InterviewDas ganze Leben liegt vor dir: Paolo Virzì | FILMREPORTER.de
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Interview

Paolo Virzì
Was noch vor uns liegt

Paolo Virzì gibt den Clown

Die Wirklichkeit ist nicht immer so schön, dass man sie abbilden muss. Das dachte sich wohl auch der italienische Regisseur Paolo Virzì, als er das Drehbuch zu "Das ganze Leben liegt vor dir" schrieb. Also warum nicht ein wenig Realität mit schwarzem Humor mischen, alles etwas überhöhen und schon hat man eine rabenschwarze Komödie mit latenter Gesellschaftskritik fertig. Das Ergebnis präsentiert der Italiener bereits im Rahmen des Münchner Filmfests 2009, nun kommt das kleine Meisterwerk auch deutschlandweit in die Kinos. Mit uns spricht Virzì über die Tücken der italienischen Kulturpolitik und darüber, dass er am Set gerne mal den Clown spielt.

Das ganze Leben liegt vor dir

Das ganze Leben liegt vor dir

Ricore: Existiert das Call-Center, das Sie in Ihrem Film zeigen tatsächlich?

Paolo Virzì: Nein, das Call-Center ist ein imaginäres Unternehmen. Aber es gibt solche Einrichtungen, die genau nach dem gleichen Muster arbeiten. In Italien und anderen Ländern ist das ein einträgliches Geschäft. Wir haben versucht, ein typisches Call-Center zu imitieren, bei dem Anrufe nach außen getätigt werden. Es werden ja keine angenommen. Viele internationale Großunternehmen funktionieren nur so.

Ricore: Sind Sie selbst in solche Call-Center hingegangen, um zu recherchieren?

Virzì: Wir haben mit vielen Mädchen und Frauen gesprochen, die in solchen Call-Centern arbeiten. Wir basieren unsere Geschichte aber auch auf dem Buch-Blog der jungen sardischen Autorin Michela Murgia. Sie hat darin über ihre eigenen Erfahrungen in einem Call-Center geschrieben. Das ist übrigens eine heitere Reportage, sehr empfehlenswert. Als Filmteam durften wir in kein Call-Center hinein. Gegenüber Neugierigen wie uns oder Journalisten ist man dort nicht sehr aufgeschlossen (lacht).

Ricore: Gibt es diese allmorgendlichen Gesänge tatsächlich?

Virzì: Ja, leider. Das haben wir nicht erfunden. Das ist grotesk, nicht wahr? Das sind unsere heutigen Fantozzis. Fantozzi ist eine sehr bekannte, humoristische Filmfigur in Italien, für alle, die das nicht wissen. Tatsächlich arbeiten viele Jugendliche zuerst in Call-Center, bevor sie eine richtige Arbeit finden. Davon leben diese Unternehmen. Der Film bot uns die Chance, mit schwarzem Humor auf einen großen Missstand in Italien hinzuweisen.

Ricore: Insofern ist der Film auch ein Paradigma...

Virzì: Nun ja, unsere Protagonistin ist eine studierte Philosophin und daher gewohnt, alles was sie sieht und erlebt als Metapher wahrzunehmen. Durch ihre Augen haben wir versucht, eine Metapher auf unsere Zeit zu konstruieren. Insofern gilt das Call-Center durchaus als Metapher einer Reality-Show. Die Zeiten verändern sich, vor allem der Arbeitsmarkt. Und wir spielen ja damit, dass derjenige, der am meisten verkauft, ein Geschenk erhält und dadurch noch mehr angespornt werden soll. Es wird gewonnen, verloren und dazu noch kontrolliert wie bei Big Brother.

Ricore: Sie fanden Ihre Inspiration auch von "Big Brother"?

Virzì: Klar (lacht). Ich habe die gesamte erste Staffel in Italien gesehen. Ich war sehr neugierig auf das Format. Überall wurde darüber gesprochen. Ich finde das auch gar nicht so skandalös, es ist einfach der Spiegel unserer Zeit. "Big Brother" ist auch der Ausdruck dafür, dass jeder kurzzeitig berühmt sein kann, auch wenn es nur fünf Minuten sind.

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