Decamerone
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Decameron

Erotische Episoden aus dem Mittelalter
Originaltitel
Il Decameron
Alternativ
Decamerone; Teil der "Trilogie des Lebens"
Genre
Komödie, Erotik
Land /Jahr
Italien, Frankreich, Deutschland 1971
 
118 min, ab 18 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
Kinostart
08.10.1971 ( Kino Deutschland ) bei United Artists
Regie
Darsteller
Links
IMDB
|0  katastrophal
brilliant  10|
8,0 (Filmreporter)
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Inhalt/KritikCast & CrewTechn. DatenAwardsMeinungGalerieDVDs
Erotische Episoden von Pier Paolo Pasolini
Angelehnt an Giovanni Boccaccios gleichnamige Novellensammlung aus dem 14. Jahrhundert, inszenierte Pier Paolo Pasolini einen Episodenfilm über Liebe und Sexualität. Anhand einer Fülle von Figuren erzählt der italienische Regisseur ebenso tragische wie groteske kleine Geschichten der körperlichen Liebe. Einer der Charaktere ist Masetto da Lamporecchio (Vincenzo Amato), der unbedingt in ein Nonnenkloster eindringen will. Indem er so tut, als ob er taubstumm wäre, erreicht das Schlitzohr sein Ziel.

Im Gegensatz zum gewieften Masetto steht Andreuccio da Perugia (Ninetto Davoli), der in Neapel Pferde kaufen will. Durch seine naive Art wird er immer wieder zum Opfer von Halunken. Der ausgefuchsten Peronella (Angela Luce) gelingt es durch eine List, ihren Ehemann auszutricksen, um sich mit dem Liebhaber zu vergnügen.

Einen Rahmen für die Episoden bilden die Erlebnisse von Ciappelletto (Franco Citti) und Allievo di Giotto. Ciappelletto ist ein Sünder, der selbst als Todgeweihter seinen Beichtvater hinters Licht führt. Allievo ist Künstler und soll die Wände einer Kirche bemalen. Bei dieser Figur ließ es sich Regisseur Pasolini nicht nehmen, die Rolle selbst zu spielen.
Als Vorlage für "Decamerone" diente Pier Paolo Pasolini das gleichnamige Werk Giovanni Boccaccios aus dem 14. Jahrhundert. Bei diesem handelt es sich um eine Sammlung von 100 Novellen, die zwischen 1349 und 1353 entstanden sein sollen. Boccaccios Meisterwerk gilt als unbestrittener Klassiker der abendländischen Literatur, der in den folgenden Jahrhunderten bedeutende Schriftsteller wie Miguel de Cervantes y Saavedra, William Shakespeare und Johann Wolfgang von Goethe beeinflusste. Während die Novellensammlung bereits zu Zeiten des Autors gefeiert wurde, verursachte Pasolinis Interpretation gemischte Reaktionen. Zwar wurde er für seine Regie auf den Filmfestspielen von Berlin 1971 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Allerdings wurde der Filmemacher bisweilen mit dem Vorwurf der Pornografie konfrontiert.

Aus heutiger Sicht wirkt diese Kritik prüde und ist schwer nachvollziehbar. Angesichts der Allgegenwärtigkeit von Sex in den populären Medien, wirkt nahezu jede Folge von "Sex and the City" frivoler, als die sanft erotischen Szenen im "Decameron". Ein weiterer Vorwurf mancher zeitgenössischer Kritiker betraf den Verlust gesellschaftspolitischen Relevanz gegenüber früheren Werken wie "Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß" von 1961 oder "Mamma Roma" aus dem Jahre 1962. In Dramen wie diesen setzt sich der italienische Regisseur kritisch mit den Funktionsmechanismen totalitärer Strukturen auseinander und beleuchtet Missstände in seiner Heimat.

Bei "Decamerone" steht ein anderes Anliegen Pasolinis im Mittelpunkt. Der Regisseur verortet ab den 1960er Jahren eine kulturelle und anthropologische Krise, die durch die zunehmende Präsenz der Massenmedien einhergeht. Mit Boccaccios Werk als künstlerischer Blaupause und Symbol abendländischer Kulturtradition zeichnet der Regisseur einen heiteren Gegenentwurf zum befürchteten Verschwinden der Realität. Der menschliche Körper in seiner Nacktheit und freier Sexualität erscheinen so als sinnliche Konstanten menschlicher Lebenswirklichkeit, die der von ihm beschriebenen Krise entgegenstehen.

Aus diesen Aspekten bezieht "Decamerone" entgegen mancher Kritik seine gesellschaftspolitische Relevanz, die angesichts der Kommerzialisierung von Sexualität heute aktueller ist, denn je. Der nackte Körper wird hier nicht zur Ware der Konsumgesellschaft degradiert, wie Pasolini in seinem letzten Werk "Die 120 Tage von Sodom" impliziert. Stattdessen steht die Sinnlichkeit, das Ausleben einer freien, natürlichen Sexualität im Vordergrund. Der Eros wird zur vielleicht letzten Utopie, auf die man hoffen darf. Nicht umsonst bildet "Decamerone" mit seinen beiden anderen sinnlich-erotischen Werken "Pasolinis tolldreiste Geschichten" und "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" die "Trilogie des Lebens".
Carlos Corbelle/Filmreporter.de
Galerie: Decamerone
Giovanni Boccaccios gleichnamige Novellensammlung aus dem 14. Jahrhundert diente Pier Paolo Pasolini als Vorlage für "Decamerone". Darin erzählt er in mehreren Episoden groteske...
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