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Sean Connery in der Inneren Welt
Koch Media

Unsterbliche und Brutale

John Boormans Vision "Zardoz"
In "Zardoz" beschreibt John Boorman eine Dystopie, wie sie in der Geschichte des Science-Fiction-Genres öfters thematisiert wird. So in George Pals "Die Zeitmaschine" nach H.G. Wells und Fritz Langs "Metropolis" ist auch in "Zardoz" die Welt in eine Innen- und eine Außenwelt geteilt. Diese Teilung - auch das ein Gemeinplatz in der Geschichte künstlerischer Zukunftsvisionen - kann jedoch nicht lange bestehen bleiben. Denn der Istzustand der Verhältnisse ist alles andere als hinnehmbar.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  26. August 2012
Sean Connery in "Zardoz"
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Sean Connery in "Zardoz"

Die Innenwelt und die Unsterblichen

Man schreibt das Jahr 2293. Die 'Innenwelt', das so genannte Vortex, wird von unsterblichen Menschen bewohnt, die in materieller und geistiger Erfüllung leben. Kontrolliert wird ihr Dasein vom so genannten 'Tabernakel', einem Computerprogramm, das vor langer Zeit installiert wurde, an dessen Funktionsweise sich jedoch kein Bewohner erinnern kann. Ein Schutzmechanismus der Technik, der auf das große Problem im Vortex hinweist. Denn das Leben seiner Einwohner beruht nicht auf freier Entscheidung, sondern ist Folge eines Zwanges. Die Menschen sind zu ihrem privilegierten Dasein verurteilt, ein Ausbruch aus den Verhältnissen ist nicht vorgesehen.

Das gilt auch für ihre Unsterblichkeit. Wem es gelingt, den Bann des ewigen Lebens zu durchbrechen, der wird wiedergeboren, um für immer in einem jugendlichen Alter gefangen zu sein. Das Älterwerden ist eine Strafe für Verstöße gegen die Regeln und Gebote. Weil es im Vortex etliche Straftaten gibt, wurde eine ganze Siedlung errichtet, in denen die 'Alten' eingesperrt werden - verdammt zum ewigen Altsein, zum Siechtum und zur Senilität.


Sean Connery mit nackter Schönheit
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Sean Connery mit nackter Schönheit

Die Außenwelt und die Brutalen

Jenseits dieser aseptischen Welt, in der 'Außenwelt', leben die 'Brutalen', wie sie von den Unsterblichen genannt werden. Hier herrscht Chaos, Gewalt, Zerstörung und der Tod. Das Leben der Menschen ist komplett zweckbestimmt. Es ist ein Arbeitervolk, wie bei Wells und Lang, das von den Privilegierten ausgenutzt und ausgebeutet wird. Damit die Brutalen ihrer Aufgabe nachkommen, werden sie von den Kämpfern des 'Zardoz' überwacht, einer vermeintlichen Gottheit, die in Wirklichkeit von einem Bewohner des Vortex gesteuert wird.

Unter den Kämpfern befindet sich auch ein Mann, der sich Z (Sean Connery) nennt, als Reverenz an die Gottheit, wie es an einer Stelle heißt. Dem robusten Krieger gelingt es eines Tages, sich in das Innere Zardoz', einem steinernen Kopf, zu verstecken und auf diese Weise nach Vortex zu gelangen. Hier wird das 'Monstrum' als Bedrohung wahrgenommen, wobei sich schnell zwei Parteien bilden: Während die einen Zs Vernichtung fordern, wollen andere ihn am Leben erhalten und erforschen.


Vermeintlichen Gottheit "Zardoz"
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Vermeintlichen Gottheit "Zardoz"

Allegorie der Wirklichkeit

Wie die fantastischen Ausgangssituationen von H.G. Wells und Fritz Lang hat auch in "Zardoz" der Inhalt symbolischen Charakter. Wie die Vorbilder behandelt Boorman in seiner Dystopie gesellschaftspolitische Erscheinungen seiner Zeit. So ist der Konflikt zwischen Innen- und Außen-, Ober und Unterwelt die allegorische Verdichtung aller Arten real existierender sozialer Antagonismen, ob diese nun von Alten und Jungen, von Wissenden und Nicht-Wissenden, Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Arbeitern gebildet werden.

Neben der Verankerung in der Wirklichkeit ist "Zardoz" das Produkt vieler kultureller Einflüsse und Verweise. Der 'Titelheld' des Films verweist nicht nur inhaltlich auf den Zauberer von Oz aus der gleichnamigen Erzählung von Lyman Frank Baum respektive des Fantasy-Films von Victor Fleming aus dem Jahr 1939. Er ist auch eine Zusammensetzung des Originaltitels der beiden Vorlagen ("The Wizard of Oz"). Auch nimmt Boorman Anleihen aus verschiedenen Mythen, etwa der griechischen Mythologie mit ihrer Gegenüberstellung vom Göttlichen und Menschlichem, Unsterblichem und Sterblichem sowie der Entgrenzung zwischen diesen beiden Welten. Durch die Auseinandersetzung mit dem ewigem Leben und Tod greift er zentrale Themen der Geistesgeschichte auf, während er im Kampf zwischen der Ahnungslosigkeit und der Sehnsucht nach Wissen und Selbstbewusstsein des Menschen den Konflikt zwischen der 'selbstverschuldeten Unmündigkeit' und den Idealen der Aufklärung abhandelt. Nicht zuletzt lässt sich "Zardoz" als dezidierte Religionskritik lesen, wenn Boorman den unbedingten Gottesglauben des Menschen der manipulativen Kraft der Religion gegenüberstellt.


Zardoz
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Zardoz

Bescheidene filmische Umsetzung

Im Gegensatz zur thematischen Vielschichtigkeit steht die geradezu naive bis grobschlächtige Machart von "Zardoz". Dabei krankt der Film nicht nur an der technischen Unzulänglichkeit, was sicher auch den geringen Produktionskosten geschuldet ist, sondern auch an der wenig originellen optischen Umsetzung der Zukunftsvision. Motive wie der frei schwebende Kopf Zardoz' sind eher unfreiwillig komisch und wirken wie Fremdkörper, als dass sie eine organische und gültige Darstellung einer fremden Welt wären. Auch andere Stellen, etwa der Waffen spuckende Zardoz', die Limbo-Beleuchtung des Prologs, die stellenweise hölzernen Dialoge ("Sex ist schlecht, Waffen sind gut") zeugen in ihrer gedanklichen Verkürzung von der Einfallslosigkeit der Inszenierung und können nicht auf das begrenzte Budget zurückgeführt werden. So gesehen mag "Zardoz" als Diskurs über Phänomene seiner Entstehungszeit durchaus beachtenswert sein, als filmische Darstellung einer Zukunftsvision kann Science-Fiction-Spektakel jedoch nicht überzeugen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  26. August 2012

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