Retro-Starportrait: Scharfrichter beim Film | FILMREPORTER.de
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Helmut Käutner
Helmut Käutner: Regisseur der kleinen Leute

Scharfrichter beim Film

Die Laufbahn vieler deutscher Filmschaffender endet mit dem Jahr 1945. In eben diesem Jahr erreicht die Karriere Helmut Käutners ihren Höhepunkt. Sein Drama "Große Freiheit Nr. 7" war zwar schon 1943 entstanden, scheiterte aber an der nationalsozialistischen Zensur. So war es gemeinsam mit Käutners Romanze "Unter den Brücken" erst nach dem Krieg zu sehen. Der deutsche Film ließ seine Chance auf einen Neubeginn verstreichen. Helmut Käutner auch. Nichts desto trotz haben Komödien wie "Der Hauptmann von Köpenick" (1956) oder "Der Schinderhannes" (1958) viele Anhänger gefunden.
Von  André Weikard/Filmreporter.de,  7. Dezember 2016

"Unter den Brücken" von  Helmut Käutner

"Unter den Brücken" von Helmut Käutner

Familie von Nobelpreisträger Wilhelm Conrad Röntgen
Mütterlicherseits stammt Helmut Käutner aus der Familie von Nobelpreisträger Wilhelm Conrad Röntgen. Arzt will er trotz der edlen Gene nie werden. Der Junge aus Essen besucht stattdessen Schauspielkurse und macht in einer Laiengruppe erste Erfahrungen mit dem Schauspiel. Seine Eltern erleben sein Abitur nicht mehr. So wird der Theaterwissenschaftler Artur Kutscher sein Mentor. Bei ihm studiert er in München. Geld muss er sich durch journalistische Arbeiten dazuverdienen.

Aus dem Nebenjob wird schließlich ein Beruf. Käutner gibt sein Promotionsvorhaben auf und tritt als Kabarettist auf. Seine Truppe nennt sich Die Nachrichter. Der Name bezieht sich nicht auf ihre Botschaft, sondern den altertümlichen Begriff für den Henker. 1932 parodiert das vierköpfige Ensemble die blühende Musicalkultur. Ihr Programm "Hier irrt Goethe" wird in Münchens große Schauspielhäuser eingeladen, schließlich auch ins Berliner Renaissance-Theater. Kritiker Viktor Wittner lobt in der Kulturzeitschrift Der Querschnitt "die Erneuerung des Kabaretts aus dem Geist des Seminars". Das Publikum zeigt sich begeistert. Eine Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz folgt.

Ilse Werner und Hans Albers in Helmut Käutners "Große Freiheit Nr. 7"

Ilse Werner und Hans Albers in Helmut Käutners "Große Freiheit Nr. 7"

Ab 1933 unpolitische Wandertruppe?
Käutners Versuch, die Gruppe ab 1933 als unpolitische Wandertruppe weiterzuführen, gelingt nur, weil man sich von dem nicht-arischen Mitglied Bobby Todd trennt und der NS-Bühnengenossenschaft beitritt. Trotzdem wird das Programm der Nachrichter 1935 "wegen mangelnder Zuverlässigkeit und Eignung im Sinne der nationalsozialistischen Staatsführung" verboten. Nach verschiedenen Arbeiten als Autor arbeitet der junge Käutner mit "Kitty und die Weltkonferenz" 1939 das erste Mal als Regisseur. Dass eine Komödie über den Völkerbund im Kriegsjahr 1939 verboten wird, verwundert nicht. Daraufhin widmet er sich harmloseren Themen. Dass er sich trotzdem den Vorgaben des Propaganda-Ministeriums widersetzt, ist bemerkenswert. Als einer der ersten Farbfilme dreht er 1943 mit Hans Albers "Große Freiheit Nr. 7". Die Arbeiten müssen wegen Bombenangriffen auf Hamburg nach Prag verlegt werden. Das Drama wird erst nach Kriegsende uraufgeführt. Die nationalsozialistische Propaganda hat keinen Sinn für eine melancholische Liebesgeschichte.

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