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Tore tanzt

Originaltitel
Tore tanzt
Genre
Drama
Land /Jahr
Deutschland 2013
 
110 min, ab 16 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
Kinostart
28.11.2013 ( D ) bei Rapid Eye Movies
Regie
Katrin Gebbe
Darsteller
Julius Feldmeier, Laura Lo Zito, Alexander Wipprecht, Leoni Schulz, Enno Hesse, Katinka Auberger
Links
IMDB
|0  katastrophal
brilliant  10|
7,0 (Filmreporter)
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Schonungsloser Blick auf die Bestie Mensch
Im Mittelpunt von "Tore tanzt" steht der gläubige Jesus Freak Tore (Julius Feldmeier), dessen Glaubensgrundsätze ihn zu einem Opfer eines aggressiven Umfeldes machen. Die Leidensgeschichte des jungen Mannes beginnt auf einer Autobahn-Raststätte. Als das Auto des Familienvaters Benno (Sascha Alexander Gersak) nicht anspringt, kommt ihm Tore zur Hilfe. Doch nicht sein Handwerksgeschick ist es, das den Wagen zum Laufen bringt, sondern ein kurzer Gebetsstoß Richtung Himmel.

Die beiden treffen sich bald wieder und Tore nimmt Bennos Einladung an, bei seiner Familie einzuziehen. Hier wird Tore Opfer der sadistischen Veranlagung seines vermeintlichen Freundes. Anstatt sich zu wehren, verhält er sich gemäß des christlichen Grundsatzes: Wenn du geohrfeigt wirst, halte die andere Wange hin.
Die 1983 geborene Filmemacherin Katrin Gebbe ließ sich für Ihr Spielfilmdebüt von einer wahren Begebenheit inspirieren. 'Mir ist ein Artikel aufgefallen, der mich mehr berührt hat als andere Zeitungsartikel. Es war eine Geschichte über einen Jungen, der von einer Familie versklavt wurde. Ich bin der Sache nachgegangen. Dieser Junge tat mir unglaublich leid', sagt die Regisseurin und Drehbuchautorin in einem Interview mit dem ZDF am 24.5.2013.

Eine andere Inspirationsquelle ist Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Roman "Idiot". Wie Fürst Myschkin ist auch Tore eine moderne Jesusfigur, dessen idealistisches Weltbild und nach christlichen Wertmaßstäben ausgerichtetes Verhalten ihn zum Opfer der modernen Gesellschaft macht. Der altruistische Charakterzug beider Figuren macht sie zu Außenseitern einer brutalen und gottlosen Wirklichkeit.

Mit dem Leidensweg Tores führt Gebbe die Unempfindlichkeit der Gesellschaft gegenüber christlichen Idealen vor Augen. Die Menschen sind im Angesicht des Verhaltens bzw. Nichtverhaltens des jungen Mannes ratlos. Mehr noch: Durch seine Weigerung, seinen Peinigern die Stirn zu bieten, verstärkt er deren Aggression. Je länger er seine Wange hinhält, umso vehementer wird er zur Zielscheibe ihrer sadistischen Triebe.

Dennoch steht Gebbe mit "Tore tanzt" - wie seinerzeit Dostojewskij mit seinem berühmten Roman - im Dienst der christlichen Ethik. Entsprechend voll gepackt ist das provozierende, zum Nachdenken anregende Drama mit religiösen Motiven und Bildern. So sehr Tore das Leiden des Menschen in einer brutalen Wirklichkeit repräsentiert, so sehr hat sein Martyrium auch eine missionarische Funktion. Mag sein Verhalten auch nicht beispielhaft für die ganze Menschheit und deren Nachwelt sein, so hat er doch die Möglichkeit, einige wenige zu erlösen: seine größten Peiniger.

Mit "Tore tanzt" hat Katrin Gebbe ein bedrückendes Drama über die menschlichen Abgründe inszeniert. Gleichwohl wird man das Gefühl nicht los, dass sich die Regisseurin mit ihrem leisen Drama fern der gesellschaftlichen und menschlichen Realität bewegt. "Tore tanzt" gibt vor, die Welt abzubilden, kommt aber über ein abstraktes gedankliches Konstrukt nicht hinaus. Dass der Film auf Tatsachen beruht und Gebbe sich von dem Experten für extreme Wirklichkeitsdarstellungen Matthias Glasner dramaturgisch beraten ließ, haben nicht verhindern können, dass die Protagonisten wie in einem Vakuum agieren.

Zweifelsohne ist "Tore tanzt" Dostojewskij und seinen human- und religionsphilosophischen Gedankenanordnungen näher, als den real existierenden Verhältnissen unserer modernen Gesellschaft. Filmisch ist Gebbe dennoch ein großes Stück Kino gelungen. So wenig der Inhalt Bodenhaftung hat, so präsent ist dessen Erzählung. Dazu trägt nicht nur Gebbes präzise Regie und Drehbuch bei, auch die durchweg großartigen Darsteller, allen voran Neuentdeckung Julius Feldmeier, haben einen großen Anteil daran.

Vier Jahre arbeitet Gebbe an ihrem Film. Dabei sind ihre Ambitionen von Anfang an nicht klein. Als sie das Werk 2013 bei den Filmfestspielen Cannes einreicht, wird sie zunächst abgelehnt. Für die angehende Regisseurin, die an der Hamburg Media School studierte, ist dieser Dämpfer eine bittere Enttäuschung: 'Ich war natürlich tieftraurig und am Boden zerstört', verrät sie im ZDF-Interview.

Der Frust soll nicht lange dauern. Wenig später wird Gebbe nachnominiert, zwar nicht im Wettbewerb, aber immerhin für die renommierte Sektion Un certain regard. Ein großer Erfolg - zumal der Film der einzige deutsche Beitrag im offiziellen Programm ist und die Zuschauer ihn begeistert aufnehmen.
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Videoclip:
Der gläubige Jesus Freak Tore (Julius Feldmeier) macht die Bekanntschaft Bennos (Sascha... 
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Für ihr Kinodebüt "Tore tanzt" ließ sich Katrin Gebbe von einem Zeitungsartikel und Dostojewskijs Roman "Idiot" inspirieren. Sie wirft einen schonungslosen Blick auf die...
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2021