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Naive Liebe gegen intellektuelle Herrschaft: Saoirse Ronan und Max Irons in "Seelen"

Concorde Film

Stephenie Meyer: Seelenlos, flach und unfreiwillig komisch
Andrew Niccol scheitert mit "Seelen"
Was kann man von der Adaption eines Romans einer Autorin erwarten, die vor einigen Jahren einem traditionellen Genre ihre fragwürdige Moralvorstellung überstülpte. Nach den "Twilight"-Romanen hat Stephenie Meyer "Seelen" verbrochen und bei dessen Adaption auch gleich am Drehbuch mitgeschrieben. So als wollte sie sich vergewissern, dass Regisseur Andrew Niccol aus ihrem Buch bloß kein bildgewaltiges "Gattaca" inszeniert. Es ist der erzkonservativen Autorin tatsächlich gelungen, Visionär Niccol im Zaum zu halten. Schade eigentlich...
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  11.06.2013
Außerirdische Diane Kruger in "Seelen"

Concorde Film

Unterjochung des Menschen

Die Welt irgendwann in der Zukunft. Unser Planet existiert nicht mehr wie wir ihn kennen. Sauber, makellos und perfekt durchdesignt ist er und die Bewohner ohne Fehl- und Tadel. Die Menschheit wurde kolonialisiert, nachdem Außerirdische sich in die Körper der Menschen einnisteten und das Bewusstsein jedes Einzelnen unterdrücken. Die Konsequenz ist ein unermüdlicher Kampf zwischen zwei Seelen in einem Körper, ein Kampf bei dem die menschliche Seele wegen der offensichtlichen Dominanz der außerirdischen keine Chance hat.

Es ist eine mehr als hanebüchene Ausgangssituation, die sich Stephenie Meyer in ihrem Roman "Seelen" ausgedacht hat, der Vorlage von Andrew Niccols gleichnamigem Film. Die Autorin wurde durch ihre "Twilight"-Romane bekannt, die von der naiven und puritanischen Weltsicht der Mormonin geprägt ist und die auch auf die vier Verfilmungen maßgeblich in ihrem Sinne Einfluss nahm. In "Seelen" hat sich Meyer nach dem Vampirgenre einem anderen großen Genre der Populärkultur angenommen, in die sie ihre Vorstellung von der reinen Liebe kleidet: den Science-Fiction. Dass sie dabei über so manchen logischen Bruch hinweggesehen hat, zeugt einmal mehr davon, dass es ihr mehr um das Vermitteln von Inhalten und Überzeugungen geht, als um das Konstrukt, dass diese zusammenhält.


Diane Kruger ringt in "Seelen" mit Saoirse Ronan

Concorde Film

Seltsame Liebesgeschichte

Entsprechend steht nicht der Science-Fiction-Rahmen im Mittelpunkt ihres Romans "Seelen", bei dessen Adaption sie gemeinsam mit Andrew Niccol Meyer auch das Drehbuch geschrieben hat, sondern die Liebe, die Meyer in eine der seltsamsten Paarkonstellation der Literatur- und Filmgeschichte auflöst. Dreh- und Angelpunkt dieser Konstellation ist die vonSaoirse Ronan verkörperte Melanie Stryder. Das Mädchen ist eine der wenigen Menschen, welche die Okkupation durch die außerirdische Seele überstanden hat und im Untergrund gegen die inneren Besatzer kämpft. Dennoch wird sie bereits am Anfang des Films Opfer einer von der Sucherin (Diane Kruger) geleiteten Mission, die das Aufspüren und die Auslöschung der verbliebenen Menschen zum Ziel hat.

Doch Melanie ist stark genug, um ihrem Besatzer Widerstand zu leisten. Oder ist der einfach zu schwach für Melanie? Wenn man sich ein wenig mit den Weltanschauungs-Parametern Meyers auskennt, muss man unweigerlich zum Schluss kommen, dass eher letzteres der Fall ist. Denn Melanie, das erfahren wir im Laufe des Films, war zu 'Lebzeiten' in einen Jungen verliebt, der ebenfalls ein Rebell gegen die außerirdische Invasion ist. Außerdem ist Melanie ein Muster von einem Menschen. Liebevoll kümmerte sie sich einst um ihren kleinen Bruder, für den sie sich aufopferte und dem sie versprach, eines Tages zurückzukehren und ihn zu retten. Gegen so viel Gefühl und Menschlichkeit kann selbst der stärkste Parasit nicht ankommen.


Außerirdische auf der Jagd nach menschlichen "Seelen"

Concorde Film

Hanebüchenes Konstrukt

Folgerichtig wird aus dem Machtkampf zwischen Alien- und Menschenseele um den menschlichen Körper eine Symbiose. Je länger der Außerirdische sich in seinem Wirt aufhält und sich in dessen Erinnerungen labt, umso überzeugter wird er von der Sinnlosigkeit des Unternehmens seiner Spezies. Dabei ist es nicht nur die erinnerte Liebe, die am Ende das Zünglein an der Waage ist und das fremde Wesen für die Menschheit einnimmt. Es darf bald auch selbst dieses einzigartige menschliche Gefühl erfahren. Denn Melanie und der Wanderer (so der selbstgewählte Name des Außerirdischen, der später die menschelnde Koseform Wanda bekommt) landen bei ihrer Flucht vor der Sucherin in den Bergen bei einer kleinen Rebellengruppe, die ihnen Unterschlupf gewähren. Und wie sollte es anders sein: In der Höhle befindet sich nicht nur Melanies Freund Jared (Max Irons), sondern auch ein anderer äußerst sympathischer und attraktiver junger Mann: Ian (Jake Abel). Während Melanie sich so manches einfallen lässt, um Jared wiederzugewinnen, darf sich Wanda bald in Ian verlieben.

Wie gesagt, hanebüchen ist die richtige Einordnung der Geschichte. Nicht nur das Motiv der Liebe zwischen dem Alien, das in seiner eigentlichen Beschaffenheit einem ätherischen Wesen von der Größe einer Feder gleicht, zeugt von logischen Brüchen und gedanklichen Kurzschlüssen. Auch sonst strotzt der Film vor Einfällen, die man nicht anders als ungläubig kopfschüttelnd registrieren kann. Warum möchte etwa Melanie ihren Mitmenschen und vor allem ihrem Freund nicht verraten, dass sie noch immer in ihrem Körper schlummert? Die Erklärung ist so unsinnig wie ihr dramaturgischer Zweck auf der Hand liegt. Man würde sonst die Liebesgeschichte, die man eigentlich erzählen will, verraten. Und wie setzt man eine Liebeskonstellation in Szene, bei der zwei Parteien - in diesem Fall die beiden Frauen, denn das außerirdische Wesen ist offenbar auch weiblich - in einem Körper stecken und beide sich ohne das Bewusstsein der anderen mit ihrem Partner vereinen wollen? Man wartet einfach, bis sich die eine Seele für eine Weile ausklingt und nutzt die Gelegenheit für ein Stelldichein. Und wenn sich die besagte Seele nicht blicken lässt? Dann macht man sie einfach eifersüchtig, indem die verbliebene Seele den Geliebten der Abgetauchten küsst.


Die Truman Show

Ideenlose filmische Umsetzung

Schlimmer noch als die dünne Handlung sind die Dialoge. Dabei kann man sich nur wundern, dass diese von einem Filmemacher mitverantwortet wurden, zu dessen Werk als Drehbuchautor Filme wie "Die Truman Show" - Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch - gehört. Als Regisseur hat es Niccol auch nicht einfach. Während es im Roman Stephenie Meyers statthaft gewesen sein mag, die Idee der zwei 'Seelen in einer Brust' in Form eines Zwiegesprächs aufzulösen, kommt es bei Niccol zu Situationen, welche die Grenze zum unfreiwillig Komischen mehrfach überschreiten.

Der frühere Werbefilmer Niccol hat vor einigen Jahren das Science-Fiction-Spektakel "Gattaca" verantwortet, das nicht zuletzt wegen seiner bildgewaltigen Umsetzung eines zukünftigen Settings längst Kultstatus genießt. "In Time - Deine Zeit läuft ab" fand durch seine raffinierte Verknüpfung einer Zukunftswelt mit den dringenden Problemen der Gegenwart Beachtung. Man kann sich leicht vorstellen, was den Regisseur an der Vorlage Meyers gereizt haben mochte: nämlich die bereits in "Gattaca" gestellte Frage nach dem Menschlichen in einer durchtechnisierten Welt. Das große Problem von "Seelen" ist nur, dass es Niccol nicht einmal ansatzweise gelungen ist, eine Balance zwischen seiner humanen Botschaft und der Zukunftsprämisse zu schaffen. Während das Menschliche im Film aus allen dünngesponnenen Nähten platzt und an Kitsch und Pathos kaum zu ertragen ist, ist das Science-Fiction-Moment kaum erfassbar.

So ist der Großteil der Geschichte von "Seelen" außerhalb einer Metropole - in der Wüste und den Bergen angesiedelt. Die Stadt - die das Genre-Element schlechthin ist - huscht in einigen Interieur-Szenen allenfalls aus dem Hintergrund kurz ins Bild. Man kommt nicht umhin zu glauben, dass sowohl Film als auch Buch zu feige sind, um sich einer visuellen Darstellung der Welt, die sie beschreiben, zu stellen. Und wenn das Problem angepackt wird, dann nur halbherzig. Entweder haben Außerirdische ein Faible für Silber - es gibt ausnahmslos silberne Autos, silberne Motorräder und silberne Helikopter - und einen neurotischen Zwang zur septischen Sauberkeit. Oder Niccol konnte bzw. wollte sich nicht über das Klischee hinaus mit dem Stoff auseinandersetzen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  11.06.2013

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