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Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
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Jetzt mal ehrlich...

11 skurrile Komödien der Filmgeschichte
Eine Komödie ist dann gut, wenn sie einen zum Lachen bringt, sagte einmal der Schriftsteller und Literaturtheoretiker Gotthold Ephraim Lessing über das Komische in Literatur und Theater. Im folgenden Text geht es nicht nur um gute Filmkomödien. Im Fokus stehen solche Werke, die sich dem Skurrilen und Absurden verschrieben haben. Sie überhöhen das Verrückte und Überdrehte, das Irreale und Surreale, das Artifizielle und Übertriebene und machen darauf verdammt gute Filme! Aber urteilen Sie selbst.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  27. Januar 2017
Er ist wieder da
Eichborn Verlag
Er ist wieder da

Er ist wieder da

Auch das deutschsprachige Kino ist dem Skurrilen nicht abgeneigt. Das zeigt die wunderbare Groteske "Contact High" des Österreichers Michael Glawogger und David Wnendts bittere Satire "Er ist wieder da". Der basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Timur Vermes, der sich für sein Debüt-Roman eine brillante Prämisse hat einfallen lassen: Was würde passieren, wenn Adolf Hitler im heutigen Deutschland aufwachen würde? Die Antwort: Er würde erneut nach der Weltherrschaft streben und ein Großteil der Deutschen würde ihm wieder zu Willen sein. Weitaus authentischer als Vermes' Buch ist Wnendts Film. Der "Feuchtgebiete"-Regisseur liefert den Beweis für den Gesellschaftsbefund, indem er die Anziehungskraft des Führers nicht inszeniert. Er lässt Hitler in "Borat"-Manier auf echte Passanten los und bekommt entsprechend echte Reaktionen. Das von Christopher Maria Herbst gesprochene Hörbuch war ebenfalls ein riesiger Erfolg.


Swiss Army Man - 3-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook
Capelight Pictures
Swiss Army Man - 3-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook

Swiss Army Man

Da wäre die wunderbare Groteske "Swiss Army Man", die 2016 weltweit Zuschauer polarisierte. Schon die erste Szene akzentuiert die Tonlage dieses verrückten Films. Ein Mann strandet - wir wissen nicht wie - auf einer einsamen Insel. Doch anders als der große Insel-Gestrandete der Weltliteratur, Robinson Crusoe, will der verzweifelte junge Mann sein Schicksal nicht akzeptieren. Kaum hat er sich einen Strick um den Hals gehängt, da fällt ihm am Strand ein angespülter Gegenstand auf.

Er lässt von seinem Vorhaben ab, nähert sich dem Objekt und entdeckt die Leiche eines Mannes. Das Seltsame: Der Tote verhält sich nicht entsprechend. Nicht nur flatuliert er exzessiv - was der Lebende für sich zu nutzen weiß und ihn als Düsenjet benutzt. Er gibt bald auch erste Geräusche von sich. Dann folgen Worte, Sätze, und schließlich reden der Lebende und der Tote über Themen wie Beziehungen, Liebe und Sex.


Harold und Maude
Paramount Pictures
Harold und Maude

Harold und Maude

Klar, "Swiss Army Man" geht nicht selten unter die Gürtellinie. Doch die derbe Komik um eine furzende Leiche mit erigiertem Penis und Dialoge um Sex, Pornos und Masturbation ist nicht zu vergleichen mit eher flachem Hollywood-Klamauk a lá "Dirty Grandpa" und "Bad Neighbors". Die Komödie reiht sich vielmehr ein in eine Kinotradition, deren Wurzeln in der surrealen Welt eines Luis Buñuel und Roman Polanski liegen. Eine Erzähltradition, der auch die New-Hollywood-Groteske "Harold und Maude" angehört. Allein die Handlungsprämisse um einen lebensmüden jungen Mann, der sich in eine lebensfrohe alte Frau verliebt, könnte nicht abgedrehter sein. Skurrile Situationen, sonderbare Charaktere, die kongeniale Musik von Cat Stevens und eines der schönsten Enden der Filmgeschichte machen die Komödie von Hal Ashby zu einem bis heute zu Recht verehrten Kultfilm.


Grand Budapest Hotel - Hollywood Collection
20th Century Fox
Grand Budapest Hotel - Hollywood Collection

Grand Budapest Hotel

Ein Meister des skurrilen, der sich übrigens einiges von "Harold und Maude" abgeschaut hat, ist auch Wes Anderson. Der US-amerikanische Independent-Filmemacher realisiert im Lauf seiner Karriere manch schönen Genre-Beitrag, darunter die wunderbaren Komödien "Rushmore" und "Die Royal Tenenbaums".

Sein bislang größtes Meisterwerk ist aber zweifellos "Grand Budapest Hotel", eine Komödie voll skurriler Einfälle, aberwitziger Situationen und verrückter Sonderlinge. Davon abgesehen setzt Anderson - selten genug für eine Komödie - auf Atmosphäre. Wie der Regisseur auf der Berlinale verriet, wo "Grand Budapest Hotel" im Wettbewerb lief, standen die Bücher des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig für sein Meisterwerk Pate.


Fargo - Blutiger Schnee
Concorde Film
Fargo - Blutiger Schnee

Fargo - Blutiger Schnee

Zwischen Humor und Ernst, Komödie und Tragödie, Leben und Tod pendeln auch die Filme der Brüder Ethan und Joel Cohen. Das Repertoire des Regie-Duos reicht von leichter Ware wie "The Big Lebowski", "Ladykillers" und "Ein (un)möglicher Härtefall" bis zur schweren Kost wie "The Man Who Wasn't There", "Inside Llewyn Davis" und "No Country for Old Men".

Am besten sind die Kult-Regisseure dann, wenn sie beide Welten vereinen. So in "Fargo - Blutiger Schnee", einer Tragikomödie um verrückte Auftragskiller, tollpatschige Auftraggeber und einer schwangeren Polizistin, deren Intelligenz nur notdürftig von ihrem schwerfälligen und naiven Verhalten verhüllt wird.


Das Leben des Brian
Sony Pictures Home Entertainment
Das Leben des Brian

Das Leben des Brian

Alles andere als harmlos ist die Anarcho-Truppe Monty Python. Mit ihrer Groteske "Das Leben des Brian " beweisen die britischen Komiker, dass eine Komödie die Speerspitze sein kann, mit der man sogar eine Weltreligion empfindlich ärgern kann. Denn die Geschichte eines jungen Mannes, der zu Zeit Jesu Christi irrtümlicherweise für einen Propheten gehalten wird, ist nicht nur eine köstliche Parodie auf einschlägige Bibelfilme.

Sie funktioniert auch als bitterböse Satire auf die Auswüchse des Christentums im Besonderen und Religion im Allgemeinen - etwa religiöser Fanatismus. Das sorgt für Ärger. Als "Das Leben des Brian" Ende der 1979er Jahre in den Kinos erscheint, gehen zahlreiche Gruppen des katholischen wie des protestantischen Glaubens auf die Barrikaden.


Ein Fisch namens Wanda
20th Century Fox
Ein Fisch namens Wanda

Ein Fisch namens Wanda

Weniger anarchisch, doch ebenso pointiert geht es in "Ein Fisch namens Wanda" zu, an dem zwei Mitglieder von Monty Python mitwirken. John Cleese schreibt an der Seite von Charles Crichton am Drehbuch mit, fungiert als Koregisseur und brilliert neben Michael Palin vor der Kamera.

Während die beiden eine Prise trockenen, skurrilen britischen Humors in den Film bringen, sorgen Jamie Lee Curtis und Kevin Kline für US-amerikanischen Screwball- und Slapstick-Humor. Das Ergebnis gehört zum Besten, was die 1980er Jahren an Kino-Komik zu bieten haben. Kline gelingt auf dem Höhepunkt des Erfolgs von "Ein Fisch namens Wanda" das seltene Kunststück, für eine komödiantische Leistung mit einem Oscar ausgezeichnet zu werden.


Blues Brothers - Extended Version Deluxe Edition
Universal Pictures
Blues Brothers - Extended Version Deluxe Edition

Blues Brothers

Mit den beiden "Blues Brothers" Jake und Elwood Blues zeigt John Landis keine Umstürzler, wie man sie bei den Monty Pythons oder den Marx Brothers findet. Ganz im Gegenteil. Die beiden Ganoven mögen dem Anschein Hallodris sein, im Kern aber kämpfen sie für höhere Werte.

Als Jake und Elwood herausfinden, dass das Waisenhaus, in dem sie aufgewachsen sind, verschuldet ist, wollen sie ihre alte Blues Brothers Band wieder aufleben lassen. Mit den Einnahmen sollen die Steuerschulden der Institution getilgt werden. So viel zum ideellen Kern des Films und seiner Charaktere. Doch "Blues Brothers" wäre nicht "Blues Brothers", wenn sich auf dem Weg zum höheren Ziel nicht die eine oder andere aberwitzige Situation ereignen und so manches Stadtviertel in Schutt und Asche gelegt werden würde. Was kümmern die Späne, wenn der Tischler im 'Auftrag des Herrn' hobelt.


Frankenstein Junior (Young Frankenstein, 1974)
20th Century Fox
Frankenstein Junior (Young Frankenstein, 1974)

Frankenstein Junior

Auch die Filme von Mel Brooks sind voller Anspielungen. Anders als bei den Pythons bleibt bei dem US-Filmemacher die Realität außen vor. Brooks Bezugspunkt ist das Kino: der Stummfilm in der Stimmfilm-Hommage "Mel Brooks' letzte Verrücktheit - Silent Movie", der Western in der Western-Groteske "Der wilde wilde Westen" oder "Star Wars" in der "Star Wars"-Parodie "Spaceballs".

Höhepunkt von Brooks' Kunst der Vorbilder-Verulkung ist die Komödie "Frankenstein Junior", welche - der Titel sagt es bereits - die Frankenstein-Filme aufs Korn nimmt. Im Zentrum steht der Enkel von Monster-Schöpfer Victor Frankenstein. Dr. Frederick ist ebenfalls Wissenschaftler, von den zweifelhaften Methoden seines Vorgängers will er aber nichts wissen. Wehe man spricht seinen Namen "Frankenstein" aus. Nein, es heißt "Fronkenstien". Der Apfel fällt aber nicht weit vom Stamm. Am Ende kreiert auch Fronkenstien sein Monster.


Tote tragen keine Karos (Jahr100Film)
Universal-Pictures Germany
Tote tragen keine Karos (Jahr100Film)

Tote tragen keine Karos

Mit Brooks erreicht die Filmparodie ihren Höhepunkt. Seine wunderbaren Filme in den 1960er und 1970er Jahren lösen eine Welle los, die Nachkömmlinge wie "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug", "Die nackte Kanone", "Hot Shots" und "Mars Attacks!" in die Kinos spülen wird. Einen besonders interessanten Ansatz haben die Macher von "Tote tragen keine Karos".

Darin persifliert Regisseur und Drehbuchautor Carl Reiner nicht nur die Stereotypen des Film Noir. Er macht die wichtigsten Vertreter dieser Stilrichtung auch zum integralen Bestandteil der Handlung. So ermittelt der von Steve Martin gespielte Privatdetektiv im Fall einer perfiden Naziverschwörung zusammen mit Humphrey Bogarts Philip Marlowe aus "Tote schlafen fest". Ihre Gegenspieler sind die Schurken aus "Frau ohne Gewissen", "Rächer der Unterwelt", "Berüchtigt", "Geheimaktion Carlotta" und vielen anderen Klassikern.


Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
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Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

"Meine Herren, Sie dürfen hier nicht kämpfen. Das ist der War Room." Wenn solche Sätze in einem Kunstwerk fallen, kann es sich nur um eine Satire handeln. Tatsächlich hat Stanley Kubrick mit "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" die wohl radikalste und bitterste Polit- und Militärsatire der Filmgeschichte inszeniert.

Politiker, Generäle, Verwalter von Macht - das ist nach Ansicht des Regisseurs nichts anderes als eine Ansammlung verblödeter Irrer. Und was noch irrer ist als diese Irren: Dass das Schicksal von Welt und Menschheit in ihrer Hand liegt. Am Ende fallen in "Dr. Seltsam" die Atombomben. Wie hätte der Tanz auf dem Vulkan auch anders ausgehen können als mit einem Sturz in den Abgrund?
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  27. Januar 2017

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