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Feature

Die Nacht singt ihre Lieder
Prokino

Gemeinsam schrumpfen

Demontage-Kino für Masochisten
Hinter einem trügerisch poetischen Titel verborgen, zieht das im Wettbewerb der Berlinale gezeigte (Mach)Werk von Romuald Karmakar nun direkt weiter in die Kinos. Abermals versucht der deutsche Regisseur mit einem manieriert inszenierten, Theaterhaften Kammerspiel zu polarisieren. Konzessionen an den Geschmack des Publikums kann man dem eigensinnigen agent provocateur beileibe nicht vorwerfen, der vor allem mit "Der Totmacher" künstlerische Erfolge feierte und den Mut selbst für ein kontroverses Werk wie "Das Himmler-Projekt" aufbrachte. Wie schmal bei seinem radikalen Verfahren der Grat zwischen Sieg und Niederlage ist, illustriert "Die Nacht singt ihre Lieder".
Von  Thorsten Krüger/Komm & Sieh,  13. Februar 2004
Gescheitert: Regisseur Romuald Karmakar
Prokino Filmverleih
Gescheitert: Regisseur Romuald Karmakar
Für sein Zwei-Personen-Stück, dass Schicht um Schicht die Tiefen einer Ehekrise eines noch jungen Paares auslotet, nahm er sich einer Vorlage des norwegischen Erfolgsautoren Jon Fosse an, dessen minimalistische Charakterstücke auf zahlreichen Bühnen gefeiert werden. Das junge Ehepaar (Anne Ratte-Polle und Frank Giering), ihre Namen erfahren wir nicht, leben mit ihrem Säugling in einer schmalen Altbauwohnung und öden sich an. Er verzweifelt an seinem beruflichen Misserfolg als Buchautor und liegt tagelang apathisch auf der Couch, sie, als unternehmungslustige, quasi Alleinerziehende "hält das nicht mehr aus". Wieso diese beiden Personen, die vom Drehbuch ostentativ als "Gegensatz" präpariert wurden, jemals ein Paar wurden, bleibt ebenso schleierhaft wie ihr Charakter, dem in seiner Künstlichkeit jede Spontaneität und Menschlichkeit versagt bleibt. Das ist weniger ein ästhetischer Reiz, als ein permanentes Glaubwürdigkeitsproblem. Blecherne Strichmännchen, die hölzerne, an Gestelztheit unübertroffene Dialoge absondern, sich wie auf Schienen durch die vorhersehbare (De)Konstruktion bewegen, welche mit ihrem bleischweren Pessimismus auch noch hausieren geht.

Durch den Verzicht auf jede biographische Einbettung und psychologische Deutung ist der Zuschauer ganz auf die Gegenwart der Szenen angewiesen. Karmakar verfolgt nicht den üblichen Weg der Identifikation, er verschweigt vielmehr jedes sozialpsychologische Umfeld, in das Filmfiguren für gewöhnlich eingebettet sind. Damit macht er sich völlig abhängig von der momentanen Leistung der Charaktere, die es allein in der Hand haben, in das Geschehen zu involvieren oder nicht. Ein riskantes Manöver, denn genau hier versagt der Film, der sein ganzes Gewicht auf die Schultern der zwei Hauptfiguren legt, ihnen aber jede Unterstützung entzieht.


Frank Giering und Anne Ratte-Polle retten den Kinoabend nicht
Delphi Filmverleih
Frank Giering und Anne Ratte-Polle retten den Kinoabend nicht
Unter der besessenen Regie von Romuald Karmakar, die seit "Manila" ihre Vorliebe für den Psycho-Porno - der Seelenstriptease im Close-Up- noch gesteigert hat, dürfen sie nie zu Menschen werden, sondern sind zu Stichwortgebern eines Plans degradiert, der von Beginn an unter seiner Vorhersehbarkeit ächzt. Was immer enthüllt wird, ist schon im Vorfeld offensichtlich. So finden die Eltern (Marthe Keller und Karmakars unentbehrlicher Manfred Zapatka) keine Ähnlichkeit zwischen Kind und Vater - eine Stunde später wird uns die "Überraschung" präsentiert, dass ein Kuckuckskind in der Krippe liegt. Indessen rückt Karmakar seinen Schauspielern mit einer keine Ironie oder Distanz zulassenden Kamera auf den Pelz, was besonders Frank Giering zu schaffen macht, der eine äußerst blasse Vorstellung abliefert. Mag bei den anderen Figuren und auch Anne Ratte-Polle zumindest Routine, wenn auch keine besondere Leistung vorliegen, schafft es keiner von ihnen die Totenstarre abzuschütteln, in die sie Karmakar versetzt hat. Was für Welten liegen da zwischen diesem am selbst auferlegten Anspruch gescheiterten Quäl-Kino und den Vorbilden Henrik Ibsen, August Strindberg und Ingmar Bergman!

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Vivisektion der dramaturgischen Prinzipien des Kinos mit voller Absicht geschieht - sich gleichwohl bezüglich ihrer verheerenden Wirkung verkalkuliert. Was als Antidramaturgie geplant war, in der jegliche Handlung ins Off verlegt wurde und dem automatischen Drang des Kinos, zu zeigen, Bilder zu liefern, zuwiderläuft, verkommt bisweilen zur reinen Kampfansage, zur simplen Verweigerungshaltung, die in ihrer Pose erstarrt. Die daraus resultierenden, drastischen Folgen hat vor allem das Publikum auszubaden. Dem haftet etwas grenzenlos Selbstherrliches an, das man auch bei Lars von Triers "Dogville" entdecken konnte. Nur fehlt "Die Nacht singt ihre Lieder" von Triers Vision, mag sie auch eine problematische sein, zur Gänze. Noch ein mal zum Mitleiden: hier vollzieht sich deutsches Schlechtfühlkino anno 2004, dem man bedenkenlos das Prädikat "powered by depression" verleihen kann.
Von  Thorsten Krüger/Komm & Sieh,  13. Februar 2004

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