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Mitten im Sturm

Originaltitel
Within the Whirlwind
Genre
Biographie
 
Deutschland/Polen/Belgien 2009
 
111 min, ab 12 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
 
 
Kinostart
05.05.2011 ( D ) bei NFP marketing & distribution
 
 
Regie
Marleen Gorris
Darsteller
Lech Dyblik, Emily Watson, Aleksander Trabczynski, Marta Dobecka, Zbigniew Konopka, Remigiusz Jankowski
Homepage
http://www.mittenimsturm-derfilm.de
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IMDB
|0  katastrophal
brilliant  10|
1 6,0(Filmreporter)
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Mitten im SturmNFP marketing & distribution
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Emily Watson leidet und liebt im sibirischen Gulag

Eine starke Frau, bedroht und inhaftiert von einem menschenverachtenden Staat, steht im Zentrum von Marleen Gorris' "Mitten im Sturm". In dem auf einer wahren Begebenheit beruhenden Drama beschäftigt sich die Filmemacherin mit dem Schicksal einer sowjetischen Intellektuellen, die im Zuge der stalinistischen Säuberungen verhaftet und zu mehrjähriger Zwangsarbeit im sibirischen Gulag verurteilt wird. Eugenia Ginzburg ist Dozentin an der Universität Kasan in der Republik Tatarstan, Leiterin der Kulturredaktion einer kommunistischen Regionalzeitung und überzeugte Kommunistin.

Als 1935 ein Attentat auf einen Parteifunktionär verübt wird, gerät das Leben der vom Staatsapparat privilegierten Familie Ginzburgs aus den Fugen. Nachdem einer ihrer Kollegen verhaftet wird, sieht sich auch Ginzburg mit Verdächtigungen konfrontiert. Es folgten das Berufsverbot, der Ausschluss aus der KpdSU und im Februar 1937schließlich die Verhaftung. Wenige Monate später wird sie aufgrund von Zeugenaussagen wegen "Terrorismus" zu zehn Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Nach Abbüßen der Strafe lässt sie sich in einem Verbannungsort nieder, wo sie gemeinsam mit dem im Zuchthaus kennen gelernten deutschen Arzt Anton Walter, ihrem Sohn und ihrer Adoptivtochter viele Jahre lebt. 1954 wird die Professorin rehabilitiert und ihre Verbannung aufgehoben. Obwohl sie wieder in die KPdSU aufgenommen wird, darf sie erst 1966 nach Moskau ziehen, wo sie bis zu ihrem Tod im Mai 1977 als Autorin von Kurzgeschichten und Essays lebt.

In der Adaption von Ginzburgs Memoiren beschränken sich Gorris und Drehbuchautorin Nancy Larson auf die Zeit unmittelbar vor und während der Inhaftierung im Gulag. Dabei finden im ersten Teil des Dramas alle bereits erwähnten biografischen Eckdaten Einzug in die Handlung. Der zweite Teil erzählt von den harten Lebensbedingungen im Lager und der Begegnung Ginzburgs (Emily Watson) mit dem Arzt (Ulrich Tukur). Die Liebe zu dem Mann und nicht zuletzt ihre Begeisterung für die russische Literatur geben der Frau die Kraft, die zehnjährige Haft zu überstehen.


Marleen Gorris ist seit Anfang der 1980er Jahre als Regisseurin tätig. Seitdem hat sie kaum ein Dutzend Filme realisiert, wobei die Abstände zwischen den Projekten vor allem in den letzten Jahren immer größer werden. 2003 beschäftigt sie in "Carolina" mit drei Geschwistern, die nach dem Tod ihres Vaters unter schwierigen Bedingungen bei ihrer Großmutter aufwachsen. Sie tritt auch mit dem Fernsehmehrteiler "Rembrandt en ik" in Erscheinung. Thematisch befasst sich die Holländerin in ihrem Werk mit der Situation der Frau in der Gesellschaft, wobei sie die alltägliche - offenkundige und subtile - Gewalt seziert. In einem übergeordneten Sinne geht es Gorris auch um menschenverachtende Zustände innerhalb der Gesellschaft, aus der vor allem die Frau als moralischer Sieger hervorgeht, während der Mann - wie in ihrem einzigen Science-Fiction-Film "Die letzte Insel" gesehen - meist der Verführung seiner Instinkte und der rohen Gewalt erliegt. So gesehen, kann man Gorris durchaus als feministische Regisseurin bezeichnen, die in ihrem Werk der Würde der Frau Ausdruck verleiht und dem vermeintlich schwachen Geschlecht seinen verdienten Platz in der Gesellschaft einräumt.

Mit der Zweiteilung ihres Dramas "Mitten im Sturm" aus dem Jahr 2009 geht ein unterschiedliches qualitatives Niveau einher. Eindrücklich gelingt es der Regisseurin in der ersten Hälfte das Ohnmachtsgefühl der Protagonistin angesichts eines Menschenverachtenden politischen Machtapparats herauszuarbeiten. Auch wenn Gorris im Presseheft betont, mit dem Film "kein Urteil über ein politisches System" gefällt zu haben, wird in "Mitten im Sturm" die Absurdität politischer Entscheidungen unverkennbar herausgearbeitet. Ein um die Machterhaltung besorgtes politisches Regime operiert nicht etwa auf Grundlage stichhaltiger Beweise, sondern der willkürlichen Behauptung ob der potenziellen Gefährlichkeit eines Bürgers. Das ist keine neue Erkenntnis, doch mit Blick auf das Verhältnis zeitgenössischer Autokratien zu ihrem Volk eine durchaus aktuelle. Es gehört zu den geglückten Momenten von "Mitten im Sturm", den Zuschauer diesen Wahnwitz und das Ohnmachtsgefühl der Protagonisten spüren zu lassen. Dabei glänzt das Drama in diesen Passagen auch durch seine formale Zurückgenommenheit. Spannung und Atmosphäre werden auf subtile Weise erzeugt, ohne mit überdeutlichen formalen Mitteln unterstrichen zu werden.

Mit dem Herausgerissen werden der Professorin aus dem privilegierten Leben in die existenzielle Kargheit der Gefangenschaft im Gulag geht zugleich ein abrupter Wechsel der filmischen Darstellung einher. Die formale Unaufgeregtheit opfert Gorris in der zweiten Hälfte zugunsten einer formalen Persistenz. Dadurch verliert der Film viel von seiner Qualität. Grobkörnige Bilder, eine extreme Helldunkel-Ausleuchtung und die expressive Darstellung von Hauptdarstellerin Emily Watson - es wird kein filmisches Mittel ausgelassen, um die neue Situation der Protagonistin zu verdeutlichen. Eine künstlerische Gestaltung im Sinne einer Einheit von Form und Inhalt gehört sicher zum Recht des Künstlers. Nur ist das eine Frage des Maßes. Gewinnt die Form zu sehr an Gewicht, dann wird sie aufdringlich.

Wenig differenziert ist auch Gorris' Umgang mit der Literatur. Die Regisseurin erliegt der Versuchung, einmal mehr das Klischee von der Kunst als lebensbejahendes und -rettendes Element zu beschwören. Mag sein, dass der Stellenwert der Literatur für Eugenia Ginzburg in ihrer schweren Lebenssituation auf Tatsachen beruht. Auch muss berücksichtigt werden, dass das Verhältnis der Russen zu ihren Dichtern von jeher ein besonderes gewesen ist. Das Wissen um geistige Bonmots und Aphorismen, die einer jeden Lebenssituation Sinn und dem Menschen Trost spenden, ist besonders ausgeprägt. Trotzdem: Die emphatische Art und Weise, mit der Gorris die Macht der Literatur ins Bild rückt, fällt unangenehm auf. Sie lässt damit außer Acht, was die Protagonistin ihres Films den Studenten lehrt: dass in der Kunst die Essenz im Zwischenraum liegt.
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Videoclip: Mitten im Sturm
Eine Professorin (Emily Watson) gerät nach einem Anschlag auf einen Parteifunktionär in den Fokus der sowjetischen Justiz. Sie wird verhaftet und zu zehn Jahren Zwangsarbeit...  Clip starten
Galerie: Mitten im Sturm
"Mitten im Sturm" handelt von einer sowjetischen Professorin, die zu zehn Jahren Haft im sibirischen Gulag verurteilt wurde. Das Drama überzeugt nur in der ersten Hälfte. Der...
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