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To The Wonder
StudioCanal

"To the Wonder": dem Wunder entgegen

Metaphysiker Terrence Malick

Mit "To the Wonder" bringt Perfektionist Terrence Malick zwei Jahre nach dem preisgekrönten Drama "The Tree of Life" sein nächstes Werk in die Kinos. Wieder begibt sich der 'stille Amerikaner' mit seiner eigenwilligen Filmsprache auf die Suche nach der Wahrheit der Schöpfung. Trotz einiger Längen und etwas zu viel Pathos ist Malick dabei erneut eine faszinierende Bild- und Tondichtung gelungen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  28. Mai 2013
Ben Affleck und Rachel McAdams verliebt in "To The Wonder"
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Ben Affleck und Rachel McAdams verliebt in "To The Wonder"

Schon zurück!

Terrence Malick hat sich lange rar gemacht. Nach seinem Regie-Debüt "Badlands - Zerschossene Träume" im Jahr 1973 dreht er bis Mitte der 1990er Jahre gerade mal zwei Filme. Seit er sich nach einer Pause von 20 Jahren mit dem Anti-Kriegsfilm "Der schmale Grat" eindrucksvoll auf die Leinwand zurückmeldete, verwöhnt der Regisseur seine Fans immer häufiger mit seinen poetischen Exkursen über den Sinn der menschlichen Existenz und das Geheimnis der Schöpfung. Dennoch: Wie es typisch für einen Perfektionisten ist, können auch beim US-Amerikaner mehrere Jahre zwischen zwei Projekten vergehen. So liegen zwischen "Der schmale Grat" und dem Drama "The New World" sieben Jahre; für "The Tree of Life" ließ sich Malick immerhin fünf Jahre Zeit. Da nimmt es sich fast schon als Wunder aus, dass der Texaner bereits nach zwei Jahren "To the Wonder" folgen lässt. Ob das der Beginn eines schnelleren Arbeitsrhythmus ist, kann nur vermutet werden. Malick ist extrem medienscheu, sodass von ihm keine Stellungnahme über seinen Schaffensprozess vorliegt.

Mit der neuen Quantität im Werk Malicks wird allerdings auch die Kritik an seiner Erzählweise lauter. Schon mit seinem auf dem Filmfestival von Cannes mit dem Hauptpreis prämierten "The Tree of Life" hatte der Regisseur die Kritiker in Bewunderer und Skeptiker gespaltet. Angesichts der kaum greifbareren filmischen Ästhetik, seiner Sinn- und Schönheitssuche in "To the Wonder" gaben sich Publikum und Kritiker nach der Uraufführung des Dramas auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig noch reservierter. 'Der Film selber übernimmt, mit Bildern von leeren Landschaften und ebenso leeren Wohnungen sowie Großaufnahmen zerknirschter Männer- und durchweg niedlicher Frauengesichter, rein illustrative Funktion', schrieb die Wochenzeitschrift Zeit. 'Für die Schauspieler heißt das: Sie müssen nur gut aussehen und sich in den von Emmanuel Lubezki elegant fotografierten Außen- und Innenräumen dekorativ bewegen'.


Javier Bardem in "To The Wonder"
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Javier Bardem in "To The Wonder"

Immer und immer wieder

Ein bisschen erinnert das an das Schicksal Andrej Tarkowskijs, jenes anderen Metaphysikers des Kinos, als dessen inoffiziellen Erben man Malick durchaus betrachten kann. Auch Tarkowskij wurde mit seinem letzten Werk Opfer seiner nimmermüden Suche nach der ewigen Wahrheit und seiner filmischen Ausdrucksweise. Was früher als visionär und Ausdruck eines echten Künstlers galt, wurde plötzlich als dekorativ und illustrativ gebrandmarkt. Wurde tatsächlich das Kunstwerk als Maßstab für das Urteil genommen, fragt man sich unwillkürlich nach Sichtung von "Opfer", der in Cannes immerhin mit dem Großen Preis der Jury und anderen Auszeichnungen überhäuft wurde? Oder hatte sich die Kritik eher am Moment der Wiederholung gerieben? Sollte letzteres der Fall sein, dann kommt der Angriff einem Schuss mit Platzpatronen gleich. Schließlich hat sich in der Kunstgeschichte die rastlose Suche nach Wahrheit und Schönheit von je her durch die immer gleiche Herangehensweise an das immer gleiche Thema geäußert. So erzählte Yasujiro Ozu die immer gleichen Geschichten über den Konflikt zwischen Alt und Jung. Robert Bresson setzte seine Laiendarsteller immer auf die gleiche Weise ins Bild; und Paul Cezanne, um ein Beispiel aus der Malerei zu nennen, malte immer den gleichen Berg und versuchte sich immer wieder am Motiv der Nackten.

Die Wiederholung der eigenen Ästhetik, was ja im Grunde nichts anderes ist als der Ausdruck der künstlerischen Persönlichkeit, ist als Mittel zum Zweck auch in Malicks neuem Epos evident. Dennoch unterscheidet sich "To the Wonder" in einem wichtigen Punkt von "The Tree of Life". Im Vergleich zum Vorgängerfilm ist hier eine stärkere Betonung der Handlung zu beobachten. Während dort eine kaum wahrnehmbare Familiengeschichte als Dreh- und Angelpunkt dient, um den sich Malicks Sinnsuche bewegte, finden sich hier mit der Dreiecksgeschichte um den von Ben Affleck gespielten Protagonisten und dem an seinem Glauben zweifelnden Priester (Javier Bardem) gleich zwei Geschichten, an denen sich der Zuschauer orientieren kann. Um diese Figuren - deren Leben von Glück und Unglück, Liebesfreude und Liebesleid, Rastlosigkeit und Ruhe, innerem Frieden und quälenden Zweifel bestimmt wird - streut Malick seine 'Ikonen' (Tarkowskij) aus, jene Bilder also, die auf der Lauer nach der Wahrheit sind. Die Wahrheit, sie spiegelt sich bei Malick in der Weichheit der Frau und der Erstarrung des Mannes; sie zeigt sich im Motiv der sinnlich tänzelnden Frau und der Wortlosigkeit des Mannes; sie äußert sich im unaufhörlichen Versuch der Frau, dem Mann eine Partnerschaft abzuringen und seiner ständigen Flucht vor einer festen Bindung. Sie zeigt sich in ihrem Leiden und ihren Tränen sowie seiner Rastlosigkeit und ewigem Zweifeln. Und sie zeigen sich nicht zuletzt in ihrer Zuwendung zur Familie und seiner Abwesenheit durch Arbeit.


Ben Affleck und Olga Kurylenko in "To The Wonder"
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Ben Affleck und Olga Kurylenko in "To The Wonder"

Flüstern aus dem Jenseits

Das Wort ist der Wahrheit größter Feind, könnte man meinen, wenn man sich die Filme Malicks anschaut. Aus diesem Grund spielt bei ihm die Stille eine große Rolle. Dialoge gibt es in Malicks Kino selten. In "To the Wonder" ist das nicht anders. Dafür wird auch hier wieder umso mehr geflüstert, was weniger griffig ist als die laute Rede. Dabei ist es bezeichnend, dass die Flüsterstimme immer aus dem Off kommt, jenseits des konkret Sichtbaren also, aus einer Sphäre des Jenseitigen. Rätselhaft ist, warum vor allem Frauen flüstern. Ist die Frau näher an der Wahrheit als der Mann? Andererseits gehört ihm die Sprachlosigkeit; wenn laut geredet wird, dann sind es in erster Linie Frauen.

Auch wenn "To the Wonder" insgesamt greifbarer ist als frühere Filme, vermeidet Malick auch hier szenische Auflösungen. Ohne im Irdisch-Konkreten haften zu bleiben, gleitet die Kamera von Emmanuel Lubezki ("Children of Men") über die Ereignisse hinweg. Fest umrissene Bildkompositionen gibt es kaum. Entweder kreist die Kamera um die Figuren oder sie werden bewusst 'unsauber' ins Bild gesetzt. Malick beweist auch, dass Matchcuts, diejenige Montageform also, bei der ein Stück aus einem Bildkontinuum herausgeschnitten wird, noch nicht aus der Mode sind. In Kombination mit dem Flüstern, den gedämpften Dialogen sowie dem Einsatz der Musik entsteht der Eindruck des Diffusen, des Spontanen und Rastlosen. Es ist, als liege ein kaum wahrnehmbarer dumpfer Schleier über der Welt, die Malick zeigt, indem er sie gerade nicht zeigt. Wie ein impressionistischer Maler mit wenigen groben Pinselstrichen die materielle Wirklichkeit auflöst, so durchdringt auch Malick mit seinen Bilder- und Tonrauschen die sichtbare Welt, um dem Geistigen auf die Spur zu kommen. Der Zuschauer soll nicht mit dem Auge sehen und dem Ohr hören; er soll fühlen oder vielmehr ahnen, dass es jenseits des Sichtbaren eine andere Realität gibt.

Es erübrigt sich zu sagen, dass das Motiv des Glaubens in Gestalt des Priesters vor diesem mystischen Hintergrund zu interpretieren ist. Vielleicht ist dieses Motiv letztlich das, wodurch sich Malick mit "To the Wonder" angreifbar gemacht hat. Ausgerechnet er, der mit seiner Bildsprache allem Prosaisch-Konkreten aus dem Weg gehen will, verfällt mit der Religions-Thematik in einen Gestus des Emphatischen. In diese Kategorie fällt auch Malicks in "The Tree of Life" auffallende Neigung zum Pathos. Das sitzt und doch muss sich der Regisseur diesen Vorwurf auch hier gefallen lassen. Über die eine oder andere Länge des Dramas kann man sicher hinwegsehen, was ohnehin von Geschmack, Belastbarkeit und der Bereitschaft des einzelnen Zuschauers abhängt, sich in die Bilderwelt eines Films einzulassen. Schwer wiegt hingegen der Vorwurf des Ästhetisch-Bombastischen, des Kulminierens aller Fäden in einen großen Knäuel. Sicher kann man argumentieren, dass sich hierin die Begeisterung, das Gefühl des Ergriffen-Werdens Malicks angesichts des Erhabenen und des Schönen spiegelt. Doch befindet er sich damit andererseits gefährlich nah an der Grenze zum Pathos oder noch schlimmer: zum Pseudo-Poetischen eines Wohlfühlfilms á la Hollywood.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  28. Mai 2013

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