Enter the Void - 2009 | FILMREPORTER.de
Filmreporter-RSS
©Capelight Pictures

Enter the Void

OriginaltitelEnter the Void
AlternativSoudain le vide
GenreDrama
Land & Jahr Frankreich 2009
FSK & Länge ab 18 Jahren • 162 min.
KinoDeutschland
AnbieterCapelight Pictures
Kinostart26.08.2010
RegieGaspar Noé
DarstellerNathaniel Brown, Edward L. Papazian, Simon Chamberland, Philippe Nahon, Emi Takeuchi, Stuart Miller
Homepage http://www.enterthevoid-lefilm.com
Links IMDB
Inhalt/KritikCast & CrewTechn. DatenNewsTrailerGalerieDVDsbewerten

Formal berauschendes Experiment von Gaspar Noé

Filmische Versuche mit subjektiver Perspektive sind fast so alt wie der Film. In den meisten Fällen war die Subjektivierung partieller Natur, indem wenige Szenen oder Einstellungen die Sicht einer Figur wiedergeben. Filme, die ausschließlich aus dem Blickwinkel eines Protagonisten erzählt werden, sind da schon seltener. Einer ist Robert Montgomerys "Die Dame im See" aus dem Jahr 1947. Dabei ist die Suche Montgomerys nach einem filmischen Pendant zur literarischen Ich-Erzählung wohl der Hauptgrund für das Experiment. Dieses scheiterte nicht zuletzt, weil sein Werk durch die perspektivische Einengung allzu klaustrophobisch wirkt und formal krampfhaft bemüht erscheint.

Skandalfilmer Gaspar Noé wagt sich mit "Enter the Void" auf das gleiche Terrain. Dabei weist sein Werk durchaus Parallelen mit Montgomerys Film auf. Am auffälligsten ist dies, wenn Protagonist Oscar (Nathaniel Brown) vor den Spiegel tritt und der Zuschauer so erstmals sein Identifikationsobjekt zu Gesicht bekommt. Der junge Mann steht unter Drogen und versucht die Kontrolle zu gewinnen. Sein Freund Victor (Olly Alexander) wartet in einer nahe gelegenen Bar in Tokio, um mit ihm den nächsten Drogendeal über die Bühne zu bringen. Kaum am vereinbarten Treffpunkt angekommen, wird Pascal von einer Polizeirazzia überrascht und beim Versuch zu fliehen erschossen. Die Tötungsszene gehört zu den spannendsten und ergreifendsten Momenten des ästhetisch ungewöhnlichen Films. Sie beeindruckt vor allem durch das Nebeneinander von hektischen und extrem ruhigen Momenten. Wurde der Zuschauer zuvor von der virtuosen Rasanz der Kamerabewegung mitgerissen, bleibt er beim Sterben Pascals fassungslos. Mit dem Ende dieser Szene offenbart sich der Grund für Noés ungewohnte Perspektive. Die Kameraperspektive ist hier nicht nur der Blick des Protagonisten, sondern repräsentiert die Sicht von dessen Bewusstsein. Wenn man so will, ist der Blick die einzig mögliche Umsetzung der Idee von der Trennung von Körper und Geist, die im Subtext von "Enter the Void" mitschwingt.

Eine solche Trennung findet nun auch mit dem Tod Oscars statt. Seine Seele löst sich vom Körper, um fortan rastlos durch Raum und Zeit zu wandern. Im Mittelpunkt dieser Reise steht Pascals Schwester Linda (Paz de la Huerta), die Oscars Seele zwanghaft zu verfolgen scheint, als halte er sein Versprechen, sie niemals zu verlassen, bis über den Tod hinaus. Mit Linda hat Pascal zu Lebzeiten ein besonders inniges Verhältnis. Vor allem der tragische Verlust ihrer Eltern bei einen Autounfall, den die Kinder glücklich überstanden haben, schweißt die Geschwister zusammen. Nachdem sie von den Behörden auseinandergerissen wurden, treffen sie sich nach Jahren in Tokio wieder. Hier verdingt sich Linda als Striptease-Tänzerin, während Pascal sich als Drogenhändler über Wasser hält - bis der Tod sie erneut trennt.
Gaspar Noé stellt in "Enter the Void" eine Frage, die wir uns alle schon gestellt haben. Was passiert, nachdem der Mensch gestorben ist. Gibt es da ein großes dunkles Nichts? Wird die Seele wiedergeboren oder gibt es tatsächlich so etwas wie der Scheideweg zwischen Paradies und Hölle? Noé gibt mit seiner filmischen Tour de force eine eindeutige Antwort und diese hat nichts mit dem Erklärungsmodell des Christentums zu tun. Die Unsterblichkeit ist auch in den Dialogen Thema, wenn Oscar und sein Freund Alex (Cyril Roy) sich ausgedehnt über ein Buch unterhalten, das sich mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt. Dadurch erfährt die Thematik eine Doppelung und sorgt dafür, dass es dem Ende des Films an Überraschung mangelt. Was als Schwäche von "Enter the Void" ausgelegt werden könnte, zeichnet dessen besondere Qualität aus. Mit bewundernswertem Mut führt Noé nicht nur sein Thema konsequent zu Ende, sondern wagt sich auch an das Offensichtliche und vermeintlich Plakative. Zudem packt er alle nur erdenkliche Tabuthemen an, die sich ihm aus dem Stoff ergeben. Von Inzest über promiskuitiver bis hin zur homoerotischen Liebe wird kein noch so gewagtes Tabu ausgelassen. Dass in diesem Umfeld auch explizite Darstellungen des geschlechtlichen Aktes nicht fehlen, versteht sich von selbst. All das wird Noé von konservativen Kritikern sicher den Vorwurf der bewussten Provokation einbringen, aber was soll's?

Der oft hektische subjektive Kamerablick dürfte von vielen Zuschauern als problematisch empfunden werden. Zumal Noé konsequent eine klassische Szenenauflösung und auch orientierende Einstellungen verweigert. Die Folge ist nicht nur eine extreme Einengung des Blickwinkels, sondern auch ein Gefühl der Desorientierung beim Zuschauer. Im Verlauf der Films gewöhnt sich dieser aber an diese radikale Ästhetik, bis er unversehens in ihren Sog gerät. Wenn die Kamera immer mehr die 'Bewegung' der Seele Oscars vollziehend, von einem Ort zum nächsten über die Skyline Tokios fliegt, dann fasziniert "Enter the Void" nicht nur in formaler Hinsicht, sondern auch mit seinen technisch brillanten Bildern. Dass diese Ortswechsel zugleich mit der Filmerzählung respektive der Szenenwechsel zusammenfallen, kann man durchaus als dramaturgischen Notwendigkeit akzeptieren.

Die Subjektivierung bietet Noé die Möglichkeit, die Drogenrauschzustände Oscars zu visualisieren. Nicht allein die Tatsache, dass diese mit einer Farb- und abstrakten Formenwahrnehmung einhergehen, ist das Originelle an diesen Sequenzen - Noé benutzt digitale Effekte, um die 'Visionen' darzustellen. Es ist vielmehr die Beharrlichkeit, mit der Oscars Delirium festgehalten wird. Dadurch gewinnen diese Momente eine Eigenständigkeit, die "Enter the Void" an das Farbrauschen am Ende von Stanley Kubricks Meisterwerk "2001 - Odyssee im Weltraum" erinnert. Interessant sind diese Rauschmomente auch insofern, als sie dem Film einen abstrakt-experimentellen Charakter verleihen. Dafür stehen auch die vielen Einblendungen der Farbe Weiß, immer dann wenn die Kamera bzw. die Seele Oscars in eine helle, brennende oder kreisförmige Öffnung eindringt. In diesen Momenten verlässt der Film für eine kurze Zeit das Figurative, um zur reinen Abstraktion zu werden.

Bewertung abgeben

Bewertung
8,0 (Filmreporter)     
 (0 User)

Meinungen

Es gibt noch keine Userkritik!

Trailer: 

Enter the Void

Oscar (Nathaniel Brown) und Linda (Paz de la Huerta) leben in Tokio. Sie verdingt sich als Striptease-Tänzerin, er hält sich mit kleinen Drogengeschäften...  Clip starten
Amazon
Bücher, DVDs oder das neue Heimkino für Ihren Filmgenuss




 

Galerie:  Enter the Void

Gaspar Noé erzählt in "Enter the Void" seine Geschichte konsequent aus dem subjektiven Blickwinkel eines Verstorbenen. Dieser Kunstgriff sorgt für eine desorientierende und... mehr
Inhalt/KritikCast & CrewTechn. DatenNewsTrailerGalerieDVDsbewerten
© 2019 Filmreporter.de