Interview: Danny Boyle zu Trance - Gefährliche Erinnerung | FILMREPORTER.de
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Interview

Konzentrierter Danny Boyle am SET von "Trance - Gefährliche Erinnerung"
"Trance - Gefährliche Erinnerung" - Balance zwischen den Welten

Grenzgänger Danny Boyle

Danny Boyle gehört zu den vielseitigsten britischen Regisseuren. Auf ein Genre lässt sich der 1956 in Radcliffe geborene Regisseur nicht einzwängen. Dennoch gibt es rote Fäden, die sich durch Filme wie "Trainspotting - neue Helden", "Slumdog Millionär" und dem Thriller "Trance - Gefährliche Erinnerung" ziehen. Boyle zeigt körperliche und geistige Grenzerfahrungen, wobei er seine Protagonisten entweder in ihrem Milieu beobachtet oder in die Untiefen ihres Verstandes eintaucht. Hier entdeckt er vor allem Gewalt als Teil des menschlichen Überlebenskampfes. Im Interview mit Filmreporter.de verrät der Filmemacher, inwiefern sich die Gewalt in seinen Filmen von der von Mainstream-Filmen unterscheidet. Außerdem sprechen wir mit ihm über die olympischen Spiele, Hypnose und sein Vorbild Nicolas Roeg.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  8. August 2013

Rosario Dawson in "Trance - Gefährliche Erinnerung"

Rosario Dawson in "Trance - Gefährliche Erinnerung"

Rettung vor der Olympiade
Ricore Text: Herr Boyle, stimmt es, dass die Dreharbeiten zu "Trance - Gefährliche Erinnerung" vor den olympischen Sommerspielen und der Schnitt danach stattfanden?

Danny Boyle: Ja, es kommt tatsächlich sehr selten vor, dass man einen Film dreht und danach sechs Monate keine Zeit hat, ihn zu schneiden. Das passiert höchstens dann, wenn Schauspieler ihr Äußeres verändern müssen. Wie zum Beispiel Robert De Niro in "Wie ein wilder Stier" oder Tom Hanks in "Verschollen". In diesen Fällen waren die Filme aber nicht zur Gänze abgedreht; es musste vielmehr eine Pause gemacht werden. Bei "Trance" drehten wir den Film fertig, hatten aber keine Zeit, ihn zu schneiden. Mit der Arbeit daran nach den Sommerspielen weiterzumachen war eine Rettung, denn die Olympiade kann einen wirklich verrückt machen (lacht).

Ricore: Wieso haben Sie den Film nicht nach der Olympiade gedreht?

Boyle: Die Olympischen Spiele waren ein Job, der zweieinhalb Jahre dauerte. In den ersten sechs Monaten konnte ich nicht kreativ sein. Auch die folgenden zwei Jahre waren ein endloser bürokratischer Prozess. Man muss Entscheidungen treffen, jedes Detail berücksichtigen und rennt von einem Meeting zum nächsten. Das kann schon sehr deprimierend sein. Man ist in einer Maschinerie. Ich ahnte, dass das so sein würde, deswegen habe ich eine Klausel im Vertrag ausgehandelt. Demnach bekam ich im ersten Jahr frei, um für das National Theater in London "Frankenstein" zu inszenieren. Das war eine wunderbare Erholung. Ich konnte endlich wieder kreativ sein und das Stück war düster und abgründig. Die Olympischen Spiele sind alles andere als abgründig. Wir haben zwar versucht, einige düstere Töne einzuschmuggeln, aber im Grunde ist die Olympiade wie Disney. Es ist ein Familienfest ohne Schimpfwörter, Nacktheit und Gewalt. Es ist eine bunte nationale Feier.

Ricore: Und im zweiten Jahr schuf "Trance" diese kreative Erholungspause?

Boyle: Ja, wir arrangierten es so, dass wir im zweiten Jahr "Trance" drehen konnten. Wir siedelten den Film in London an, damit wir stets mit der Olympiade in Verbindung blieben. Schneiden konnten wir den Film aber nicht, weil dieser Prozess für gewöhnlich sechs Monate in Anspruch nimmt. Insofern bekamen wir das OK, das Projekt vorübergehend auf Eis zu legen.

Ricore: Der Film hat jedenfalls auch viele Abgründe.

Boyle: Ja, wie "Frankenstein" hat auch "Trance" eine sehr düstere und doppelbödige Geschichte. Paradoxerweise hat mich der Film bei Verstand gehalten und mich davor bewahrt, während der Olympiade wahnsinnig zu werden. Er schaffte einen wohltuenden Ausgleich.

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