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Feature

Alexander Fehling in "Wir wollten aufs Meer"

Wild Bunch

Spannender Thriller über Schuld und Sühne
Toke Constantin Hebbelns Blick
Toke Constantin Hebbelns "Wir wollten aufs Meer" handelt von zwei Freunden in der ehemaligen DDR, die den Traum haben, in die große weite Welt aufzubrechen. Der Politthriller wirkt zwar allzu kalkuliert, schafft es aber, das menschliche Drama sowie die Willkür des Stasi-Apparats in einer spannenden Geschichte um Freundschaft und Verrat aufzulösen. In den Hauptrollen brillieren Alexander Fehling, August Diehl und Ronald Zehrfeld.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10.09.2012
Wir wollten aufs Meer

Wild Bunch Germany

Traum von der großen weiten Welt

Cornelis (Alexander Fehling) und Andreas (August Diehl) haben einen Traum: Sie wollen aufs Meer, raus aus der DDR, endlich die große weite Welt sehen. Dafür heuern sie als Arbeiter am Rostocker Hafen an. Eine Übergangsstation, wie sie glauben, später wollen sie als Matrosen der DDR-Handelsmarine in die ersehnte Freiheit schippern.

Toke Constantin Hebbeln findet für den Anfang seines Kinodebüts bezeichnende Bilder für die Gefühlswelt seiner Protagonisten. Die Hoffnung und Zuversicht angesichts der Glückverheißung der beiden Männer äußert sich in stimmungsvollen Aufnahmen, während die Szenerie - was sonst ganz selten in diesem beklemmenden Thriller vorkommt - bei helllichtem, sonnendurchflutetem Tag inszeniert ist. Die Menschen, von denen sich bald die zwei Freunde Cornelis und Andreas herausschälen, sind in Bewegung, als könnten sie das Glück, das in ihnen brodelt, nicht mehr im Zaum halten. Man lacht und scherzt miteinander, ist einfach glücklich. Das Ganze mündet in einem Foto, das von den beiden Freunden geschossen wird. Die Gefühle erstarren auf diesem - als wollte Hebbeln darauf hinweisen, dass das Leben dort zum Stillstand kommt. Das Glück, die Bewegung, das Leben finden nicht in der Realität statt, sondern allenfalls im Kopf der Einzelnen - als Illusion und Träumerei, in die man sich flüchtet, oder als Lüge, die ihm von außen, dem System aufgezwungen wird.


Wir wollten aufs Meer

Wild Bunch Germany

Vom Ende der Träume zum Verrat

Und so ist es bezeichnend, dass sich die Träume von Conny und Andy noch immer nicht erfüllt haben. Drei Jahre später sind sie noch immer in der gleichen Stadt, sind noch immer Hafenarbeiter, warten weiter darauf, endlich das 'Tor zur Welt' zu überqueren. Dafür ließen sie sich sogar von der Staatssicherheit anwerben. Wenn sie auf hohe See wollen, sollen sie ihren Brigadier Matze Schönherr (Ronald Zehrfeld) ausspionieren. Der Verdacht der Stasi: Schönherr ist nur nach außen ein vorbildlicher Sozialist, in Wahrheit plane er seine Republikflucht. Den Beweis sollen Conny und Andy erbringen.

"Wir wollten aufs Meer" geht auf eine Idee von Drehbuchautor Ronny Schalk zurück. Gemeinsam mit seinem Kommilitonen der Filmakademie Baden-Württemberg Hebbeln arbeitete er sein Exposé zu einem 60-seitigen Treatment aus, dem Grundgerüst des Drehbuchs. Das war 2008, zwei Jahre nachdem Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem Oscar-gekrönten Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" die Welt auf das dunkle Kapitel der deutschen Nachkriegszeit lenkte, und lange bevor sich Christian Petzold in "Barbara" filmisch sensibler als Donnersmarcks Genre-Film mit dem DDR-Thema auseinandersetzt. So unterschiedlich diese Filme formal auch sein mögen, ihre thematischen Ansätze sind miteinander durchaus vergleichbar. Was sicher auch an der Natur der Dinge liegt. Handelt es sich nicht gerade um einen komödiantischen Ansatz, die differenzierten sozialpolitischen Verhältnisse der deutsch-deutschen Vergangenheit glattzubügeln, kommt man als Künstler an der Auseinandersetzung mit dem Konflikt zwischen Staat und Individuum, politischer Repression und der Sehnsucht des Menschen nach Selbstbestimmung nicht vorbei.


"Wir wollten aufs Meer"-Regisseur Toke Constantin Hebbeln

Wild Bunch

Menschliches Drama

Auch in "Wir wollten aufs Meer" gibt es diese Konstellation. Unter der Oberfläche der zentralen Konfliktsituation geht es in ihrem Thriller jedoch vor allem um existentielle Fragen wie Verrat und Loyalität, Schuld und Sühne. So ökonomisch, wie es von einem Genre-Film erwartet wird - in diesem Punkt sind sie Donnersmarck näher als Petzold - steuern Hebbeln und Schalk auf die kleinen Konflikte des Dramas zu. Schnell wird deutlich, dass die Freundschaft von Conny und Andy nicht von Dauer ist, dass sie dem Druck des Regimes nicht standhalten kann. Tatsächlich kommt es, wie es kommen muss. Connys Gewissen bekommt die Überhand, sie weigert sich in letzter Minute, seinen geschätzten Kollegen Matze, der tatsächlich Fahnenflucht begehen will, an die Stasi auszuliefern. Es ist schließlich Andy, der schwächelt, der Verführung der Macht nachgibt und beide, sowohl Matze als auch Conny, verrät.

Im Gefängnis schließlich, wo Conny nach dem gescheiterten Fluchtversuch nach Hamburg mit seiner Freundin Mai (Phuong Thao Vu) landet, kommt es zur Begegnung mit Matze. Hier, wo ein Großteil der Handlung angesiedelt sein wird und der Film seine packendsten Szenen hat, wiederholt Hebbeln das Schuld- und Sühnethema und variiert sie zugleich. Ohne dass Conny an der Situation in letzter Konsequenz schuldig geworden ist, wird er von Matze als solcher gehalten. Es dauert lange, bis er die Loyalität seines Freundes erkennt und ihm das verdiente Vertrauen schenkt. Sich selbst kann Conny dennoch nicht so einfach verzeihen. Auch wenn er für die Tragödie Matzes nicht direkt verantwortlich ist, plagen ihn doch Gewissensbisse. Es ist die Absicht und nicht nur die Tat, so die implizierte Denkkette Connys, an der sich ein Mensch schuldig macht.


Alexander Fehling in "Wir wollten aufs Meer"

Wild Bunch

Kalkulierter Genrefilm

So ehrenwert es ist, dass Hebbeln und Schalk das Zwischenmenschliche aus dem überstrapazierten Stoff herausschälen, so deutlich ist auch, dass sie ihren Stoff nicht ganz in den Griff bekommen. Während die Schuld-und-Sühne-Thematik an der einen Figur überstrapaziert wird, ohne letztlich doch in eine stringente Charakterstudie zu münden, ist die Zeichnung des anderen Charakters allzu undurchsichtig geraten. Bis zuletzt bleibt dem Zuschauer unklar, was den opportunistischen Andy umtreibt, welche Ziele er verfolgt. Der mangelnden Präzision in der Figurendarstellung steht eine formale Gestaltung entgegen, der eine bescheidene Zurückhaltung gut getan hätte. Man merkt es dem Polit-Thriller allzu sehr an, dass er ein Genrefilm sein will. Wo bei Donnersmarck mit einigen wenigen Abstrichen Einfachheit und Präzision vorherrschte, kann Hebbelns Film einen gezwungenen Akademismus nicht verleugnen.

Dennoch ist dem Regisseur ein beachtlicher Film gelungen. Nicht nur weil auch er einen spannenden Blick auf das "Leben der Anderen" wirft, sondern weil er sich differenziert dem System der Macht annimmt. Nicht weniger eindringlich als Donnersmarck zeigt Hebbeln, dass die Drahtzieher des Überwachungsstaates ein engmaschiges Netz gesponnen hat, dem sich der Einzelne nicht so einfach entziehen kann. Diese Männer sind keinesfalls Dilettanten und Stümper, sondern ausgewiesene Profis, die ihr Handwerk beherrschen. In diesem Punkt ist "Wir wollten aufs Meer" am stärksten, weil es Hebbeln gelingt, die Klaustrophobie und die Ausweglosigkeit stimmig einzufangen, die eine politische Willkür zur Folge hat. Hier ist sein Film weniger Thriller, hier ist er authentisch und damit auch respektvoll gegenüber den sozialen und politischen Verhältnissen jener Zeit.

Nicht zuletzt hebt sich "Wir wollten aufs Meer" durch seine Darsteller aus der Masse der Thriller heraus. Alexander Fehling, August Diehl und Ronald Zehrfeld gehören zu den engagiertesten Darstellern des deutschen Films. Sie untermauern hier, warum das so ist. An ihrem eindringlichen Spiel wird deutlich, wie sehr das Kino von Blicken abhängig ist. So auch in der Szene, in der Andy und Conny mit dem Verdacht eines Stasi-Mitarbeiters konfrontiert werden. In der Mimik und der Körpersprache Diehls und Fehlings ist die gesamte Energie der Szene konzentriert. Die Leistung Hebbelns ist die inszenatorische Entscheidung, die Kamera im entscheidenden Augenblick auf Distanz zu halten. Eine Leistung, die sich ganz dem Vertrauen seiner Darsteller verdankt.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10.09.2012

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