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Feature

Joss Whedon auf der "Avengers"-Weltpremiere
Gipfeltreffen der Marvel-Helden

Joss Whedons Avengers

Wir sind nicht allein. In der schwarzen Leere des Weltalls lauern unheimliche Wesen, die nur eines im Sinn haben: Unterwerfung. Bereits zu Beginn gewährt uns Regisseur Joss Whedon einen flüchtigen Blick auf die Bedrohung, welche die Leinwand zum Beben bringen wird. Zugleich bereitet sein Prolog die Bühne für das Phantastische, das im Marvel-Universum seit jeher so selbstverständlich ist wie Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Licht und Schatten. Auf dem Spiel steht - wie sollte es anders sein - das Schicksal dieser leuchtenden Welt der unbegrenzten Ideen. Ein geringeres Problem würde die Zusammenkunft von Marvels Avengers nicht rechtfertigen.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de, 20. April 2012

Iron Man wird vom Einzelkämpfer zum Mitglied der Avengers

Iron Man wird vom Einzelkämpfer zum Mitglied der Avengers

Teil eines größeren Universums
Tödliche Geheimagenten, ein Super-Soldat aus vergangenen Zeiten, der Gott des Donners sowie ein brillanter Wissenschaftler, der unter Stress zum grünen Wüterich wird. Nicht zu vergessen: ein selbsternannter Held in eiserner Rüstung, der sich in aller gebotenen Bescheidenheit als Genie, Milliardär, Playboy und Philanthrop bezeichnet. Kaum vorstellbar, dass all diese merkwürdigen Individuen derselben Welt angehören, geschweige denn ein Team bilden sollen. Konflikte sind beim Aufeinandertreffen dieser höchst unterschiedlichen Egos vorprogrammiert. Erst im Angesicht des drohenden Weltuntergangs sehen sie sich gezwungen, persönliche Befindlichkeiten beiseite zu schieben und gemeinsam die Erde zu verteidigen. Irgendwer muss ja schließlich die Welt retten.

So einzigartig wie die Konstellation dieser disparaten Superhelden ist auch die geglückte Realisierung von "Marvel's The Avengers (3D)". Die Comic-Verfilmung ist das Resultat eines ambitionierten Planes, der mit dem ersten "Iron Man"-Teil von 2008 seinen Anfang nimmt. Nach dem Ende des Abspanns folgt eine kurze Szene, in der Nick Fury (Samuel L. Jackson) Iron Mans Alter Ego Tony Stark (Robert Downey Jr.) erklärt, dass dieser nun Teil eines größeren Universums sei, von dem er nichts wisse. 'Ich möchte mit Ihnen über die Avengers-Initiative reden', sagt Fury mit einem Leuchten im verbleibenden Auge, bevor sich die Vorhänge vor der Leinwand schließen. Comic-Kenner wissen in diesem Moment: der erste Schritt für eine Leinwandadaption der Avengers ist getan.

Marvel's The Avengers

Marvel's The Avengers

Superheldendominator Joss Whedon
In "Der unglaubliche Hulk", "Iron Man 2", "Thor" und "Captain America" werden nach und nach neue Querverweise eingestreut und alle weiteren Mitglieder der Avengers in eigenständigen Abenteuern etabliert, um sie 2012 in einem Film zu vereinen. Bis auf Mark Ruffalo, der Edward Norton als Bruce Banner alias Hulk ersetzt, sind alle Darsteller der Avengers schon zuvor in ihren Superhelden-Rollen zu sehen: Robert Downey Jr. als Iron Man, Chris Evans als Captain America, Chris Hemsworth als Thor, Scarlett Johansson als Black Widow, Jeremy Renner als Hawkeye und Samuel L. Jackson als Nick Fury. Nur der Regisseur ist neu: Joss Whedon.

Mit dem Marvel-Kosmos kennt sich Whedon bestens aus. Der Regisseur und Drehbuchautor ist langjähriger Fan der Comic-Vorlage und hat für den Marvel-Verlag unter anderem die brillante Comic-Reihe "Astonishing X-Men" geschrieben. Als Regisseur seines bis dato einzigen Spielfilmes "Serenity" hat er sich als hervorragende Wahl für die Handhabung eines Ensembles unterschiedlichster Leinwand-Charaktere erwiesen. Sein untrügliches Gespür für geschliffene Dialoge, Timing und Figurenzeichnung kommt auch bei den "Avengers" ausgezeichnet zur Geltung. Besonders beim verbalen Schlagabtausch zwischen Captain America, einem Idealisten alter Schule, und Iron Man, einem geborenen Selbstdarsteller, sprühen die Funken, als sei das Paar einer klassischen Screwball-Komödie entsprungen.

In "The Avengers" wird Mark Ruffalo zum Hulk

In "The Avengers" wird Mark Ruffalo zum Hulk

Mark Ruffalo sieht grün
Erfreulicherweise lässt sich Whedon Zeit, die zahlreichen Figuren zueinander in Beziehung zu setzen. Mit viel Liebe zum Detail und vielen Nuancen werden die Charaktere auf subtile Weise vertieft und weiterentwickelt. Als besonderer Glücksgriff erweist sich Neuzugang Mark Ruffalo, der seine tragische Figur Bruce Banner mit einer Mischung aus angenehmer Sanftheit und irritierender Angespanntheit spielt. Im Gegensatz zu den bisherigen Leinwandinterpretationen seines grünhäutigen Alter Egos Hulk, der als unkontrollierbares Muskelpaket zur tödlichen Gefahr für sein Umfeld wird, funktioniert der Übergang zwischen Banners Dr. Jekyll und Hulks Mr. Hyde reibungslos. Nebenbei sorgt der Hulk für zwei dermaßen zwerchfellerschütternde Momente, dass man als Zuschauer lauter lachen muss, als der grüne Riese jemals brüllen könnte.

Die zahlreichen Charakter-Momente werden immer wieder mit brillant choreographierten Action-Szenen durchsetzt. Das Bedrohungspotential, das von Oberschurke Loki (Tom Hiddleston) heraufbeschworen wird, ist durchgehend zu spüren. Wie Whedon das große Finale in der letzten halben Stunde in Szene setzt, trifft einen dennoch unvorbereitet. Dramaturgisch kann der Superhelden-Film leider nicht so konsequent wie Whedons bisherige Werke sein, da sich sein Drehbuch innerhalb der engen Vorgaben von Marvels Film-Kosmos bewegen muss. So ist beispielsweise von Anfang an klar, dass Iron Man, Thor und Captain America nicht das Zeitliche segnen können, weil die Fortsetzungen ihrer Einzelabenteuer bereits feststehen.

Thor (Chris Hemsworth) und Captain America (Chris Evans) auf dem Schlachtfeld

Thor (Chris Hemsworth) und Captain America (Chris Evans) auf dem Schlachtfeld

Versammelt euch!
Dagegen sind ihm inszenatorisch, nicht zuletzt aufgrund des hohen Budgets von über 200 Millionen US-Dollar, kaum Grenzen gesetzt. Wenn sich die Helden in New York gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Invasoren aus dem All zur Wehr setzen, werden wir mitten ins Geschehen gerissen. In manchen Augenblicken scheint es, als hätte man die Avengers in das Szenario des Kriegsfilms "Black Hawk Down" verpflanzt. Im Verlauf der Schlacht ist die von Seamus McGarvey geführte Kamera geradezu entfesselt. Wir folgen Iron Man durch die Lüfte, während Captain America und Thor auf dem Boden weiter kämpfen und sich Black Widow am Gegner festkrallt, bangen um Hawkeye, als er vom Dach springen muss und staunen über die rohe Gewalt des Hulk. Bis auf die musikalische Untermalung Alan Silvestris, die nicht immer den richtigen Ton trifft, setzen die Szenen die Messlatte für kommende Genre-Blockbuster ein gutes Stück höher.

Whedon gelingt das Kunststück, die Dynamik und Ästhetik der Comics mit Verve auf die Leinwand zu übertragen und ein Gefühl der Unmittelbarkeit zu erzeugen, das den Comics durch die Leerstellen zwischen den einzelnen Panels fehlt. Das gilt besonders für die Plansequenz, in der die Kamera kreuz und quer durch den New Yorker Schauplatz an jedem der kämpfenden Protagonisten entlang gleitet und sie als vereintes Team zeigt, das nicht von einem lästigen Schnitt in der Postproduktion unterbrochen zu werden braucht. Ganz ohne Worte sagt uns diese mitreißende Szene gegen Ende, was uns der Film auch gleich zu Beginn gesagt hat: Wir sind nicht allein.
Carlos Corbelle/Filmreporter.de - 20. April 2012

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