Retro-Interview: Margitta Scherr wagt den Salto Mortale | FILMREPORTER.de
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Eine alte Autogrammkarte von Margitta Ina Vogelmann
"Heinz Erhardt war mein Filmvater"

Margitta Scherr wagt den Salto Mortale

Margitta Scherr wurde bereits als Zwölfjährige für den Film entdeckt. Das hübsche Mädchen war Heinz Erhardts Tochter in "Vater, Mutter und neun Kinder" und "Natürlich die Autofahrer". Später zierte sie die Titelseiten von Bravo und anderen Magazinen, einmal war sie im amerikanischen Playboy - angezogen vom Blusenkragen bis zum großen Zeh. Wie es dazu kam, erzählte uns Frau Scherr entspannt bei Kaffee und selbstgemachtem Karotten-Kuchen auf der Terrasse ihres Münchner Hauses.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  6. Dezember 2016

Margitta Scherr in "Die Glocken von London"

Margitta Scherr in "Die Glocken von London"

Ich bin eigentlich zu selten zu Hause...
Ricore: Danke, dass Sie uns zu sich eingeladen haben. Wo leben Sie heute übers Jahr?

Margitta Scherr: Ich bin eigentlich zu selten zu Hause, um die schöne, ruhige Lage hier mitten in München richtig genießen zu können. Ein Freund nannte meine Wohngegend einmal „einen Katzensprung zum Marienplatz und doch im Grünen“. Hier habe ich also beides. Ich fühle mich hier sehr wohl. Wenn ich verreist bin, wirft mein Nachbar sein 'Adlerauge', wie er immer sagt, herüber. Er hat im Winter schon mal zwei Männer aus meinem Garten vertrieben. Mein Lebensgefährte wohnt einen Großteil des Jahres in Spanien und ich bin natürlich auch oft dort. Am liebsten wäre ich überall gleichzeitig. Meine bevorzugte Zeit im Süden ist zwischen Ende Oktober und Anfang Mai, wenn die meisten Hotels und Strände fast leer sind.

Ricore: Auf einem Künstler-Steckbrief von 1965 gaben Sie bereits diese Münchner Adresse an. Leben Sie seither hier?

Scherr: Ja. Zwischendurch wohnte ich länger in Wolfratshausen, wo auch mein Sohn Axel aufwuchs. Er ist eher ein Landmensch und wohnt jetzt am Alpenrand mit Frau und Kindern.

Ricore: Sind Sie eher ein Stadtmensch?

Scherr: Ich mag die Stadt wegen der kulturellen Vielfalt und das Land, wo es nicht so reich aussieht wie rund um den Tegernsee. Niederbayern im Morgennebel, ein Einödhof auf einer Anhöhe, das ist echt, das gefällt mir. Ich finde es überall schön, wo es noch Landwirtschaft gibt.

Ricore: Sie wurden fast in München geboren.

Scherr: Meine Eltern stammen aus Niederbayern, auf dem Weg in die große Stadt München haben sie sich im Zug kennengelernt. Mein Vater stammt aus der Bad Füssinger Gegend, meine Mutter aus der Nähe von Landau an der Isar. Zum Zeitpunkt meiner Geburt waren meine Eltern jedoch in Chemnitz, wo ich allerdings nur sieben Tage meines Lebens verbrachte.

Ricore: Sind Sie in diesem Haus aufgewachsen?

Scherr: Nein, es wurde erst 1961 gebaut, ich wuchs im Osten von München auf, in Berg am Laim. Im benachbarten Trudering ging ich in die Forellenschule. Die war damals noch von Kartoffelfedern umgeben. Wir Ehemaligen treffen uns immer noch alle zehn Jahre.

Margitta Scherr im Alter von 16 Jahren

Margitta Scherr im Alter von 16 Jahren

Durch einen Zufall zur Schauspielerei gefunden
Ricore: Wie kamen Sie zur Schauspielerei?

Scherr: Ich bin da durch Zufall reingerutscht. Es war damals nicht mein Wunsch, Schauspielerin zu werden. Ich war ja noch ein kleines Mädchen, das noch gar nicht darüber nachgedacht hatte, was es einmal werden wollte. Meine Mutter und unsere Nachbarin haben sich sehr für den Film interessiert. Da gab es Kinderstars wie Christine Kaufmann und Oliver Grimm. Die Nachbarin kannte den späteren Regisseur Rainer Erler, der damals Regie-Assistent war. Er ließ für den Kinofilm "Der Meineidbauer" acht bis zehnjährige Mädchen zu den Bavaria-Filmstudios kommen. Ich war zwar schon zwölf, aber so klein, dass ich wie zehn aussah. Da ging es nicht um Begabung, sondern um die Ähnlichkeit mit Christiane Hörbiger. Die war damals 18 Jahre alt und hatte lange, dunkle Haare. Bei dem Casting waren vielleicht ein Dutzend Mädchen dabei, darunter unsere Nachbarstochter und ihre Mutter. Erler sprach mit jedem Mädchen, ging jedoch als erstes auf mich zu. Schließlich wurde ich wegen der großen Ähnlichkeit ausgesucht. "Der Meineidbauer" wurde ein großer Erfolg, der auch heute immer wieder im Fernsehen zu sehen ist. Christiane Hörbiger war unglaublich nett und bescheiden. Wenn man sie auf ihre damals berühmten Eltern Paula Wessely und Attila Hörbiger und ihr bereits erkennbares großes Talent ansprach, sagte sie immer: "Ich muss noch sehr viel lernen."

Ricore: Wie lief der erste Dreh ab?

Scherr: Wir fuhren nach Südtirol in einen Ort namens Sankt Jakob. Es war 1956, ich glaube im Juni. Da habe ich sogar schulfrei bekommen. Während der Dreharbeiten hatte ich zum ersten Mal erlebt, was Heimweh ist. Denn nicht meine Mutter hatte mich begleitet, sondern die Nachbarin, die unbedingt darauf bestand, weil sie mir die Rolle verschafft hatte, sowie ihre Tochter, die die Rolle nicht bekommen hatte. Nach Rückkehr von den Dreharbeiten hat meine Lehrerin, Frau Steichele, mir immer auf den Hinterkopf geklopft und gesagt: "Margitta, Margitta, wenn du mir nachlässt in der Schule, lass ich dich nicht mehr zum Film." Das hat mich damals sehr geärgert. Sie war sehr streng, aber auch sehr gut. Sie kitzelte viel aus mir heraus. Obwohl ich doch gelegentlich fehlte, hatte ich gute Zeugnisse.

Ricore: Wie ging es dann weiter?

Scherr: Rainer Erler holte mich noch im selben Jahr für das Fernsehspiel "Die Tochter des Brunnenmachers" erneut vor die Kamera. Darin spielte der damals noch völlig unbekannte Mario Adorf eine Rolle. Darin war ich eine von Vielen. Später meldete sich der Film. Ich spielte in den Heinz-Erhardt-Filmen "Vater, Mutter und neun Kinder" und "Natürlich die Autofahrer". Die werden ja noch heute unglaublich oft auf verschiedenen Kanälen gesendet. Dann nahm mich die rührige Filmagentin Ada Tschechowa unter Vertrag. 1966 kam sie leider bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ich nahm Schauspielunterricht...

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