Feature
Leonardo DiCaprio
Warner Bros. Pictures

Christopher Nolan zwischen Schein und Realität

Lediglich ein Traum

"Alles was wir sehen oder scheinen, ist lediglich ein Traum in einem Traum", so festgestellt von Edgar Allan Poe im Jahr seines Todes ("A Dream within a Dream ", 1849). Diese Zeilen beschreiben präzise die Grundidee des Thrillers "Inception", in dem Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan seine Hauptfiguren auf einem schmalen Grat zwischen Schein und Realität wandeln lässt. Es ist davon auszugehen, dass Nolan das Gedicht des US-amerikanischen Schriftstellers kennt, schließlich studierte er Englische Literatur. Doch Nolan wäre nicht Nolan, wenn es nicht viel komplizierter würde. Ohne zu viel vorwegzunehmen, die Idee wird auf mehreren Ebenen konsequent weitergesponnen und führt zu einem herrlich verschachtelten Traum-im-Traum-im-Traum-Konzept, in dessen Verlauf sich Hauptdarsteller wie Publikum die Frage stellen: Ist der Traum im Traum die Realität?
Von  Jassien Kelm/Filmreporter.de,  6. August 2010
Inception
Warner Bros.
Inception
Nach einem Intermezzo im Action-Genre, bei dem der Regisseur en passant das Batman-Franchise aus der Versenkung geholt hat, widmet sich Nolan wieder seiner Paradedisziplin, dem Thriller. Bereits mit "Memento", "Insomnia - Schlaflos" und "Prestige - Die Meister der Magie" bewies er herausragende Qualitäten in der Darstellung nicht-linearer Handlungsverläufe. Seither zieht sich das Spiel mit Schein und Realität als Leitmotiv durch sein Werk.

Ebenso charakteristisch ist die Thematisierung des menschlichen Unterbewusstseins, das in "Inception" zugleich Ort der Haupthandlung ist: Leonardo DiCaprio spielt darin einen Mann namens Dominic Cobb, der darauf spezialisiert ist, mittels technischer Hilfsmittel in das Unterbewusstsein von Schlafenden einzudringen. Die Zielpersonen, meist potente Wirtschaftsführer, verfügen über Informationen, die Cobb "extrahiert", ohne dass seine Opfer etwas davon mitbekämen, und anschließend seinen Auftraggebern überlässt.

Soweit die Ausgangslage, mit deren Ausführung sich "Inception" nicht lange aufhält. Mehr Zeit nimmt da schon die Erläuterung der veränderten Gesetzmäßigkeiten einer Traumwelt sowie deren Konstruktion in Anspruch. Was ist ein Traum? Laut wissenschaftlicher Definition eine psychische Aktivität während des Schlafes, die als besondere Form des Erlebens charakterisiert wird. In der Regel wissen wir während eines Traums nicht, dass wir schlafen; das Unterbewusstsein lässt uns die lebhaften Bilder als real wahrnehmen.


Christopher Nolan bei der Premiere von "Inception" in London
Warner Bros. Pictures
Christopher Nolan bei der Premiere von "Inception" in London
So wird es im Prinzip auch von Nolan dargestellt, mit dem feinen Unterschied, dass seine Hauptfiguren stets zu wissen scheinen, wann sie träumen. In Momenten des Zweifels können sie sich Gewissheit verschaffen, indem sie ein sogenanntes Totem verwenden - einen individuell gewählten Gegenstand, der im Traum anderen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist. So ist Dominic Cobbs Totem ein kleiner Kreisel, der in der Realität nach einigen Sekunden aufhört, sich zu drehen, im Traum aber endlos rotieren würde - wobei die Art und Weise, wie DiCaprio regelmäßig mit versteinerter Miene auf seinen Mini-Kreisel starrt, nicht einer gewissen Komik entbehrt.

Szenen wie diese deuten früh an, dass Cobb ein innerer Konflikt belastet. Anfängliche Hinweise zu der Motivation des zweifachen Vaters, der in seiner Heimat wegen Mordes an seiner Ehefrau gesucht wird, werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Im weiteren Verlauf verdichtet sich Cobbs persönliche Geschichte zu einem eigenständigen Handlungsstrang, der schließlich mit der aktuellen Handlung kollidiert. Wobei das mit der Definition von 'Aktualität' so eine Sache ist. Nicht nur wegen der Zeitverwerfungen, die zwischen Realität und Traum stattfinden - auch zwischen Parallelträumen. Auch aufgrund der Frage, ob es so etwas wie Aktualität in einem Traum überhaupt geben kann. Mit derlei Tiefsinn wird der Zuschauer in "Inception" eher indirekt konfrontiert. Dem Hauptprotagonisten stellt sich zwischenzeitlich die Gretchenfrage. Wenn ein Gefühl im Traum - Trauer, Liebe, Wut, Ohnmacht - genauso intensiv empfunden wird, wie in der Realität, so ist zumindest dieser Teil real. Ist dann nicht der Traum an sich real? In dem Moment, in dem ein Erlebnis vergangen ist und nur noch als subjektive Erinnerung existiert, spielt es da eine Rolle auf welcher Ebene es stattgefunden hat?


Tom Hardy
Warner Bros.
Tom Hardy
Wer an dieser Stelle den Finger heben möge um vorwurfsvoll "Matrix" zu rufen, dem sei versichert, dass die Wachowski-Brüder nicht die Ersten waren, die sich filmisch mit der Wahrnehmung von Traum und Realität auseinandergesetzt haben, genauso wenig wie Christopher Nolan der Letzte sein wird, der diese Thematik aufgreift.

Zu dem Zeitpunkt, da sich diese Dimension dem Zuschauer offenbart, hat "Inception" bereits seine charakteristische Atmosphäre entfaltet. Schwanger von subtiler Bedrohung, unheilvoller könnte sie nicht sein. Im Gegensatz zu "Dark Knight", in dem Nolan durch das intelligente Spiel mit Licht und Schatten eine hohe atmosphärische Dichte schafft, kommt hier dem Soundtrack eine tragende Rolle zu. Hans Zimmers Kompositionen kommen mit der Wucht eines Naturereignisses daher. Der deutsche Komponist verleiht dem Thriller eine solche Intensität, dass man seine Musik getrost als autarken Charakter neben den Darstellern bezeichnen kann. Dies müsste folgerichtig in Zimmers neunter Oscar-Nominierung resultieren.

Lobenswert ist auch die Performance von Leonardo DiCaprio, der gewohnt stark agiert, seinen Kollegen dabei viel Raum lässt - namentlich Nebendarsteller Tom Hardy, der mit seiner gewinnenden Art aus einem starken Ensemble herausragt. Dabei profitiert der Brite allerdings von seiner dankbaren Rolle. Seine Figur, ein Fälscher namens Eamon, bringt durch seine trockenen Kommentaren etwas Lockerheit ins Geschehen.


Leonardo DiCaprio bei der Premiere von "Inception" in London
Warner Bros. Pictures
Leonardo DiCaprio bei der Premiere von "Inception" in London
Ansonsten stiehlt die ambitionierte Story allem und jedem die Show, bei Nolan ist nichts wichtiger als die Geschichte selbst. Wie "Dark Knight", bei dem der Regisseur mit vielen Konventionen brach, indem er den Schurken zum Superstar stilisierte, so trägt auch sein neuestes Werk seine unverkennbare Handschrift. Es ist eine große Leistung, dass "Inception" innerhalb der Traumsequenzen, in denen sich eigentlich die Freiheit für alle nur erdenklichen Fantastereien böte, ganz nah an der Realität bleibt. Eine starke Geschichte hat keine Augenwischerei nötig. Die wenigen vermeintlich unrealistischen Momente innerhalb der Träume, wie zeitweise veränderte Gravitations-Bedingungen, werden plausibel erklärt. Auch die Handlung in sich ist schlüssig, allerdings lässt Nolan bei allem Gehalt die moralische Ebene komplett außer Acht. So wird das Eindringen in die Gedanken anderer durchaus als eine psychische Vergewaltigung dargestellt, jedoch zu keinem Zeitpunkt hinterfragt. Selbst die neugierige Architektin Ariadne, gespielt von Ellen Page, lässt sich von DiCaprios Figur mit einem Einzeiler abspeisen: "Was wir machen ist nicht hundertprozentig legal, wenn man es genau nimmt". Damit nicht genug, unerhörter Weise wird am Ende eines jeden Gedankendiebstahls "Non, je ne regrette rien" ("Nein, Ich bereue nichts"), das unvergessene Chanson von Edith Piaf wie eine Erkennungsmelodie angespielt. Eine nihilistische Grundeinstellung nimmt man dem von Schuldgefühlen geplagten Dominic Cobb nun wirklich nicht ab.

Bemerkenswert ist wiederum die Ästhetik, die besonders in den gelungenen Zeitlupenaufnahmen Ausdruck findet. Zudem besticht der Film durch seine Zielstrebigkeit, aufgrund derer man ihm die Dauer von knapp drei Stunden nicht anmerkt.

Ach, wäre Hollywood doch immer so unkonventionell. Bei so viel Tiefsinn sieht man gerne über den für Blockbuster obligatorischen Action-Anteil im Finale hinweg. Christopher Nolan untermauert nicht nur seinen Ruf als virtuoser Geschichtenerzähler. Er beweist eindrucksvoll, dass er sich durch nichts und niemanden von seinem Leitgedanken abbringen lässt: Originalität. In einer Branche, in der Erfolg primär am relativen Einspielergebnis eines Films zu den Produktionskosten bemessen wird, ist dies bemerkenswert. Aus diesem Grund ist es mit einem nicht unerheblichen Risiko verbunden, im Rahmen einer High-Budget-Produktion einen solch komplizierten Thriller abzuliefern, wie es Nolan nun mit "Inception" tut (Budget: 160 Millionen Dollar). Profiteur dieses Wagemuts ist in erster Linie das Kinopublikum, dem zur Hauptsaison mit Fortsetzungen wie "Step Up 3D", "Toy Story 3 in Disney Digital 3D" und Fernsehserienadaptionen wie "Das A-Team - Der Film" ein exquisiter Thriller mit anspruchsvoller Story dargeboten wird.
Von  Jassien Kelm/Filmreporter.de,  6. August 2010

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