Interview: Olivier Assayas zu Personal Shopper | FILMREPORTER.de
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Regisseur Olivier am SET von "Personal Shopper" (2015)

Regisseur Olivier am SET von "Personal Shopper" (2015)

Olivier Assayas: für den Film entdeckt
Ricore: Warum beziehen Sie die Malerin Hilma af Klingt in die Handlung ein, deren Werk vom Okkultismus beeinflusst wurde?

Assayas: Ich habe sie für den Film entdeckt. Sie war überzeugt, dass ihre Arbeit von der Verbindung zu einer unsichtbaren und abstrakten Welt bestimmt wurde, die neben der realen existiert. Mit diesem Glauben war sie damals nicht alleine, denken sie nur an Mondrian. Die Malerei, die Literatur oder die Filme der Frühphase der modernen Kunst wurden von der Philosophie der Verbindung zwischen Abstraktion im Denken und Spiritualismus geprägt. Außerdem war sie eine der wichtigsten weiblichen Künstlerinnen, die aber vergessen wurde. Ihre Kunst hatte ungeheuren Einfluss auf den frühen Feminismus und umgekehrt.

Ricore: Sie schätzen den Feminismus?

Assayas: Ich bin Feminist. Der Feminismus ist die bedeutendste Errungenschaft der modernen Geschichte, und der Kampf von Frauen um Gleichberechtigung ein idealer Ausgangspunkt für das fiktionale Erzählen. Generell denke ich, dass der Macho im Mann die Quelle des Übels in der Welt ist. Der Verlust der Kontrolle und der Gewissheit von der Überlegenheit der männlichen Identität hat Gewalt und Brutalität in der modernen Welt ausgelöst.

Ricore: Viele Kritiker sehen in "Personal Shopper" eine lose Fortsetzung von "Die Wolken von Sils Maria"?

Assayas: Ich habe mich in "Sils Maria" neuen Themen gestellt, der Existenz einer metaphysischen Dimension, der Verbindungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Diese Themen mich schon lange beeinflusst ohne das es mir bewusst war. Zudem entsteht der Eindruck durch meine Verehrung für Kristen Stewart. Ich konnte mir vor den Dreharbeiten zu "Sils Maria" nicht vorstellen, wie stark ich mich ihr verbunden fühlen werde. Ich spürte, dass ich gerne weiter mit ihr arbeiten möchte.

Ricore: Waren Sie mir Ihr während des Schreibens dieses Buches in Kontakt?

Assayas: Der kreative Prozess verlagerte sich an den Set. In vielen Szenen ist Kristen alleine, sie entwickelte die Stimmung ihrer Figur und gab damit den Rhythmus vor. In jeder Szene ging sie einen Schritt weiter, als ich dachte. Sie genoss die Freiheit. Sie war überrascht, dass ich für "Sils Maria" alle gedrehten Szenen verwandt hatte. In Hollywood wird die Hälfte des Materials weg geschmissen.

Kristen Stewart in "Personal Shopper" (2015)

Kristen Stewart in "Personal Shopper" (2015)

Paris aus Blickwinkel einer Ausländerin
Ricore: Warum haben Sie überhaupt eine amerikanische Schauspielerin besetzt?

Assayas: Um mich nicht zu isolieren und mich herauszufordern. Ich habe oft in Paris gedreht, daher wollte ich die Stadt durch den Blickwinkel einer Ausländerin sehen. Zudem bin ich neugierig, wie die Globalisierung die moderne Gesellschaft und das Filmemachen beeinflussen. Das spiegelt sich in einem internationalen Cast wieder.

Ricore: Was auch bedeutet, in Frankreich ein Sakrileg zu begehen und in Englisch zu drehen?

Assayas: Das war unausweichlich und eine Bereicherung. Die Finanziers bevorzugen immer die gleichen Namen, das limitiert die künstlerische Freiheit. Aber nur wenn man das französische Starsystem umgeht, kann man andere Geschichten erzählen. "Personal Shopper" hätte ich so nicht mit französischen Schauspielern drehen können.

Ricore: Haben Sie Lars Eidinger nur für eine Szene geholt?

Assayas: Mehr haben wir nicht gedreht. Ich liebe sein Spiel, obwohl ich ihn nie auf der Bühne gesehen habe. Für "Carlos" habe ich viele gute deutsche Schauspieler getroffen, die besetze ich nach und nach.

Ricore: Das Ende des Films bleibt offen, bleibt Raum für eine Fortsetzung?

Assayas: Ein zweiter Teil ist nicht angedacht. Aber Filme sollten offene Enden haben und neue Horizonte eröffnen. Sie hat ihr Schicksal verstanden.

Ricore: Warum haben Sie für Roman Polanski "D'après une histoire vraie" von Delphine de Vigan adaptiert?

Assayas: Er hat mich gebeten und ich fühlte mich geschmeichelt. Ich hatte keine Ahnung, ob ich es noch für andere schreiben kann und ob es mir nicht zu langweilig wird. Ich bin auch ungerne an eine Vorlage gebunden, ich folge lieber meinen Vorstellungen und meinem Unterbewusstsein. Und ich hatte Angst vor der technischen Seite. Aber letztlich hat es funktioniert. Nach einigen Vorgesprächen in Paris fuhr Polanski nach Gstaad und ich in die Toskana. Wir hatten nur Kontakt über Skype. Jetzt dreht er mit Eva Green, Vincent Pérez und Emmanuelle Seigner.

Ricore: Danke für das Gespräch.
Katharina Dockhorn/Filmreporter.de - 29. Januar 2017

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