Filmkritik: Peter Greenaway - Filmpoet und Mathematiker | FILMREPORTER.de
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Eisenstein findet in Guanajuato Liebe und Tod (Elmer Bäck, Luis Alberti)
Wiedergeburt in Mexiko: "Eisenstein in Guanajuato"

Peter Greenaway - Filmpoet und Mathematiker

In "Eisenstein in Guanajuato" erzählt Peter Greenaway vom Aufenthalt des sowjetischen Regisseurs Sergej Eisenstein in Mexiko. Der kann hier einen geplanten Film zwar nicht beenden, geht aus der Begegnung mit der mexikanischen Kultur aber als neuer Mensch hervor. Der legendäre britische Regisseur steht mit dem virtuos inszenierten und vielschichtigen Film dem nicht minder legendären sowjetischen Filmemacher an Experimentierfreude in nichts nach. Sein auch schauspielerisch großartig interpretierter Film ist 2015 einer der Höhepunkte auf der Berlinale.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  1. November 2015

In Mexiko sind der Tod und die Liebe Geschwister

In Mexiko sind der Tod und die Liebe Geschwister

Fremde Kultur: Tod und Liebe
Der visionäre sowjetische Regisseur Sergej M. Eisenstein (Elmer Bäck), der nach nur vier Filmen und mit gerade mal 33 Jahren zu den größten Filmkünstlern der Welt aufgestiegen ist, reist nach Mexiko, um hier einen weiteren Film zu drehen. Zu seiner Entourage gehört Stamm-Kameramann Eduard Tissé (Jakob Öhrman). Empfangen wird das Filmteam in Guanajuato von dem Künstler-Paar Diego Rivera und Frida Kahlo. Sein großangelegtes Epos "Qué viva México" wird Eisenstein trotz 50 Stunden Filmmaterial nicht fertigstellen. Die Begegnung mit der Kultur und den Menschen des exotischen Landes wird für ihn dennoch eine lebensverändernde Erfahrung sein.

Es ist die Begegnung mit dem Tod, dem Thanatos, und der Liebe, dem Eros, die seine Welt 'erschüttern' werden, wie es in "Eisenstein in Guanajuato" in Anlehnung an den vollständigen Titel von Eisensteins dritten Film, "Oktober. Zehn Tage, die die Welt erschütterten", heißt. Der Filmemacher, der in seinem Werk mehrmals die blutige Revolution in seinem Land thematisiert hat, lernt in Mexiko den Tod von einer ganz neuen Seite kennen. Während in Russland das Thema weitgehend tabuisiert wird, ist Gevatter Tod hier allgegenwärtig - ein naher Verwandter. Um dies zu verdeutlichen, umgibt Greenaway Eisenstein immer wieder mit dem Morbiden: Totenschädel, mumifizierte Leichen, bei einer Naturkatastrophe ums Leben gekommene Menschen, zu denen auch ein sterbendes Baby gehört, säumen in den nächsten Monaten den Weg des Künstlers.

Eisenstein dreht in Guanajuato nur wenig

Eisenstein dreht in Guanajuato nur wenig

Filmgeschichte aus Sex und Gewalt
Dem Eros begegnet der sexuell unerfahrene Eisenstein bald in Gestalt seines mexikanischen Führers, Palomino Cañedo (Luis Alberti). Der attraktive junge Mann führt den neugierigen und gebildeten Künstler nicht nur in die Kultur seines Landes ein, sondern erweist sich auch in Liebesdingen ein Wegweiser. Höhepunkt der sexuellen Erweckung Eisensteins ist eine Sexszene zwischen dem Künstler und Palomino, die Greenaway ebenso unverblümt wie humorvoll in Szene setzt. Wie Russland vor 14 Jahren entjungfert wurde, lässt er Eisenstein nach dem Geschlechtsakt sinnieren, so habe auch er heute seine Unschuld verloren. Daraufhin steckt ihm sein Liebhaber eine rote Miniaturflagge in den Anus. Es ist die witzigste Szene dieses ungemein witzigen Films.

Sex und Gewalt - das sind auch in der Filmgeschichte die zentralen, immer wiederkehrenden Themen, reflektiert der Filmkünstler und Theoretiker Eisenstein. Aus diesem Grund platziert Greenaway die mit Blutvergießen einhergehende Liebesszene exakt in der Mitte seines Films. Um die Bedeutung des Eros nicht nur im Leben seines Protagonisten deutlich zu machen, lässt er in der Mitte der Szene zudem das Wort 'fuck' erklingen, wie der Regisseur auf der Berlinale-Pressekonferenz im Anschluss an die Pressevorführung erklärt.

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