Interview: Gore Verbinski zu A Cure for Wellness | FILMREPORTER.de
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Regisseur Gore Verbinski ("A Cure for Wellness")

Regisseur Gore Verbinski ("A Cure for Wellness")

Gore Verbinski: wir treiben auf einen neuen Krieg zu
Ricore: Zugleich können sich nur Reiche solche Kuren leisten, die im Schnitt zehn Jahre länger leben als ärmere Mitbürger?

Verbinski: Auch das ist ein Denkanstoß. Sie denken, sie werden gesund, bleiben aber Teil eines Systems, das sie ausspuckt, wenn sie nicht länger funktionieren.

Ricore: Hatten Sie Schwierigkeiten den Stoff durchzusetzen?

Verbinski: Diese Wiederstände bin ich gewohnt. Kein Mensch in Hollywood sah kommerzielles Potential in "Piraten der Karibik". Vor dem Dreh von "Lone Ranger" wollten mich alle überreden, einen klassischen Western zu inszenieren und Johnny Depps exzentrische Rolle auszulassen. Aber genau sie hat mich gereizt. Also bin ich zwei Schritte zurückgegangen, um meine Visionen zu verwirklichen. Ich verfügte für die Fortsetzungen der "Piraten der Karibik" über enorme materielle Ressourcen. Wäre ich im Mainstream geblieben, hätte ich weiter aus dem Vollen schöpfen können. Aber ich habe mich entschieden, mit einem niedrigeren Budget nach Deutschland zu gehen.

Ricore: Sie haben nie bedauert, bei den "Piraten" ausgestiegen zu sein?

Verbinski: Wenn man nichts mehr lernen kann und alles erreicht hat, sollte man gehen. Ich hatte alles gegeben, was ich konnte, und lief Gefahr, mich in einer Komfortzone einzurichten. Das hat mich geängstigt, also habe ich mich an einem Animationsfilm versucht.

Bildgewaltig: Gore Verbinski' "A Cure for Wellness" (2016)

Bildgewaltig: Gore Verbinski' "A Cure for Wellness" (2016)

Verliebt in Sanatorium von Beelitz
Ricore: Wie ist der Kontakt zu Babelsberg entstanden?

Verbinski: Ich habe in der Schweiz, Österreich und Rumänien gesucht. Aber nur in Deutschland habe ich relativ nahe alle Orte gefunden, die meinen ästhetischen Vorstellungen entsprachen. In das Sanatorium von Beelitz habe ich mich sofort verliebt. Wir mussten nur einige Umbauten vornehmen. Auch der Bahnhof von Oberhof, Zwickau, Schraplau bei Halle/Saale und Tübingen waren ideal für unsere Zwecke.

Ricore: Aber haben Sie nie befürchtet, dass die Geschichte zu kompliziert für Zuschauer in den USA ist?

Verbinski: Die Zuschauer sind schlauer als Hollywood denkt. Viele Filmemacher leiden unter dem Zwang, nur noch Varianten bestimmter Erzählmuster abzuliefern. Ich will das nicht verteufeln, das Popcornkino hat seinen Platz. Aber es ist schwierig geworden auszubrechen. Ich bin aber weiter überzeugt, es macht den Reiz des Geschichtenerzählens aus, gemeinsam mit dem Zuschauer unbekannte, geheimnisvolle Welten zu erkunden, ihn mit falsche Fährten zu verwirren und bis zum Ende zu überraschen.

Ricore: Können beliebten Serien zu einer Renaissance anspruchsvollerer Erzählstrukturen im Kino beitragen?

Verbinski: Ich hoffe, dass sie mit ihrer Vermutung Recht haben. Viele Leute sind nicht mehr bereit, in ein Kino zu fahren und einen Film inmitten Fremder anzusehen. Im Moment funktioniere beinahe ausschließlich verrückte Event-Filme oder irgendetwas, woran der Zuschauer andocken kann. Einen Bestseller, einen Star. Über diesem Trend geht die Mitte verloren. Jeder sehnt sich nach den wunderschönen Original-Geschichten, diesen Überraschungserfolgen, die unser Herz betörten. Nur leider sind die Zuschauer nicht mehr neugierig, sich solche Filme in großer Zahl anzusehen.

Ricore: Danke für das Gespräch.
Katharina Dockhorn/Filmreporter.de - 27. Februar 2017

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