Leto - 2018 | FILMREPORTER.de
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Leto

OriginaltitelLeto
GenreMusikfilm, Romanze
Land & Jahr Russland/Frankreich 2018
FSK & Länge ab 12 Jahren • 128 min.
KinoDeutschland
AnbieterWeltkino Filmverleih
Kinostart08.11.2018
RegieKirill Serebrennikov
DarstellerTschi Hun Kim, Irina Starshenbaum, Roman Bilyk, Anton Adasinsky, Liya Akhedzhakova, Yuliya Aug
Homepage https://www.weltkino.de/film/kino/leto
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Drama über zwei Legenden der russischen Musik

Ziemlich am Anfang von Kirill Serebrennikovs "Leto" treffen sich ein Dutzend junger Menschen am Strand. Einer von ihnen hat eine Gitarre, mit der er ein Lied anstimmt. in "Leto", so der Titel, besingt er nicht nur den Sommer, sondern auch ein Lebensgefühl. 'Ich habe genug Zeit, aber kein Geld in der Tasche', heißt eine Zeile. 'Doch es ist mir scheißegal'. Das lyrische Ich durstet nach einem Bier. Es überlegt, ein Konzert aufzusuchen. Dann beschließt es, baden zu gehen - bevor es von den Mücken 'aufgefressen' wird. Überhaupt, so scheint es, ist alles 'scheißegal'. Schließlich geht das Gerücht um, dass ein Komet auf die Erde zurase und alles Leben vernichten werde.
Wie der wunderbare Song handelt auch Kirill Serebrennikovs gleichnamiger Film von der Freiheit oder vielmehr dem unbedingten Willen des Menschen, im Angesicht des Unvermeidlichen frei zu sein. Es geht in diesem großartigen Film des russischen Theater- und Spielfilmregisseurs, der unter dem Präsidenten seines Landes seiner eigenen Freiheit verlustig wurde, außerdem um die Freundschaft und die Liebe. Nicht zuletzt und vor allem handelt "Leto" von der Musik, deren alternative Sparte sich in der Sowjetunion seit jeher ihre Freiheit erkämpfen muss.

Serebrennikov handelt diese Themen an den Beispielen zweier bedeutender Musikerpersönlichkeiten Russlands ab: Michail 'Maik' Naumenko - das ist der Mann, der in "Leto" über den Sommer und die Freiheit singt - und Wiktor Zoi. Beide genießen in Russland Kultstatus. Warum? Weil sie in den 1980er Jahren nach dem Vorbild von Künstlern aus den Sehnsuchtsorten westlich des Eisernen Vorhangs Musik machen. Weil sie in poetischen Texten von der Freiheit des Menschen und der Freiheit der Liebe singen. Und weil beide lange vor ihrer Zeit sterben. Naumenko wird nur 36 Jahre alt, Zoi stirbt mit 28 Jahren bei einem Autounfall. Die Frühverstorbenen, das wissen auch die Fans westlicher Rockmusik, leben ewig.

Obwohl man vor allem Zois Bedeutung für die russische Jugend nicht hoch genug einschätzen kann - man muss das wirklich betonen: Sie wiegt in Russland etwa so viel wie im Westen Jim Morrison, Janis Joplin, Jimi Hendrix und so manch anderer früh verstorbener Musiker zusammen - dominiert in Serebrennikovs Film eher die Perspektive Naumenkos. Er ist der ältere und reifere von beiden, als sie sich in den frühen 1980er Jahren in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, begegnen. Mike (Roman Bilyk) wird zu einer Art Mentor für Wiktor (Teo Yoo). Er ist der Profi, der mit seiner Band Zoopark in einem Rockclub längst die Jugend begeistert. Seine Vorbilder sind T.Rex, Bob Dylan, David Bowie und Lou Reed. Auch seinen Zögling führt er in die westliche Musik ein. Er steht ihm beratend zu Seite und leitet für ihn und seine Band Kino sogar einen Plattenvertrag in die Wege.

Und dann gibt Mike seinem Freund Wiktor noch etwas, was eigentlich unbezahlbar ist: seine Lebensgefährtin Natascha (Irina Starshenbaum), mit der er ein Kind hat. Natasha liebt Mike zwar aufrichtig, doch auch sie erliegt dem Charme seines charismatischen und talentierten Freundes. Eines Abends bricht es aus ihr heraus. Wiktor gefalle ihr und sie wolle ihn küssen, sagt sie. Dann tu es doch, entgegnet ihr Mike. Eines Tages wird er Natascha und Wiktor alleine lassen. Während er draußen bei strömendem Regen wartet, darf sie den Rivalen in der Wohnung endlich küssen.

Diese zarte Liebesgeschichte innerhalb der Freundschaftsgeschichte innerhalb der Filmbiographie gehört zu den schönsten Momenten in "Leto". Vor allem mit diesem Erzählstrang wird deutlich, dass Serebrennikov im historischen Gewand vom gegenwärtigen Russland erzählt. In einer Zeit, als der Präsident seines Landes Homosexuelle und Andersdenkende kriminalisiert, dreht einer seiner ärgsten Kritiker einen Film über die Freiheit von Liebe, Handeln, Denken - und des künstlerischen Ausdrucks. Auch die Revolte der jungen Musiker in "Leto", ihr und das Ankämpfen ihrer vielen Anhänger gegen die Unterdrückung ihres Willens kann man als Metapher für den Zustand des gegenwärtigen Russlands auslegen.

Um den Konflikt zwischen Mensch und Staat, Kunst und Zensur zum Ausdruck zu bringen, bedient sich Serebrennikov auch der Muster populärer Filmgenres. "Leto" ist ein Melodram, das die Enge und die Beklommenheit des russischen Alltags der 1980er Jahre in melancholische Schwarz-Weißbilder übersetzt. Der Film wird zu einem Musical, wenn sich die Protagonisten plötzlich in einem Arrangement aus Tanz und Gesang wiederfinden. Wie im Musical die Figuren mit Gesang und Tanz aus der Prosa des gewöhnlichen Redens und Verhaltens ausbrechen, um ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, so schenkt Serebrennikov seinen Protagonisten mit solchen Mitteln kurze Momente des Glücks.

Sie waren aber und sind teilweise noch immer eine Illusion. 'Das ist nie passiert', sagt nach den musikalisch-lyrischen Passagen immer wieder eine Figur, die als eine Art Mittler zwischen dargestellter Welt und dem Zuschauer fungiert. Serebrennikovs Film ist passiert, er wird fertiggestellt und schafft es ins Kino. Bezahlt hat der Regisseur dafür und für andere Arbeiten mit seiner Freiheit. Als "Leto" bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes im Wettbewerb gezeigt wird, darf der unter Hausarrest stehende Filmemacher nicht dabei sein.
Leto

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Leto: Deutscher Trailer

Wiktor Zoi und Michail Naumenko werden in Russland für ihre westlich orientierten Lieder und ihre Freiheit beschwörenden Texte verehrt.  Clip starten
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