Retro-Starportrait: Pasolini - der romantische Gläubiger | FILMREPORTER.de
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RETRO Feature

Pier Paolo Pasolini
Zwischen Utopie und Einsamkeit

Pasolini - der romantische Gläubiger

Am 2. November 1975 wird der entstellte Leichnam eines schlanken Mannes am Fußballplatz in Ostia gefunden. Der leblose Körper weist mehrere Verletzungen auf, 50 Meter entfernt liegt ein blutiges in zwei Teile gebrochenes Holzbrett. Der Stricherjunge Pino Pelosi wird für den Mord verantwortlich gemacht. Der 17-jährige gesteht: "Ich habe einen Mann umgebracht und zwar Pasolini". Pier Paolo Pasolini ist der italienischen Öffentlichkeit ein Begriff. Seit Jahren ist er den 'Herrschenden' ein Dorn im Auge. Mit seinen Filmen, Gedichten und journalistischen Beiträgen beweist er sich als aufrichtiger Ankläger der italienischen Gesellschaft, als polemischer Vertreter des Vorort-Subproletariats, mythischer Marxist und gesellschaftlicher Träumer. Sein Tod spaltet Italien - wie es zeitlebens seine Persönlichkeit und Werk getan haben.
Von  Tzveta Bozadjieva, Filmreporter.de, 26. Juni 2018

Pier Paolo Pasolini an der Kamera

Pier Paolo Pasolini an der Kamera

Liebe und Armut
Liebe und Armut - so definiert der italienische Schriftsteller Alberto Moravia den Schlüssel zu Pier Paolo Pasolinis Leben und Werk. Die zwei Intellektuellen sind befreundet, haben zusammen an Pasolinis "Das Gastmahl der Liebe" (1964) gearbeitet. Für die Dreharbeiten bereist der Filmemacher ganz Italien - von dem industrialisierten Norden bis hin zum konservativen, rückständigen Süden und stellt der Bevölkerung Fragen über Liebe und Sex. Aus der Volksnähe und der Atmosphäre in Roms Vororten schöpft Pasolini Inspiration für seine Filme. In Roms Vororten habe Pasolini zu sich selbst gefunden, meint Freund Moravia. Die Liebe zu seiner Mutter Susanna, einer zierlichen Grundschullehrerin, ist nicht weniger prägend.

Das Verhältnis zu seinem Vater ist von Spannungen gekennzeichnet. Die zwei Männer rivalisieren um die Gunst der Mutter. Der Sohn empfindet seinen Erzeuger - den faschistische Offizier Carlo Alberto - als gewalttätig und tyrannisch. "Von da an drehte sich mein ganzes Leben um meine Mutter", gibt er in einem Interview offenherzig preis. Mit der grenzenlose Liebe kommt auch die neurotische Angst, sie zu verlieren. Nachts träumt er, wie er der Mutter auf einer Treppe nachläuft. Zu dieser Zeit findet er unter Susannas Einfluss zum Antifaschismus. "Sie war eine Art Sokrates für mich. Sie hatte ein zweifellos idealistisches und idealisierendes Weltbild. Sie glaubte wirklich an Heroismus, an Barmherzigkeit, Frömmigkeit, Güte. Ich habe all das geradezu krankhaft in mich aufgesogen", erinnert sich Pasolini später.

Pier Paolo Pasolini

Pier Paolo Pasolini

Feindbild Vater
Die Zuwendung zur Literatur ist für den Teenager Per Paolo eine Fortsetzung der Konfrontation mit dem Vater. Mit dem Schreiben rebelliert er gegen dessen faschistoide Geisteswelt. Für Pasolini stellt der Vater eine bürgerliche Autorität dar, die alte Wahrheiten wieder einsetzen will, wie er in einem frühen Gedicht schreibt. In die Bücher findet er Zuflucht vor dem Gedanken an den Verlust der väterlichen Liebe. Pier Paoli liest viel. In dieser Zeit festigt sich sein Glaube, dass in der Dichtung eine belebende Kraft sei, die der Gemeinschaft neue Impulse geben kann. In der Schule ist der Junge allseits beliebt. Liebt Fußball, eine Leidenschaft, der zeit seines Lebens nachgehen wird. In den gemeinsamen Spielen spürt er erstmals Genuss beim Anblick männlicher Kniekehlen. Später wird er seine Homosexualität offener ausleben. In der Kleinstadt riskiert er aber einen Prozess wegen Unzucht.

In der Anonymität der Großstadt Rom kann er sich eine gewisse Freiheit in seinen sexuellen Beziehungen erlauben. Pasolinis Biograf Enzo Siciliano dramatisiert ein wenig, als er Pier Paolos "innerem Dämon" schreibt. Die Vorstellung der Welt als "blinde Sinnlichkeit" bringt einen schmerzhaften Spalt in Pasolinis Persönlichkeit. Die Werte seiner Kindheit wie Familie, Religion und Tradition kollidieren mit dem berauschendem Traum von Freiheit und Revolution. Neben dieser "Erotisierung" seines Lebens macht Pasolini auch einen religiösen Wandel durch. Der Katholizismus der südlichen Teilen Italiens wird durch die atheistische Heidenwelt des Nordens angereichert. Diese Mischung aus Mystik, Glauben und Rationalität findet sich in seinen Filmen wieder. Sein marxistischer Glaube ist träumerisch, romantisch und populistisch. Ende der 1950er Jahren schlägt der Lehrer und Journalist Pasolini einen neuen beruflichen Weg ein. Er gibt an, dass er schon lange Kino habe machen wollen. Pier Paolo strebt eine Zusammenarbeit mit seinem bereits international bekannten Landsmann Federico Fellini an. Doch der lehnt ab und so kommt kein gemeinsames Projekt zustande.

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