Öffne meine Augen
Harte, traurige Geschichte öffnet Augen
Feature: Sehnsucht, Schmachten, Liebeswunsch?
"Öffne meine Augen" - das klingt nach Sehnsucht, Schmachten, Liebeswunsch. Tatsächlich aber erzählt die spanische Regisseurin Icíar Bollaín in ihrem dritten Spielfilm eine harte, traurige Geschichte.
Von  Gabriele Michel/Filmreporter.de,  11. August 2005
Pilar (<persons|36160|Laia Marull>) mit Sohn auf der Flucht
Seit zehn Jahren leidet Pilar (Laia Marull) unter den Gewaltausbrüchen ihres Mannes Antonio (Luis Tosar). Eines Nachts packt sie endlich hastig ein paar Kleidungsstücke, weckt ihren Sohn (Nicolás Fernández Luna) und flieht mit ihm zu ihrer Schwester Ana (Candela Peña). Erst im Bus bemerkt sie, dass sie in Pantoffeln aufgebrochen ist. Im Grunde eine Kleinigkeit, für Pilar aber werden diese abgewetzten Pantoffeln zum Sinnbild ihrer Schutzlosigkeit. Endlich kann sie trauern, kann über die unpassenden Schuhe weinen, das konnte sie angesichts der Schläge und Demütigungen ihres Mannes nicht.

Die realitätsnahe Genauigkeit, die Feinfühligkeit und Fairness, mit der Bollain emotionale Ausbrüche inszeniert, kann man nur bewundern. Fair ist sie, weil sie den Mann als Peiniger - und all die anderen, vergleichbar disponierten Männer, denen Antonio in einer Selbsthilfegruppe begegne - nicht als tumbe Täter zeichnet oder einseitig verurteilt. Offenkundig wird vielmehr, wie diese Männer immer auch Opfer ihrer selbst sind - Opfer der eigenen Impulse, der eigenen Dickfelligkeit oder einfach nur ihres jämmerlichen Selbstmitleids. In seiner Kritik an diesen - bisweilen auch "den" - Männern ist der Film mit ironischen Details sogar unterhaltsam. Beklemmend ist es hingegen zu erleben, wie Pilar sich immer wieder von Antonios Versprechungen und Verführungskünsten blenden, zu neuer Hoffnung verleiten lässt. Vor allem, weil sie ihren Mann körperlich begehrt, die sexuelle Verschmelzung mit ihm immer wieder und trotz allem genießt.
Findet Pilar einen Weg aus ihrer unheilvollen Ehe?
Dass sie die Demütigungen und Misshandlungen ihres Mannes durch die eigene Unterwürfigkeit geradezu provoziert, auch das macht die Regisseurin deutlich und bleibt damit fair und differenziert gegenüber ihrem männlichen Protagonisten. Aufatmen kann man in diesem Film immer dann, wenn Pilar selbstbewusst, in ihrem neu gewonnenen Job den Museumsbesuchern schlagfertig und charmant die Geschichte und visuellen Charakteristika von Gemälden erklärt. Schön und strahlend ist sie dann, diese Frau, die in anderen Momenten als banges Elendshäuflein ihren Mann um die Erlaubnis bittet, mit ihren Freundinnen aus zu gehen. Wie groß die Spannung ist, die Pilar innerlich fast zerreisen, das machen die Hauptdarstellerin und eine ihr zugeneigte Kamera (Charles Guis) in intensiven Szenen spürbar. Wird sich Pilar aus dieser fatalen Dynamik lösen können?

Ken Loach, britische Meister vielschichtiger Sozialstudien ("My Name is Joe", "Just a Kiss") lobte den Film wegen seiner Präzision und fantasievollen Einfühlungskraft. Auch die sieben Goyas und über eine Million Zuschauer in Spanien sind eine starke Empfehlung. Grund zu der Hoffnung, dass "Öffne meine Augen" auch in Deutschland trotz seines heiklen Themas ein breiteres Publikum erreichen könnte. Weil hier detailgenau und mit beeindruckendem schauspielerischem Einsatz ein Problem vergegenwärtigt wird, vor dem wir gemeinhin lieber die Augen verschließen würden.
Von  Gabriele Michel/Filmreporter.de,  11. August 2005
Zum Thema
Weitere Kritiken
Auf der Suche nach dem Missing Link
Peter Greenaway - Filmpoet und Mathematiker
2021