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Feature

Regisseur Marcus Vetter
Arsenal Filmverleih

Sehnsucht nach Frieden

Marcus Vetter im Cinema Jenin
Marcus Vetter hat sich einer großen Aufgabe gestellt. Gemeinsam mit einer Handvoll Helfern entschließt er sich, ein seit Jahren zerstörtes Kino in der palästinensischen Stadt Jenin wiederaufzubauen. Von Anfang an ist das Projekt mehr als nur ein kulturelles. Es soll vielmehr zu einem Ort des friedlichen Dialogs zwischen Palästinensern und Israelis werden. Wie schwierig sich die Aufbauarbeit in der krisengeschüttelten Region gestaltet, musste Vetter am eigenen Leib erleben. Seine Langzeitdokumentation "Cinema Jenin" ist dafür das beeindruckende Zeugnis.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  6. Juni 2012
Cinema Jenin
Senator Filmverleih
Cinema Jenin

Ausgangspunkt "Das Herz von Jenin"

Es sind Themen, die ihm am Herzen liegen: die großen und kleinen Geschichten im Nahen Osten, dem Zentrum des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern. 2008 dreht Marcus Vetter den preisgekrönten Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin", in dem er die bemerkenswerte Geschichte eines palästinensischen Vaters erzählt, dessen elfjähriger Sohn von der israelischen Armee erschossen wurde. Statt auf Rache zu sinnen, entschließt sich Ismael Khatib zu einer großen Tat: Er spendet die Organe seines Sohnes israelischen Kindern. Der Fall erregt seinerzeit weltweit Aufsehen und steht seither für den Wunsch großer Teile der palästinensischen Gesellschaft, den Teufelskreis aus nie endender Gewalt und Hass endlich zu brechen.

Die Idee für "Cinema Jenin" hat Vetter am Ende der Dreharbeiten von "Das Herz von Jenin". Nachdem er erfahren hat, dass Palästina einst eine ausgeprägte Kinokultur pflegte, entschließt er sich, gemeinsam mit Khatib das seit der ersten Intifada 1987 geschlossene Kino von Jenin wiederaufzubauen. Cinema Jenin sollte nicht nur die erlahmte Kinokultur wiederbeleben, sondern mit seinem angeschlossenen Kulturzentrum und verschiedenen Workshops eine friedensstiftende Aufgabe einnehmen. Von Anfang an war den Beteiligten klar, dass das Kino ein Ort der Begegnung der Kulturen für den Zweck des gegenseitigen Austausches und der Verständigung sein sollte.


Das Cinema Jenin von Außen
Senator Film Verleih
Das Cinema Jenin von Außen

Mühlen der Bürokratie

Der Aufbauprozess - des konkreten Kinos und des abstrakten Friedens ist Gegenstand der filmischen Langzeitbeobachtung geworden, der Dokumentation "Cinema Jenin". Dass dies kein einfacher Prozess gewesen ist, dessen Ende noch lange nicht in Sicht ist, geht unmissverständlich aus dem ambitionierten Film hervor. Neben etlichen bürokratischen Hürden musste auch der Widerstand der Altbesitzer gebrochen werden, die - nachdem sie sich für das Kino jahrelang nicht interessiert hatten - ein Geschäft wittern. Auch das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem Projekt sollte sich als Schwierigkeit herausstellen. Immer wieder begegnen die Projektleiter Palästinensern, für die der Krieg zu viele Opfer brachte, als dass sie einen Dialog mit Israelis vorbehaltlos hinzunehmen bereit wären. Wie prekär die Lage während der Arbeit vor Ort gewesen ist, bezeugt der Fall des Theatermachers Juliano Mer-Khamis, der auf offener Straße ermordet wurde. Es gehört zu den bewegendsten Momenten der Dokumentation, wenn eine Schrifteinblendung auf den Tod des Friedensaktivisten hinweist, nachdem dieser einige Sekunden zuvor mit all seiner Leidenschaft aber auch seiner Skepsis sich für das Projekt stark machte und es in ihrer Programmatik wesentlich lenkte.

Diese programmatische Ausrichtung des Cinema Jenin sollte sich als größte Herausforderung für die Initiatoren erweisen. Während einige Radikale im Team das Kino für politische Zwecke instrumentalisieren, es als Mittel des Kampfes gegen Israel gebrauchen wollen, sehen Vetter und seine Anhänger es als soziales Projekt. Das Kino sollte nicht als Waffe benutzt werden, sondern als Ort des Dialogs und der gegenseitigen Verständigung dienen. Es ist ein Konflikt, der im Film ausführlich behandelt wird und in jener Szene ihren Höhepunkt findet, in der einer der Kämpfer sich während des Eröffnungsabends der Diskussion mit dem Kinopublikum stellt. Entschlossen und unbeirrbar tritt er hier für seine Meinung der konfrontativen Lösung des Konflikts ein. Irgendwann fällt die Frage, ob er gerade eine Waffe mit sich trage. Ja, die habe er immer dabei, sagt er. Vetter, der die Diskussion leitet, sieht sich in diesem Moment gezwungen, die Moderation abzugeben. Ein Kollege springt für ihn ein, während der Regisseur am Rande Platz nimmt, um dem Gespräch als stiller Beobachter beizuwohnen.


Roger Waters
Senator Film Verleih
Roger Waters

Utopie in Bildern

Es ist bewundernswert, dass Vetter trotz solcher und zahlreicher ähnlicher Rückschläge niemals den Mut und die Hoffnung verloren hat. In einigen Stellen der Dokumentation findet der Filmemacher sogar zu hinreißend komischen Momenten. Abgesehen davon äußert sich seine optimistische Haltung auch in der Machart von "Cinema Jenin". So zieht er den über Monate sich erstreckenden Wiederaufbau des Gebäudes immer wieder durch eine zeitraffende Montage zusammen. Was vorher als zerrüttet brach lag, wird in wenigen Bildern aufgebaut. Was als Zwei-Mann-Projekt begann, wird zu einer Länder übergreifenden Hilfsorganisation. Da entpuppt sich ein Kinovorführer als Fachmann für eine alte Technik und bringt seine Apparatur wieder zum Laufen. Und da sitzt mit Roger Waters ein großer Musiker vor den Kameras und verkündet, dass er das Projekt finanziell unterstützen wolle. Die zermürbende Arbeit und deren Dauer sind in solchen Passagen wie weggefegt. Den Regisseur deswegen als illusorisch und naiv zu bezeichnen, wäre falsch. Es ist eine in Filmbildern formulierte Utopie, der Ausdruck eines Wunsches, dass auch der Friedensprozess zwischen den Konfliktparteien so reibungslos vonstattengeht, wie es der Film in diesen Momenten suggeriert.

Mit "Cinema Jenin" ist Vetter ein wichtiger, berührender Dokumentarfilm gelungen, der deutlich macht, dass kein Ziel zu groß ist, als dass sich eine Anstrengung nicht lohnen würde. Die Leitung des Kinos hat der Regisseur am Ende in palästinensische Hände gegeben. Man kann nur hoffen, dass sich die Verantwortlichen diese Botschaft zu Herzen nehmen werden.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  6. Juni 2012

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