Filmkritik: Trockenes Saufen | FILMREPORTER.de
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Feature

Matt Dillon und Dean Brewington
Dillon ist Bukowskis alter Ego

Trockenes Saufen

Worin liegt die große Kunst beim Verfilmen von Büchern? Dass man die Rollen mit Schauspielern besetzt, die ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten sind? Oder sollte man den "spirit" einer Geschichte, der sich dem Leser in die Erinnerung brennt, transportieren? Im ersteren Fall wäre Matt Dillon als Charles Bukowskis alter ego Henry Chinaski in "Factotum" eine glatte Fehlbesetzung.
Von  Andreas Pflieger, Filmreporter.de,  5. Dezember 2005

Der Schauspieler ist mit mittlerweile 41 Jahren zwar kein junger Mann mehr, aber Ähnlichkeiten zwischen ihm und dem realen Bukowski gibt es keine. Wer dagegen der zweiten Alternative zuneigt, kann sich freuen: Derart "bukowskiesk" hat noch kein Film ausgesehen und Dillons lakonisches Spiel ist für die Illustration der Welt des Dichters hervorragend geeignet.

"Factotum" schildert einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben von Henry Chinaski (Dillon), der sich recht erfolglos mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Eine Karriere im herkömmlichen Sinne ist ihm ohnehin egal. Was ihn außer dem Schreiben vor allem interessiert sind Frauen, Alkohol, Zigaretten und Spielen. Dass sein Scheitern dabei weder als eine bloße Anklage der sozialen Verhältnisse noch als pures Rebellentum beschrieben wird, macht den diffusen, aber sehr sympathischen Ton des Films aus.

Der norwegische Regisseur Bent Hamer schafft es, seinem ersten US-Film eine fast "skandinavische" Traurigkeit zu verleihen. Eine Traurigkeit, die von den Figuren so selbstverständlich gelebt wird, dass die daraus entspringende Lakonie als das Normalste der Welt erscheint. Die Städte, durch die Chinaski läuft, sind von einem geradezu süchtig machenden Grau. Die Zimmer, in denen er sich aufhält, sind derart unschick, dass sie auf bizarre Weise heimelig wirken. Und die Frauen - hier sind es zwei, nämlich Jan (Lili Taylor) und Laura (Marisa Tomei) - mit denen er kurze Affären hat, wirken in ihrer graziösen Verkommenheit unglaublich anziehend.

Selbstredend passen sowohl seine Arbeitsstätten in diese depressiv-sarkastische Atmosphäre als auch die Bars, in denen er säuft. Trinken im Sinne gepflegten Alkoholgenusses ist anders, das wird hier sehr deutlich gemacht. Manchmal blitzt auch der für Bukowski typische dunkle Humor auf, etwa wenn Chinaskis Chef ihn einem seiner schreibenden Freunde vorstellt, der offenbar einen längeren Gedankenaustausch mit dem Kollegen erwartet. Chinaski aber sagt - nichts. Etwa drei Film-Minuten ist Rauch alles, was aus den Mündern der drei Männer kommt, bevor Chinaski sich mit etwas wie "Ich geh' dann mal wieder, wenn's recht ist" verabschiedet. Nackt, trocken, ohne jede überflüssige Melodramatik und ohne allzu viele Worte - Bukowski hätte Hamers Inszenierung vermutlich gefallen.
Andreas Pflieger, Filmreporter.de - 5. Dezember 2005

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