Retro-Starportrait: Halbstark: Horst Buchholz | FILMREPORTER.de
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Horst Buchholz und Romy Schneider beim gemütlichen Kennenlernen.

Horst Buchholz und Romy Schneider beim gemütlichen Kennenlernen.

Zwischen den Geschlechtern
Mit der liebreizenden Romy und dem schnodderigen 'Hotte' verfügt der deutsche Film über ein blitzjunges Traumpaar, das die Herzen des Publikums höher schlagen und die Kinokassen klingeln lässt. Doch Buchholz denkt nicht daran, sich einseitig auf Rollen in zartbitteren Melodramen festlegen zu lassen. Die Thomas Mann-Verfilmung "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" eröffnet ihm 1957 die Chance, sich erstmals als Charakterdarsteller zu beweisen. Die Figur des Schwindlers und Lebemannes Felix Krull, der zum Lustobjekt von Frauen wie Männern wird, scheint Buchholz geradezu auf den Leib geschrieben. Was das Publikum nicht ahnt: Auch im realen Leben fühlt sich der Schauspieler zu beiderlei Geschlechtern hingezogen. Obwohl ab 1958 mit seiner Schauspielerkollegin Myriam Bru verheiratet und Vater zweier gemeinsamer Kinder, unterhält Buchholz auch Beziehungen zu Männern. So zählt der Journalist und Sexualaufklärer Oswalt Kolle zu seinen Partnern. Buchholz weiß um die Brisanz seines Lebenswandels, der den Moralvorstellungen der prüden 1950er Jahre entgegensteht. Um sich vor Anfeindungen zu schützen, hält er sein Doppelleben jahrzehntelang unter Verschluss. Erst anlässlich eines Interviews im Jahr 2000 bekennt sich Buchholz öffentlich zu seiner Bisexualität.

Romy Schneider und Horst Buchholz in "Monpti"

Romy Schneider und Horst Buchholz in "Monpti"

Sprung nach Hollywood
Mit der Darstellung des von persönlicher Schuld getriebenen russischen Fürsten in der deutsch-italienisch-französischen Koproduktion "Auferstehung" empfiehlt sich Buchholz 1958 auch für Aufgaben im internationalen Filmgeschäft. Sein markantes Äußeres trägt ihm Rollenangebote ein, bei denen Buchholz in erster Linie als exotischer Typ und weniger als wandlungsfähiger Schauspieler gefragt ist. So spielt er im englischen Kriminalfilm "Tiger Bay" einen polnischen Matrosen, der im Affekt einen Mord begeht und die einzige Tatzeugin auszuschalten versucht. Der langersehnte Sprung nach Hollywood gelingt Buchholz 1960: Im Westernepos "Die glorreichen Sieben" spielt er den Revolverhelden Chico, der ein mexikanisches Dorf verteidigen soll, den Kampf knapp überlebt und schließlich als Farmer sesshaft wird. Der Film wird zum internationalen Kassenerfolg, wird von Publikum und Kritik bejubelt. Horst Buchholz befindet sich nun auf dem Höhepunkt seines Leinwandruhms. Auch sein nächstes Projekt lässt sich vielversprechend an: Starregisseur Billy Wilder verpflichtet ihn für die in West-Berlin angesiedelte Filmkomödie "Eins, Zwei, Drei". Buchholz soll darin den Jungkommunisten Otto Ludwig Piffl spielen, der sich mit der Erbin des amerikanischen Coca-Cola-Konzerns einlässt und so über Nacht all seinen ideologischen Prinzipien untreu wird. Doch die Produktion steht unter einem Unstern: Zeitgleich zu den Dreharbeiten wird im August 1961 die Berliner Mauer gebaut. Wilder und sein Team müssen daraufhin ihre Zelte in West-Berlin abbrechen und auf die Bavaria-Filmateliers bei München ausweichen. Ein schwerer Autounfall des alkoholisierten Horst Buchholz führt zu einer weiteren Unterbrechung der Arbeiten an "Eins, zwei, drei". Buchholz überlebt nur knapp, kann die Dreharbeiten jedoch nach zweimonatiger Rekonvaleszenz beenden. Als der Film Ende 1961 in die Kinos kommt, wird er zum Flop. Weder das amerikanische noch das deutsche Publikum mag sich angesichts des Kalten Krieges über Billy Wilders rasanten Kino-Spaß aus dem geteilten Berlin amüsieren.

Horst Buchholz beim Hochzeitstanz

Horst Buchholz beim Hochzeitstanz

Opfer einseitiger Besetzungsstrategie
Obwohl "Eins, zwei, drei" zu den gelungensten Filmen von Horst Buchholz zählt, wird die Produktion zum Menetekel für seine weitere Karriere. Zwar erhält er weiterhin Angebote für internationale Filmprojekte. Künstlerisch tritt er jedoch auf der Stelle. Mit zunehmendem Alter wird Buchholz ein Opfer jener Besetzungsstrategie, die ihn Jahre zuvor in die vorderste Reihe des Filmgeschäfts katapultiert hatte. Seine einseitige Festlegung auf die Figur des jugendlichen Desperados rächt sich nun. Rollen, die ihm Gelegenheit zur darstellerischen Weiterentwicklung geben könnten, bleiben aus. Mitte der 1960er Jahre steht Buchholz noch im Mittelpunkt großangelegter Leinwandepen, spielt den Entdecker Marco Polo in "Im Reich des Kublai Khan" und die Titelrolle in "Cervantes - Der Abenteurer des Königs". Als bislang einziger deutscher Schauspieler verkörpert er 1972 in der amerikanischen Filmbiografie "Der große Walzer" den Wiener Walzerkönig Johann Strauß Doch die mit dem Aufkommen des Fernsehens einhergehende Filmkrise macht auch Buchholz zu schaffen. Zwar ist er vergleichsweise gut beschäftigt, verschleißt sich jedoch in Nebenrollen immer hastiger abgedrehter Action- und Agentenfilme.

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