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Enfant Terrible

Originaltitel
Enfant Terrible
Genre
Drama
 
Deutschland 2020
 
134 min, ab 16 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
 
 
Kinostart
01.10.2020 ( D ) bei Weltkino Filmverleih
 
 
Regie
Darsteller
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7,0 (Filmreporter)
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Enfant Terrible (Kino) 2020Weltkino Filmverleih

Oskar Roehler arbeitet sich am eigenen Vorbild ab

Auch im konservativen München des Jahres 1967 stehen die Zeichen auf Veränderung, zumindest in der Theaterszene. Nachdem der erst 20-jährige Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) in Köln für Aufruhr sorgte, kehrt er in seine bayerische Heimat zurück. Das Antitheater des selbsternannten Rebellen sorgt für Schlagzeilen, es spaltet Kritik und Öffentlichkeit.

Zugleich etabliert der Autor, Regisseur und Schauspieler seine Arbeitsweise in einem Clan, zu dem neben professionellen Schauspielern auch Laien stoßen. Privates und Berufliches vermischen sich, der bisexuelle Künstler geht beständig neue Beziehungen an, die er abrupt beendet, wenn er seiner Musen überdrüssig ist. Menschen interessieren ihn nur so lange, wie sie ihm nutzen.

Fassbinder zieht es zum Film, in der Ära des Aufbruchs nach dem Tod von Opas Kintop sind seine provokanten Filme gefragt. Zumindest in der Szene. Sie werden bei der Berlinale wie an der Croisette genauso frenetisch ausgebuht wie gefeiert. Sein Traum ist wahr geworden, er hat die Anerkennung, die er immer wollte. Doch er zieht eine Befriedigung aus der öffentlichen Beachtung, sein Ego treibt den Worcoholic weiter.


Oskar Roehler hat sich das Leben Rainer Werner Fassbinders für ein Biopic vorgenommen. Wie Fassbinder wuchs auch er in einer zerrütteten Ehe auf, das Thema ließ ihn nie los und inspirierte ihn zu seinem Meisterstück "Die Unberührbare". In seiner Generation ist Roehler wohl der Regisseur, der in Deutschland am ehesten in die Fußstapfen von Fassbinder tritt. Das beweist er hier, indem er sich dem gekünstelten Stil der Ikone annähert.

Roehler jagt Oliver Masucci durch eine schauspielerische Tour de Force, er ist in jeder Szene des Films präsent und füllt sie bravourös. Stets ist sein Fassbinder das Zentrum des Raums, selten kommen die Mitglieder seines Clans über die Rolle von Stichwortgebern hinaus. Trotzdem gelingt es insbesondere Erdal Yildiz als algerisch-stämmiger Familienvater, der für Fassbinder alle Wurzeln kappt, den Schmerz über die einseitige Beziehung nachfühlbar zu machen.

Das Karussell dreht sich über 15 Jahre. Es ist erstaunlich, wie viele Demütigungen und Beleidigungen die 'Familie' aushält, um ein Stück des Ruhms des bewunderten Enfant terribles abzukriegen. Die Grenzen zur emotionalen Abhängigkeit verwischen zur psychischen Ausbeutung. Fassbinder kann es mit Harvey Weinstein aufnehmen.

Der Preis für die Zugehörigkeit zum Fassbinder-Clan ist seit langem bekannt, wurde aber noch nie so dezidiert auf den Punkt gebracht. Zugleich führt es zur Crux. Roehler verzichtet auf jegliche Einbindung von Fassbinders Wirken in den gesellschaftlichen Kontext, er setzt ihn einfach voraus. Stattdessen reiht er Szenen aus den Ehen und beruflichen Beziehungen Fassbinders, die miteinander verschmelzen, aneinander. Was zunehmend redundant wirkt, da alle Affären nach dem gleichen psychologischen Muster beginnen und enden.

So rüttelt der Film am Sockel Fassbinders. Ob gewollt oder nicht, er wirkt wie ein rücksichtloses Arschloch. Es bewahrheitet sich erneut, was der deutsche Film bei der Annäherung an historische Persönlichkeiten selten beherzigt. Weniger ist mehr, das beweisen Biopics wie "Die dunkelste Stunde" oder "The King's Speech", die sich kürzere Zeitabschnitte vornehmen und tief in Geschehen und Seele der Porträtierten eintauchen.
Oliver Masucci, Enfant Terrible (querG) 2020Weltkino Filmverleih, Bavaria Filmproduktion
Oskar Roehler hat sich das Leben seines Vorbildes Rainer Werner Fassbinders vorgenommen.
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