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Hanekes düsterer Lichtblick

Die Schuld des Unschuldigen

Verstört. So verlässt der Zuschauer das Kino nach Michael Hanekes psychologischem Thriller "Caché". Kein Wunder bei diesem Regisseur. Wie kein zweiter Filmemacher vermag der gebürtige Münchner die verborgenen und dunkelen Seiten im Menschen zu enthüllen. Waren es in "Die Klavierspielerin" die seelischen Abgründe einer einsamen und verbitterten Frau, so ist es hier die stillgeschwiegene Schuld eines Pariser Fernsehmoderators, die langsam aber sicher ans Tageslicht tritt.
Von  Carlo Avventi/Filmreporter.de,  1. Januar 2006
Regisseur Michael Haneke
Prokino Filmverleih
Regisseur Michael Haneke
Zunächst durch anonyme Videoaufnahmen, dann auf Zeichnungen, die einen Jungen mit blutendem Mund zeigen, wird das beschauliche Leben der Familie Laurent aus den Bahnen gerissen. Wie in Franz Kafkas "Prozess" verwandelt sich ihr Dasein in einen Albtraum, in dem die schleichende und anonyme Bedrohung zunehmend Wirkung zeigt: Während Anne (Juliette Binoche) in Panik verfällt, verschließt sich George (Daniel Auteuil) in sich selbst. Die zugespielten Bilder scheinen in ihm eine ferne Erinnerung zu wecken. Doch darüber ist der erfolgreiche Moderator mit niemandem bereit, zu sprechen. Eines der Videobänder zeigt ein Ausländerghetto der Pariser Peripherie. Die Aufnahmen enden vor einer Wohnungstür eines düsteren und anonymen Wohnhauses. Gegen den Willen seiner Frau macht sich Georges auf den Weg dorthin. Als er an der Tür klopft, öffnet ihm ein untersetzter Mann maghrebinischer Abstammung. Die beiden kennen sich und Majid, so heißt der Mann, hat mit Georges eine alte Rechnung offen.

Zunächst unterschwellig, dann immer deutlicher tritt im Verlauf des Films ein doppelter Boden zum Vorschein, der neben der psychologischen auch die politische Dimension enthüllt. Die heftige Auseinandersetzung mit einem Schwarzen auf der Straße, eingespielte Bilder des Irakkriegs und schließlich die Begegnung mit dem Algerier Majid lassen Georges frühe Schuld als Metapher für das frevelhafte Verhalten der westlichen Industriestaaten gegenüber den armen Ländern der Welt erscheinen. Doch gerade da, wo Hanekes Film den politischen Subtext anstrebt, beginnt auch seine Fragwürdigkeit. Denn die Schuld westlicher Nationen gegenüber der Dritten Welt lässt sich nicht ohne weiteres auf das Fehlverhalten eines Sechsjährigen übertragen. Georges Verleumdungen haben dazu geführt, dass der kleine Algerier Majid aus Georges Familie entfernt wird und in einem Waisenhaus aufwachsen muss. Trotz der schwerwiegenden Folgen handelt es sich um eine Tat, die für die Psyche eines Kindes, das das Elternhaus und die Liebe seiner Eltern allein für sich beansprucht, nicht ungewöhnlich ist. George ist bei seiner Tat noch ein Kind und kann nicht für die Existenz eines anderen Menschen verantwortlich gemacht werden. Doch genau das behauptet Haneke.


Daniel Auteuil in Caché
Daniel Auteuil in Caché
Dennoch: trotz dieser fragwürdigen Parallele bleibt "Caché" ein spannendes, zum Nachdenken anregendes Drama. Dank der beeindruckenden schauspielerischen Leistung von Daniel Auteuil wird dem Zuschauer die zunehmende Krise eines Mannes, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird und darum kämpft, seine bourgeoise Fassade zu erhalten, überzeugend präsentiert.

Nicht zu vergessen ist der Auftritt von Annie Girardot, die zwar nur in einer Szene zu sehen ist, in dieser jedoch einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Auffallend ist auch die Machart des Films: Lange Einstellungen, in denen vordergründig wenig passiert, sich in Wahrheit jedoch im Verborgenen und hinter der Kamera Dramen abspielen, sind das formale Kennzeichen von Hanekes Neuling. Die Fotographie von Christian Berger einführt den Zuschauer in kalte und düstere Räume und verbreitet gekonnt eine frostige Atmosphäre.

"Caché" wurde in Cannes mit der Goldenen Palme für die beste Regie geehrt und das zu Recht. Es handelt sich um einen der originellsten und aussagekräftigsten Filme des Jahres. Der Zuschauer wird den Kinosaal mit einem Gefühl der Verstörung verlassen, das in ihm noch lange nachwirken wird. In Zeiten medialer Abstumpfung ist das nötiger denn je.
Von  Carlo Avventi/Filmreporter.de,  1. Januar 2006

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