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Sieben Mulden und eine Leiche

Originaltitel
Sieben Mulden und eine Leiche
Genre
Dokumentarfilm
 
D 2007
 
84 min, ab 12 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
 
 
Kinostart
17.04.2008 ( D | CH | A )
 
 
Regie
Darsteller
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Sieben
Frenetic
Inhalt/KritikCast & CrewTechn. DatenMeinungenGalerieDVDsbewerten

Wie ein Filmemacher seine Mutter zu Grabe trägt

Mit dem Tod der eigenen Eltern umzugehen, fällt den meisten nicht leicht. Der Schweizer Filmemacher Thomas Haemmerli hat eine ungewöhnliche Art gewählt, den Tod seiner Mutter zu verarbeiten. Er zückt seine Kamera und filmt ihre Hinterlassenschaft. Ganz nüchtern beauftragt er eine Reinigungsfirma das Bad zu reinigen, in dem die Frau gestorben und tagelang unentdeckt gelegen ist. Leichenreste kleben am Fußboden, der Geruch ist unerträglich. Letztlich stehen Haemmerli und sein Bruder vor dem chaotischen Nachlass einer Frau, die jahrelang niemanden in ihre Wohnung gelassen hat, die am Messie-Syndrom litt. Beide können mit dem vielen Plunder so wenig anfangen, wie mit ihrer toten Mutter. Ohne jede Empathie werden Möbel zertrümmert, Briefe verbrannt und Katzen ausgesetzt. Die Brüder zerstampfen und verfeuern alles, was der Mutter lieb und teuer war. Es werden Scheidungsakten hervorgekramt, die von den Geschlechtskrankheiten der Mutter und den Eskapaden ihres Vaters berichten. Fotos und alte Familienaufnahmen tauchen auf, anhand derer Haemmerli den Hausfrauentraum der 1950er Jahre lächerlich macht. Wie groß ist die Genugtuung, unter allem Plunder einen Vibrator zu finden! Im Lauf von zwei Wochen füllen sich sieben Abfallcontainer. Es entsteht das filmische Porträt einer verstorbenen Frau und eines Sohnes, der nie mit ihr und sich ins Reine gekommen ist.


Wenn jemand Thomas Haemmerli heißt, kann man darüber in Deutschland schon schmunzeln. Über seinen Film wird man auch andernorts lachen können. Dabei ist eine Haushaltsauflösung, die zum Racheakt verkommt, im Grunde eine traurige Angelegenheit. Haemmerlis Dokumentation wird man nicht vorwerfen können, sie sei sentimental, aber man wird ihr vorwerfen, nicht sentimental zu sein. Mulden ist der Schweizer Ausdruck für Abfallcontainer. Jemanden zu mulden, bezeichnet aber auch eine antike Hinrichtungsart nach Plutarch. Das Opfer wird dabei bis zum Hals eingegraben und zwangsernährt. Es stirbt an Infektionen, körperlicher Auszehrung, Blutverlust nach Insektenfraß oder an einer Vergiftung. Irgendwie ist das, was Haemmerli da tut, solch eine Marter. Er beschimpft die Mutter als "Paradebeispiel für eine verkrachte Existenz", ohne selbst irgendeine Form von Verantwortungsgefühl erkennen zu lassen. Schonungslos entblößt er ihr Privatleben, führt ihre Sammelwut vor. Das Aufbegehren gegen den Zwang, beim Mittag aufzuessen oder die Einkaufstüte zu glätten und in einer Schublade aufzubewahren, markiert dabei den Generationenkonflikt. Der Angehörige einer Wegwerfgesellschaft sieht in der Familie, die für die Mutter Lebensinhalt war, nur eine tyrannisierende Idee. Selbst verlässt er sein Zuhause und schließt sich der Künstler- und Hausbesetzerszene an. Er kehrt erst nach dem Tod der Mutter zurück. Unbeabsichtigt wird "Sieben Mulden und eine Leiche" zu einem Selbstporträt. Die emotionale Unfähigkeit, anders als professionell-sachlich mit dem Tod eines Elternteils umzugehen, legt die Egozentrik Haemmerlis offen. Selbstgefällig filmt sich die dekadente Jugend, wie sie den teuren, lange Jahre gehorteten Wein der Mutter vertrinkt. Die Yuppie-Gruppe sonnt sich in exzessiver Arroganz und diskreditiert sich vollends. Sie tut es nicht, weil der Tod aus irgendeinem moralischen Gesetz respektvoll zu behandeln ist, sondern weil solche Gewalt gegen jemanden auszuüben, der so wehrlos ist, wie eine tote, psychisch kranke Mutter, einfach erbärmlich ist. Haemmerli wehrte sich gegen die Vorwürfe in einem Interview mit der Bemerkung: "Wenn jemand meine Mutter verheizt hat, dann war es das Krematorium." Es sei aber nicht nur denen, die über solch schwarzen Humor verfügen, zu einem Kinobesuch geraten. Die Radikalität mit der der Filmemacher in seiner Dokumentation jeglichen Respekt vermissen lässt, provoziert eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem richtigen Leben und wird zu einer der krudesten Mahnungen zur Toleranz, die nur denkbar ist. Als Provokation funktioniert dieser Film, als Komödie ist er eine Geschmacklosigkeit.
Sieben Mulden und eine Leiche (quer)
Frenetic
Der Schweizer Filmemacher Thomas Haemmerli befreit sich von der Erinnerung an seine Mutter, indem er sich bei der Vernichtung ihren Nachlass filmt.
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