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Einander zugetan Melanie Lenz und Joseph Lorenz in "Paradies: Hoffnung"
Neue Visionen Filmverleih

Abschluss einer denkwürdigen Trilogie: "Paradies: Hoffnung"

Ulrich Seidl provoziert
Mit seiner "Paradies"-Trilogie gelingt Ulrich Seidl ein in der Filmgeschichte einzigartiges Kunststück. Jeder der drei Filme der Reihe läuft auf einem der drei wichtigen A-Festivals: Cannes, Venedig, Berlin. Mit dem Abschluss des Triptychons, "Paradies: Hoffnung", ist der Österreicher ästhetisch zwar weniger radikal als in "Paradies: Liebe" und "Paradies: Glaube". An wichtige Fragen über unsere moderne Gesellschaft vermag er dennoch zu rühren.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  25. April 2013
Paradies: Liebe
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Paradies: Liebe

Zu dick, um schön zu sein?

Man kennt Melanie (Melanie Lenz) bereits aus "Paradies: Liebe", Ulrich Seidls erstem Teil seiner "Paradies"-Trilogie. Dort war sie eher am Rande zu sehen, als widerspenstige, schwer pubertierende Tochter der Protagonistin, die sich nach Afrika flüchtet und die Tochter der Tante überlässt. In "Paradies: Hoffnung" widmet sich Seidl nun ganz der Heranwachsenden. Auch sie hat ein Kreuz zu tragen und auch sie begibt sich auf eine 'Reise', um eine Lösung für ihr Problem zu finden.

Melanie ist zu dick. Bei einer Größe von 1,64 Meter wiegt der Teenager mehr als 80 Kilogramm. Damit die Pfunde runter purzeln und sich so der Schönheitsnorm zu fügen, lässt sie sich während der Sommerferien in ein im vorigen Jahrhundert stehen gebliebenes Diätcamp einweisen. Die Betreuer verlangen eine fast perverse Disziplin - haben aber keinerlei pädagogische Fertigkeiten. Hier gesellt sich der Sehnsucht nach Schönheit bald eine andere Leidenschaft dazu. Melanie verliebt sich mit der Bedingungslosigkeit des ersten Mals in den Arzt (Joseph Lorenz) der Einrichtung. Damit beginnt eine weitere nicht minder schmerzhafte Leidensgeschichte des Mädchens.

"Paradies: Hoffnung" ist der letzte Teil von Ulrich Seidls vieldiskutierter "Paradies"-Trilogie. Darin zeigt der österreichische Regisseur am Beispiel dreier weiblicher Lebensentwürfe die Sinnsuche des Menschen respektive der Frau in der modernen, globalisierten Welt. Dabei diagnostiziert Seidl in seinen formal strengen Filmen mit kühl-sezierendem Blick die Entfremdung des Menschen von seinen Ursprüngen. Seidls Diagnose: Jeder Einzelne ist sich selbst der nächste, während christliche Werte wie Nächstenliebe und Opferbereitschaft dem rücksichtslosen Überlebensinstinkt geopfert werden. Hier bleibt sich der ätzende Kritiker der österreichischen Gesellschaft treu, auch wenn "Paradies: Hoffnung" weniger radikal ist, als frühere Werke des Regisseurs.


Paradies: Glaube
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Paradies: Glaube

Auf der Suche nach Liebe

In "Paradies: Liebe" begleitet Seidl eine alleinstehende Mutter im fortgeschrittenen Alter während ihres Urlaubs in Kenia, wo sie statt Liebe zu finden finanziell ausgenommen wird. Umgekehrt ist auch die wohlhabende Österreicherin vor einer Verdinglichung des Menschen nicht gefeit. Sie, die auf der Suche nach bedingungsloser Liebe ist, scheut selbst nicht davor zurück, junge Afrikaner als Objekte ihrer Begierde zu betrachten und zu behandeln. Dabei zeigt Seidl in schonungsloser Offenheit, wie sexuelle Erniedrigung nahtlos in rassistische Vorbehalte gegenüber der einheimischen schwarz-afrikanischen Bevölkerung übergeht.

Anders als "Paradies: Glaube" auf den ersten Blick vermuten lässt, ist das Drama kein antireligiöses oder antikatholisches Pamphlet. Seidl thematisiert zwar, welche Ausmaße religiöser Wahn annehmen kann. Doch sind dessen pervertierte Ausdruckformen am Beispiel einer Frau, die ihre Umwelt mit aller Gewalt zum Glauben bekehren will, eher individueller Natur, als dass der gläubige Regisseur den Katholizismus in Gänze in Frage stellen würde. Mit dem Fanatismus der Protagonistin schneidet Seidl vielmehr wieder sein ureigenes Thema gesellschaftlicher Entfremdung an. So kommt der Wahn der Frau nicht von ungefähr, hat vielmehr seine Ursache in der Erfahrung sozialer Kälte.

Mit "Paradies: Hoffnung" stellt der Filmemacher Teenager in den Mittelpunkt seines Interesses. Melanie ist die Tochter der Hauptfigur aus "Liebe" und die Nichte der Protagonistin aus "Glaube". Wie die reifen Frauen ihre Kreuze zu tragen haben, so leidet auch die 14-Jährige an einer für die moderne Gesellschaft bezeichnenden 'Krankheit': am Schönheitswahn, der mit den zeitlosen Problemen junger Frauen einhergeht. Für seine Variation des Lolita-Motivs hat der provokante Filmemacher einmal mehr beklemmende Bilder gefunden, die den Zuschauer an die Niere gehen und ihn zwingen, sich mit den Auswüchsen gesellschaftlicher Normen auseinanderzusetzen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  25. April 2013

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