Der Seidenfächer - 2011 | FILMREPORTER.de
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Der Seidenfächer

OriginaltitelSnow Flower and the Secret Fan
GenreDrama
Land & Jahr China/USA 2011
FSK & Länge ab 6 Jahren • 104 min.
KinoDeutschland
AnbieterSenator Film Verleih
Kinostart28.06.2012
RegieWayne Wang
DarstellerZhong Lü, Russell Wong, Mian Mian, Yi-Ching Lu, Zhoubo Fang, Xiao Hu Ding
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Chinas Frauenbild in Gegenwart und Vergangenheit

"Der Seidenfächer" setzt im Shanghai der Gegenwart an. Die erfolgreiche Geschäftsfrau Nina (Bingbing Li) hat gerade einen aussichtsreichen Auftrag bekommen. Mit ihrem Freund und Partner soll sie in New York eine Zweigstelle ihrer Firma leiten. Eines Nachts wird die junge Frau von einem Telefonat geweckt. Eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung teilt ihr mit, dass eine gewisse Sophia (Gianna Jun) mit einem Fahrrad bei einem Verkehrsunfall verunglückt sei. Entsetzt fährt Nina ins Krankenhaus, wo sie ihre Freundin im Koma vorfindet.

Nina und Sophia sind beste Freundinnen. Als Teenager haben sie sich geschworen, ein Leben lang wie Schwestern verbunden zu bleiben. Um ihr Versprechen zu halten, sagt Nina die Reise nach New York ab um bei Sophia zu bleiben. Später findet sie in Sophias Habseligkeiten ein Manuskript, das die Geschichte zweier Frauen aus dem 19. Jahrhundert erzählt, deren Schicksal ebenfalls durch das Laotong-Ritual miteinander verflochten ist.

An dieser Stelle wechselt die Erzählung in die Vergangenheit. Snow Flower (Yan Dai) und Lily (Congmeng Guo) gehören nicht der gleichen sozialen Schicht an. Während das eine Mädchen aus reichem Hause stammt, wächst das andere in ärmlichen Verhältnissen auf. Beide teilen jedoch ein gemeinsames Schicksal: Sie haben am gleichen Tag ihre Lotusfüße bekommen. Dabei werden die Füße gebrochen und mit Bandagen in eine andere Form gebunden. Weil die Mädchen am gleichen Tag im gleichen Tierkreiszeichen geboren sind, werden sie bald von einer Heiratsvermittlerin als Laotongs zusammengeführt, als Schwestern im Geiste, die sich vertraglich dazu verpflichten, ein Leben lang miteinander verbunden zu bleiben. Dennoch werden die Frauen als Erwachsene getrennt. Denn die Heiratsvermittlerin findet für beide einen Ehemann - nicht zuletzt dank ihrer perfekt geformten Füße.
Wayne Wang verschränkt in "Der Seidenfächer" drei Zeitebenen miteinander, wobei jede Zeit ihre eigene formale Charakteristik bekommt. So erscheint das 19. Jahrhundert in klassischen Sepia-Farben, die 1990er Jahre werden mit hektischen Handkamerabewegungen gekennzeichnet - eine Referenz an die entfesselte Kameratechnik in Wong Kar-wais "Chungking Express". Die Gegenwart ist schließlich in kühlen Blautönen gehalten. So sehr Wang dadurch die Handlungsstränge voneinander separiert, zeigen sich auf der anderen Seite in thematischer Hinsicht Parallelen und Überschneidungen. Kernpunkt der Geschichte ist das Leiden der Frau in einer von Traditionen und Vorurteilen geprägten Gesellschaft. Die Lotusfüße sind vor diesem Hintergrund Sinnbild dieses Leidens. Später wird dieses Motiv vielfach variiert - etwa bei Zwangsheirat, Gewalt in der Ehe, Krankheit und Tod. In Anbetracht des qualvollen Schicksals der Frau ist die Laotong-Schwesternschaft ein utopisches Gegengewicht zu diesen Verhältnissen. Hier findet sie den Halt und die Geborgenheit, die sie in der Gegenwart nicht haben kann oder darf.

Die Konturierung der sozialen Lage der Frauen im 19. Jahrhundert gelingt Wang vorzüglich, auch wenn er die melodramatische Akzentuierung ihres Leidens aber auch ihrer wenigen glücklichen Momente ein ums andere Mal übertreibt. Demgegenüber findet er in den Gegenwartspassagen zu keiner Balance. Während das Laotong-Element plastisch geraten ist - so setzt Nina für ihre Freundschaft ihre Zukunft aufs Spiel - bleiben die Bedingungen der Unmöglichkeit des Glücks Behauptung. Nina ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau und scheint glücklich liiert zu sein. Ihr Leiden ist weniger durch die Gesellschaft, als vielmehr durch die Freundschaft mit Sophia bedingt. Allenfalls bei Sophia ist das melodramatische Unglücklichsein spürbar. Nur bleibt Wang hier allzu sehr in Andeutungen und Ansätzen stecken. Ihre leidvolle Liebe zum Vater, das zerrüttete Verhältnis zur Schwiegermutter, die Liebesbeziehung zu einem australischen Verleger (Hugh Jackman in einer überraschenden Nebenrolle) haben zu wenig dramaturgisches Gewicht und wirken allzu aufgesetzt, als dass sie eine überzeugende Darstellung der privaten Verhältnisse der jungen Frau zeigten.

So bleibt der Zuschauer am Ende von "Der Seidenfächer" mit gemischten Gefühlen zurück. Während das Melodram in den historischen Passagen durchaus zu überzeugen weiß, hat es in den gegenwärtigen Passagen zu wenig Substanz. Vielleicht wäre Wang besser beraten gewesen, sich nur auf eine Zeitebene zu konzentrieren. So bleibt sein Film ein Kompromiss, der - bezeichnend für das zeitgenössische Kino - vor historischen Stoffen und ihrer Ästhetik einen großen Bogen macht.
Der Seidenfächer

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