Retro-Starportrait: Pasolini - der romantische Gläubiger | FILMREPORTER.de
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Regisseur Pier Paolo Pasolini

Regisseur Pier Paolo Pasolini

Trauriger Ruhm?
Mit dem Film rückt Pasolini ins Rampenlicht der italienischen Öffentlichkeit. Zunächst ein trauriger Ruhm, denn sein Debütfilm "Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß" aus dem Jahr 1961 wird ein Skandal und sofort verboten. Die fast dokumentarischen Szenen des urbanen Elends verärgerten viele, Kinobesitzer ignorieren den Film und Kritiker schweigen ihn tot. Dem Regisseur wird Verunglimpfung religiöser Symbole und traditioneller Werte vorgeworfen.

Erst der internationale Erfolg rehabilitiert Pasolinis Werk. Dennoch wird sein Tun weiterhin misstrauisch beäugelt. Für "Mamma Roma" wird er dennoch für den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig nominiert. In Italien kommt es zu Handgreiflichkeiten bei der Kinopremiere. Immer wieder muss er vor Gericht seine Filme erklären, verteidigen, ja manchmal sogar entschuldigen. Die Prozesse sind sicherlich kraftraubend. Seine sexuellen Neigungen kein Geheimnis, doch die kurzen Affären auch mit Minderjährigen Strichern verstärken das Gefühl der Einsamkeit nur noch.

Die 120 Tage von Sodom

Die 120 Tage von Sodom

Ninetto Davoli - seine große Liebe!
Dennoch ist das Bild eines gebrochenen Mannes ist irreführend. Freunde und Verwandte bezeugen seine Lebensfreude. Die Liebe zu dem jungen Ninetto Davoli, der später in "Große Vögel, kleine Vögel" mitspielen wird, beflügelt Pasolini. Ninettos Nähe lindert sein emotionales Defizit. Die Verbitterung nimmt trotzdem zunehmend Besitz von ihm. "Einige Jahre habe ich mich selber täuschen können. Das Leben ist ein Trümmerhaufen ohne Bedeutung und voller Ironie". Schmerzhafte Erkenntnisse eines Mannes, der immer an leuchtende Augen und unbezwingbare Lebenskraft glauben wollte. Doch wie richtig ist Pasolinis bittere Überlegung. Ist es nicht ironisch, dass er Opfer genau dieser Jugendlichen geworden ist, die er in seinen Filmen so liebevoll besungen hat?

Es ist eine profunde Trauer in Pasolinis Worten, als er von der Rohheit der Armut schreibt. "Sie haben kein Leuchten in den Augen: Ihre Züge äffen Automaten nach, nichts Persönliches charakterisiert sie von innen heraus. Sie können nicht lächeln oder lachen. Sie können nur grinsen oder kichern. Ihre Stereotypie macht sie unberechenbar". Wie genau beschreibt dieses Bild Pasolinis vermeintlichen Mörder Pelosi. Die Unstimmigkeiten in seinem Geständnis veranlassten zu vielen Verschwörungstheorien. War es doch ein politischer Mord? Gab es vielleicht mehrere Täter? Pasolinis letztes und radikalstes Werk "Die 120 Tage von Sodom" sollte in Kürze erscheinen. Die Wahrheit lässt sich nicht mehr aufklären. Wer es auch gewesen ist, hatte kein Leuchten in den Augen.
Tzveta Bozadjieva, Filmreporter.de - 26. Juni 2018

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