Retronews: Europäisches Kino im Kommen | FILMREPORTER.de
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Das Cover der Neuen Filmwelt im Jahr 1947, 1. Jahrgang, Heft 2.
Locarno als Antipode zu Hollywood

Europäisches Kino im Kommen

Das kleine Städtchen Locarno in der italienischsprachigen Schweiz ist zur Vorzeigebühne des europäischen Kunstfilms geworden. Filmemacher aus 14 verschiedenen Ländern und Hunderte Pressevertreter setzten sich mit einer Reihe erlesener Filme kritisch auseinander. Die 14-tägige Veranstaltung bot eine Bühne für europäische und amerikanische Kunstfilme. Die Initiative hat zudem politische Dimensionen. Nur zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges trafen einst militante Nationen bei diesem Wettstreit friedlich aufeinander.
Von  Tzveta Bozadjieva, Filmreporter.de, 15. Mai 2017

Roberto Rossellini

Roberto Rossellini

Italien als Impulsgeber neuer Entwicklungen
Im 2. Heft von 1947 berichtet die Zeitschrift Neue Filmwelt über die ausklingende, zweite Ausgabe des Internationalen Filmfestivals in Locarno. Die Wettbewerbsfilme weisen alle einen sehr unterschiedlichen Charakter auf. Hollywood-Erfolge wie "Die große Lüge" mit Bette Davis, "Auf Messers Schneide" von Edmund Goulding und "My Darling Clementine" von John Ford zeichnen sich durch penible technische Arbeit und hohe Budgets aus. Die Geschichten, die sie erzählen, sind jedoch von geringer Relevanz und erzielten keinen überwältigenden Erfolg.

Für Überraschungen sorgte das Aufgebot europäischer und vor allem italienischer Filme. Luigi Zampa, Aldo Vergano und Vittorio de Sica präsentierten ihr Schaffen. Nach dem überragenden Erfolg von "Rom, offene Stadt" stellte Regisseur Roberto Rossellini "Paisà" vor. Die italienischen Beiträge geben den Weg vor, den das europäisches Kino einschlagen soll. Sie decken mit schonungsloser Aufrichtigkeit aktuelle Missstände auf, wirken jedoch nicht als Reportagen. Die Bilder sind aufschlussreich und hauchen eindrucksvollen Gestalten Leben ein.

Bleibende Größe im Europäischen Kunstfilm
Das Internationale Filmfestival in Locarno genießt den Ruhm des kleinsten Kunstfilmfestivals mit Weltbedeutung. Die fast familiäre Atmosphäre des Forums reizt Cineasten alljährlich im August. Viele Filmvorführungen finden als Freiluftveranstaltung auf der Piazza Grande statt. Aufgrund der Verbindung zwischen dem Schweizer Kanton Tessin und Italien sind italienische Filme häufig im Programm vertreten.

Allerdings konnte Italiens Kino-Exportware per sé, Roberto Rossellini, bei der Jury anfangs nicht punkten. Publikumserfolge wie "Rom, offene Stadt" und "Paisà" wurden von den Kritikern ignoriert. Doch ein Jahr nach der Berichterstattung der Neue Filmwelt von 1947, bekam Rossellini seinen ersten Goldenen Leoparden für "Deutschland im Jahre Null".
Tzveta Bozadjieva, Filmreporter.de - 15. Mai 2017
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