Retro-Starportrait: Geächtete Hollywood-Ikone | FILMREPORTER.de
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RETRO Feature

Monsieur Charlie Chaplin.
Tramp & Gentleman: Charlie Chaplin

Geächtete Hollywood-Ikone

Der 16. April 1972 geht als einer der bewegendsten Momente in die Geschichte Hollywoods ein: Vor versammelter Filmprominenz nimmt der 83-jährige Sir Charles Chaplin einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk entgegen. Das Publikum bejubelt den kleinen großen Mann und feiert ihn mit Standing Ovations. Es ist die sehr späte Wiedergutmachung an einem Künstler, dem 20 Jahre zuvor die Rückreise in seine Wahlheimat USA verwehrt worden war. Zeit seines Lebens gilt Chaplin nicht nur als genialer Komiker, sondern auch als kritischer Geist. Mit seinen Filmen bringt er Millionen von Menschen zum Lachen. Er prangert aber auch soziale Missstände und politischen Größenwahn an.
Von  Michael Wenk, 30. Oktober 2017

Charlie Chaplin in "Der Frauenmörder von Paris"

Charlie Chaplin in "Der Frauenmörder von Paris"

Leben aus der Straßenperspektive
Charlie Chaplin gehört zu jenen Filmschaffenden, deren Herkunft und Eindrücke aus Jugendtagen sich unmittelbar in ihrem Werk widerspiegeln. Schauplatz fast aller seiner Filme ist die Straße: Sei es eine hektische Großstadtmeile, eine staubige Landstraße oder die triste Gasse eines Arme-Leute-Viertels. Das ist kein Zufall, denn seit frühester Kindheit hat der am 16. April 1889 in London geborene Chaplin das Leben aus der Straßenperspektive kennengelernt. Es sind keine fröhlichen Kinderjahre. Chaplins Eltern sind Unterhaltungskünstler und trennen sich früh. Die Mutter leidet an psychischen Problemen, der Vater stirbt infolge Alkoholmissbrauchs. Charlie und sein Halbbruder Sydney wachsen im Armenhaus auf. Die einzige Chance, dem Elend zu entkommen, bietet sich Charlie beim Theater. Bereits mit neun Jahren steht er auf einer kleinen Londoner Bühne und spielt dort das, was er auch im wirklichen Leben ist: einen Gassenjungen. 1908 findet Chaplin Anschluss an die Truppe des Theaterunternehmers Fred Karno. Im dessen Gefolge unternimmt er in den Jahren 1911 bis 1912 zwei USA-Tourneen. Für Chaplin erweisen sich die Vereinigten Staaten als das gelobte Land. In der aufstrebenden Filmindustrie Hollywoods findet er ein ideales Betätigungsfeld. 1913 nimmt ihn die Keystone Filmgesellschaft von Produzent Mack Sennett unter Vertrag. Mit zunächst 150 Dollar Wochengage ist Charlie Chaplin auf dem besten Weg, die Hungerjahre seiner Kindheit endgültig hinter sich zu lassen.

Der große Diktator

Der große Diktator

Geburtsstunde des Tramps
Anfang 1914 beginnt Chaplins Arbeit bei Keystone. Dort spannt man den kleinen, schmächtigen Charlie mit dem dicken Komiker Roscoe 'Fatty' Arbuckle zusammen. Doch die Zusammenarbeit widerstrebt Chaplin. Der Effekt seiner Auftritte mit Arbuckle beruht lediglich auf dem körperlichen Gegensatz beider Komiker. Doch Chaplin will mehr: Sein Ehrgeiz zielt auf eine Lustspielfigur mit Charakter und tragischen Zügen ab. Eine Figur, in der sich das breite Publikum wiedererkennt. Ein tragischer Alltagsheld, über den die Kinozuschauer lachen und weinen können. Eine Handvoll Requisiten helfen Chaplin bei der Gestaltung seiner Paraderolle: Ein Paar ausgetretener Schuhe, eine viel zu große schwarze Hose mit dazugehöriger Jacke, eine schäbige schwarze Melone, ein Spazierstock und ein zwei Finger breites schwarzes Oberlippenbärtchen. Es ist die Geburtsstunde des Tramps, der fortan zu Chaplins Markenzeichen und zu einer der berühmtesten Figuren der Filmgeschichte wird. Im Februar 1914 erscheint Charlie, der Tramp erstmals auf der Leinwand. Der Erfolg beim Publikum ist so groß, dass Chaplin bald größeren Einfluss auf seine Filme nehmen kann. Regie, Drehbuch und Schnitt liegen fortan in seiner Hand. Mit "Entführung" entsteht 1915 einer der ersten typischen Tramp-Filme. Die Ausgangssituation entspricht der vieler weiterer Chaplin-Filme: Der gutherzige, aber mittellose Charlie verliebt sich in ein Mädchen aus reichem Hause (Edna Purviance). Doch das Mädchen soll mit einem reichen Aristokraten verheiratet werden. Charlie muss sich Allerhand einfallen lassen, um seine Angebetete für sich zu gewinnen.

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