Brother is teaching you

Freiheit in vitro

Eine Fahrzeugkolonne durchquert den Süden der USA. Lautlos gleiten die Wagen auf einer Landkarte. Sie passieren die dicken Strichlinien der Staatsgrenzen und halten schließlich vor einer Ortschaft namens Manderlay. Als Grace (Bryce Dallas Howard) aussteigt, ist ein langes Kamerazoom gerade zu Ende. Die kleinen Spielzeugautos sind inzwischen lebensgroß und die Landkarte der Vereinigten Staaten hat sich in eine weite, spärlich beleuchtete Bühne verwandelt, auf der eine verstörende Erzählung ihren Lauf nimmt.
Von  Vincenzo Panza/Filmreporter.de, 16. November 2005

Danny Glover

Danny Glover

Grace (Bryce Dallas Howard) hat gerade mit ihrem Vater (Willem Dafoe) und seiner Halunkengefolgschaft Dogville verlassen und befindet sich auf dem Heimweg nach Denver. Man schreibt das Jahr 1933 und die Sklaverei ist seit über 70 Jahre offiziell abgeschafft. Als während einer kurzen Rast eine verzweifelte Farbige ihnen entgegen rennt und nach Hilfe fleht, muss sich die zarte Grace jedoch eines Besseren belehren lassen. Im Dörfchen Manderlay ticken die Uhren anders. Junge Schwarze ernten Peitschenhiebe wenn sie Weiße nicht gehorchen und eine greise Plantagenbesitzerin entscheidet immer noch über Alltag und Essensgewohnheiten ihrer Untergebenen.

Die Verknechtung von Afroamerikaner hat hier im Nirgendwo Alabamas nie aufgehört. Die gepflegte Reisende sieht sich zum Handeln verpflichtet. Entgegen der Empfehlung ihres Vaters, entschließt sie sich, ihre Rast zu verlängern; schließlich ist die alte Plantagenherrin Mam (Lauren Bacall) ihr fast in den Armen gestorben. Mit einer Handvoll bewaffneter Schurken und einer Unmenge Idealismus nimmt sie ihren Platz ein und schickt sich an, den bisher versklavten Arbeitern mit der Bedeutung von Freiheit und Demokratie zu indoktrinieren. Ihr Vater lässt sie dabei nur widerwillig zurück und einigt sich darauf, sie verrichteter Dinge nach der nächsten Baumwollernte wieder abzuholen.

Sparsame Kulissen: Manderlay

Sparsame Kulissen: Manderlay

Nach wenigen Anfangsminuten ist unmissverständlich klar, dass dieses Drama eine Versuchsanordnung ist, deren Objekte die Spezies Mensch ist. "Manderlay" ist der zweite Teil der geplanten Amerika-Trilogie des dänischen Filmemachers Lars von Trier und beginnt da, wo "Dogville" endete. Wie im ersten Trilogiewerk lasten Handlung und Dialoge ausschließlich auf den Schultern der Mimen, denn die Dekorateure haben sich auch diesmal bewusst sparsam gegeben. Die Filmkulisse ist auf das Nötigste reduziert: Kreidestriche ersetzen Hauswände und quietschende Türen existieren nur in der Phantasie des Betrachters. Vieles ist in dieser Geschichte durchsichtig; das Bühnenbild genauso wie die Charaktere. Die in der Abgeschiedenheit eines grenzenlosen Bretterbodens agierenden Schauspieler gleichen in einem Labyrinth umherirrende Versuchsmäuse, die auf Schritt und Tritt überwacht werden. Wie in einem Experiment nehmen die Zuschauer Notiz von ihrem Handeln, bewerten es und ziehen ihre Schlüsse.

Kaum ein Regisseur, schöpft soviel aus den vielfältigen Möglichkeiten des filmischen Mediums wie Lars von Trier. "Manderlay" ist hierfür ebenso ein Beleg, wie "Dogville". Der skandinavische Regisseur und Drehbuchautor, der die Provokation als Pflicht betrachtet, erzählt die Geschichte einer naiven Weltverbesserin, deren weltentrückter Elan sie zuerst in die prätentiöse Rolle der Rechtschaffenden zwingt und schließlich an die die Grenzen ihres Gewissens treibt. Die bisher kaum bekannte Texanerin Bryce Dallas Howard übernimmt die Hauptrolle und ersetzt Nicole Kidman, die in "Dogville" die Figur der Grace verkörpert hatte, dieses Mal jedoch aus terminlichen Gründen absagen musste. Howard bürdet sich eine gewaltige Aufgabe auf, denn die konsequent durchgeführte Entschlackung der Szenerie drängt zwangsläufig Handlung und Figurengestaltung in den Vordergrund. Sowohl die darstellerische Fähigkeiten der Schauspieler, als auch die Vorstellungskraft der Zuschauer werden deshalb inmitten der halbnackten Spielfläche auf eine harte Probe gestellt. Trotz einer sehenswerten Leistung, gelingt es ihr leider nicht, die Spannung durchgehend aufrecht zu erhalten. Mit Willem Dafoe als zynischen Filmvater und Danny Glover als ergrauten Sklavenhäuptling hat sie aber zum Glück erfahrene Kollegen an der Seite, die ihr Spiel bei Bedarf auffangen.

Winston Churchill soll mal gesagt haben, dass Demokratie die schlechteste aller Staatsformen sei, wenn man die anderen ausnimmt. Lars von Trier schnappt diesen ernüchternden Gedanken auf und unterstreicht ihn mit einem bedrückenden Film. Gleichzeitig liefert er jedoch eine lakonische Parabel über den amerikanischen Irak-Feldzug gleich noch dazu. "Manderlay" ist eine fiktive Dokusoap à la Big Brother, die sich nicht leicht verdauen lässt. Vielleicht liegt das an der unvermeidbaren Dialoglastigkeit des Drehbuchs, der stets durchschimmernden belehrenden Haltung des Regisseurs oder an der Ernsthaftigkeit der Thematik. Auf jedem Fall hat es der Zuschauer hier mit einem erlesenen Stück Kino zu tun, das keine Zeit zum Popcornstopfen gibt. Gefüttert wird anderswo, hier ist Denken angesagt.
Vincenzo Panza/Filmreporter.de - 16. November 2005

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