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Retten Julie Delpy und Ethan Hawke in "Before Midnight" Ihre Liebe?

Prokino Filmverleih

Abschluss einer wunderbaren Trilogie
Richard Linklaters Meditation über die Liebe
Mit "Before Midnight" führt Richard Linklater eine der schönsten Liebesgeschichten des Kinos weiter. Was ist aus Ethan Hawke und Julie Delpy alias Jesse und Céline aus "Before Sunrise" und "Before Sunset" geworden? Vor zehn Jahren haben sie sich in Paris getroffen. Sie wurden ein Paar. Wie viele Paare müssen auch sie sich mit den quälenden Problemen des Alltags auseinandersetzen. Wieder ist Linklater und seinen beiden wunderbaren Darstellern Ethan Hawke und Julie Delpy ein wunderbarer Film gelungen - der ist mehr als bloßes Konversationsstück.
Ethan Hawke ist nicht so diskussionswillig wie der von ihm gespielte Jesse

Prokino Filmverleih

Liebe vor Sonnenaufgang

18 Jahre ist es her, seit Richard Linklater dem Kino mit "Before Sunrise" eine der schönsten Liebesgeschichten schenkt. Dafür braucht der Independent-Regisseur nicht mehr als eine junge Frau und einen jungen Mann, ihren Streifzug durch schönen Stadt Wien und einen Zeitraum von wenigen Stunden, in denen sie sich kennenlernen, einander ihr Leben erzählen und, ohne es auszusprechen, sich langsam, aber unaufhaltsam ineinander verlieben.

Wie nur ein Woody Allen vor ihm und Hauptdarstellerin Julie Delpy nach ihm beweist Linklater, dass die schönsten Liebesgeschichten nicht in eine dramatische Geschichte eingebettet werden müssen und keiner Dramaturgie, Zuspitzungen und Wendepunkte bedürfen, um bestens zu unterhalten. Wie dem Leben entnommen erscheint das kurze Abenteuer des Liebespaares auf der Leinwand und statt aus Spannung und Tränen speist sich das Interesse des Zuschauers aus Identifikation und Wiedererkennen der alltäglichen bis philosophischen Themen, die das Paar unermüdlich abhandelt.

Am Ende trennen sich die Wege von Jesse und Céline - aber nicht ohne dass sie das Versprechen abgeben, sich in einem halben Jahr in Wien wiederzusehen. Aus dem halben werden neun Jahre und aus der Donaumetropole wird Paris, die Stadt der Liebe. Erzählt wird die Wiederbegegnung in der ebenso wunderbaren Fortsetzung "Before Sunset".

Vieles hat sich in der Zwischenzeit im Leben der beiden ereignet. Jesse schrieb einen Roman, der die Zeit mit Céline behandelt, und hat eine Ehe hinter sich, aus der ein Sohn hervorgegangen ist. Auch Céline ist mit der Zeit gegangen, ist jetzt eine starke Frau. Wieder haben sie nur wenig Zeit miteinander - keine Nacht, sondern einen Tag bis zum Sonnenuntergang. Dabei unternehmen sie wieder nichts, als miteinander zu reden - über Themen, die von der konkreten Vergangenheit bis hin zu abstrakten Dingen wie die Liebe und das Leben im Allgemeinen reichen.

Schließlich landen sie in Célines Wohnung, wo sie eine Platte von Nina Simone auflegt. Dann fällt der Vorhang und alle Fragen sind wieder offen.


Julie Delpy hat am Drehbuch mitgeschrieben

Prokino Filmverleih

Verliebt, verheiratet, Probleme

Wie diese jahrelang in der Luft hängende Liebesgeschichte weitergegangen ist, verrät "Before Midnight". Wieder sind neun Jahre vergangen. Aus den Träumenden wurde ein Liebespaar, das seine Gefühle ausleben darf, dann ein Ehepaar, das Zwillinge in die Welt setzt. Das erzählt uns Linklater mit seinen Koautoren Ethan Hawke und Julie Delpy nach und nach. Bis sie den situativen Rahmen des Films schaffen, in dem die Konfliktkeile deutlich werden, die sich langsam in die Ehe von Jesse und Céline schieben.

Jesse beschäftigt zunehmend, dass sein Sohn sich mitten im Teenager-Alter befindet. Der getrennt lebende Vater leidet darunter, dass sich diese prägenden Jahre des Jungen ohne seinen Einfluss vollzieht. Da sind die Sorgen Célines, die über ihre Aufgabe als Mutter und Ehefrau ihre Karriere vernachlässigt. Dabei hat sie gerade ein lukratives Jobangebot in Paris bekommen. Und da ist schließlich der Alltag, der sich erbarmungslos zwischen die Eheleute drängt und selbst diese Liebe zu zerstören droht, die Jahre zuvor, bevor sie überhaupt gelebt wurde, durch Idealisierung genährt und groß gemacht wurde.

Linklater, Delpy und Hawke zeigen diesen Kampf der Liebe gegen die Gegebenheiten des Lebens in Etappen. Bereits am Anfang des Films gerät das Paar aneinander. Ein Miteinander gibt es nicht, an einen Kompromiss ist nicht zu denken. 'So fängt es an. Wegen solcher Sachen trennen sich die Leute', sagt Céline. Später, im Haus des Schriftstellers, legt Linkklater eine weitere Schicht des Konfliktes frei. Drei Paar-Generationen versammeln sich am Tisch des Intellektuellen, wobei Jesse und Céline die mittlere repräsentiert.

Geredet wird in dieser Soiree über das Leben und die Liebe. Je mehr Jesse und Céline über sich reden, umso deutlicher wird, dass die Erfahrung der Liebe mit ihren Idealen nicht im Einklang steht. Das Leben fordert die Liebe heraus und dieser Herausforderung können beide nur schwer standhalten. Es ist bezeichnend, dass Linklater Jesse und Céline mit einem jüngeren Pärchen am Tisch kontrastiert. Die Jungen sind es, denen die Liebe gehört, während die von Jesse und Céline bestenfalls in ihrer Erinnerungen existiert.


Richard Linklater

Warner Bros. Pictures

Wort im Bild

Wie in "Before Sunrise" und "Before Sunset" dominiert auch in "Before Midnight" das gesprochene Wort. Wenn Jesse und Céline nicht die Vergangenheit beschwören, dann diskutieren sie pausenlos die Probleme des Alltags, reflektieren über ihre Erfahrungen oder sie diskutieren über abstrakte Themen. Trotzdem ist der Film nicht nur ein Konversationsstück. Trotz der Dominanz der Dialoge kommen die Bilder nicht zu kurz. Wenn Jesse und Céline durch die Peloponnes fahren und spazieren, dann blitzen die schöne Landschaft und die antike Architektur nicht nur als Thema in den Gesprächen des Paares immer wieder kurz auf; auch Linklater schaut leidenschaftlich mit dem Auge eines Malers auf den Ort.

Schon der Anfang straft die Skeptiker, da hier die subtile Inszenierungskunst des Regisseurs besonders gut zum Ausdruck kommt. Es ist die Szene am Flughafen, in der Jesse sich von seinem Sohn verabschiedet, nachdem der einige Tage mit seinem Vater und Céline in Griechenland verbringen durfte. Während der Junge ins Flugzeug steigt, bleibt Linklater beim zurückgelassenen Jesse zurück. Die Kamera folgt ihm nach draußen, wo er direkt auf eine Frau am Auto zusteuert. Es ist Céline. Wie viel Linklater hier in ein einziges Bild einpackt, wie er mit der Bescheidenheit eines Filmemachers, der nichts beweisen muss, die gesamte vorausgegangene Szene von einer Sekunde zur nächsten auf den Kopf stellt, ist großes, subtiles Kino.

Ansonsten, da brauch man sich nichts vormachen, ist "Before Midnight" ein Film, in dem viel gesprochen wird - und das mehr noch als in den vorausgegangenen Teilen. Und so sehr man den Gesprächen über Erlebtes und Gedachtes zuhört, so sehr können diese bald auch ermüden. Hinzu kommt das Problem der Glaubwürdigkeit. Ist es möglich, dass ein Paar nach neun Jahren Ehe noch immer pausenlos mit einander diskutiert? In "Sunrise" und "Sunset" hatte der Dialog einen berechtigten Platz, da sich hier zwei verliebten und einander kennenlernen wollten - und dafür die Zeit als Gegner hatte. In "Midnight" wird man oft den Eindruck nicht los, dass Linklater nicht dem Leben zugeschaut hat, sondern dem erwarteten Stil gerecht werden will. So wird hier geredet, weil eben geredet werden muss.

Überhaupt kommt dem Regisseur, dessen Filme eine bewundernswerte Zwanglosigkeit ausstrahlen, das Moment des Filmischen oft in die Quere. So fragt man sich, ob die große Ehekrise zwischen Jesse und Céline gerechtfertigt ist, oder braucht sie Linklater um des dramaturgischen Konflikts willen. Andererseits weiß doch jeder, dass eine nicht verschlossene Zahnpasta-Tube schon die stärksten Beziehungen entzweite. Wie sagte schon Céline am Anfang des Films: 'So fängt es an'. Und letztlich trennt man sich nicht wegen einer materiellen Kleinigkeit; man scheitert an Prinzipien. Ob Jesses und Célines Ehe die prinzipiellen Herausforderungen überstehen, das überlässt Linklater einmal mehr angenehm im Ungefähren. Vorhang zu, alle Fragen offen.

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