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Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia

Phantasten, Christen und Zauberer

Lewis meets Tolkien
Es waren einmal eine knappe handvoll süßer kindlicher Wesen, die sich nahe standen. Sie wurden auserwählt, gegen das Böse zu kämpfen. Sie schlitterten in Abenteuer, und meisterten diese mit Bravour. Dabei konnten sie auf mächtige Freunde bauen, aber auch mit starken Feinden rechnen. Doch das Gute siegte. Na, worum geht es wohl? "Harry Potter"? Ja! "Der Herr der Ringe"? Ja! "Der König von Narnia"? Und nochmals ja! Fantasy-Abenteuer haben Konjunktur!
Von  Simone Seidel/Filmreporter.de,  11. Dezember 2005
Die Kinder fühlen sich nicht sehr willkommen...
Die Kinder fühlen sich nicht sehr willkommen...
Es beginnt alles mit einer gemeinsamen Leidenschaft. John Ronald Reuel Tolkien und Clive Staples Lewis lieben Bücher und machen ihre Passion zum Beruf. Sie lehren beide in Oxford, wo sie mit einigen Gleichgesinnten den Literaturkreis, "Inklings" gründen. In diesem Rahmen präsentieren und besprechen sie ihre eigenen Werke. Beide lieben Phantasiegestalten und tragen ihren Teil zum Fantasy-Genre bei. Tolkien durch seine "Herr der Ringe"-Trilogie, Lewis durch die Kinderbuchserie über das phantastische Land Narnia.

Die drei "Der Herr der Ringe"-Bände wurden zwischen 1954 und 1955 veröffentlich, die siebenbändigen "Chroniken von Narnia" von Lewis etwa zeitgleich zwischen 1950 und 1956. "Der König von Narnia" ist inhaltlich der erste Teil der siebenteiligen Reihe "Das Wunder von Narnia". Vier Geschwister erleben aufregende Abenteuer. Die kleine Lucy (Georgie Henley) entdeckt zufällig beim Erkunden eines alten englischen Landsitzes den Eingang in ein Phantasiereich, der Zugang ist in einem alten Schrank versteckt. Sie betritt als erste das verwunschene Narnia und berichtet ihren Geschwistern von diesem sonderbaren Reich. Die Kinder machen sich auf, Narnia vom bösen Fluch der Weißen Hexe zu befreien. Diese hat das Fabelland mit dem ewigen Winter verhext. Die Kinder wollen dem Löwen Aslan helfen, wieder rechtmäßiger König über das phantastische Land zu werden und Narnia in das einstige Paradies zurückzuverwandeln.


Kein ordinärer Schrank, sondern Tor in eine phantastische Welt
Kein ordinärer Schrank, sondern Tor in eine phantastische Welt
Die siebenteilige Narnia-Saga wurde in 29 Sprachen übersetzt. Seit ihrer Veröffentlichung im Jahr 1950 erreicht sie eine Auflage von bislang über 85 Millionen verkauften Exemplaren. Damit übertrifft sie die Verkaufszahlen der "Herr der Ringe"-Trilogie vor ihrer Verfilmung. Neben den sieben Einzelbänden, gibt es beim Ueberreuter Verlag eine reich illustrierte Gesamtausgabe.

Lewis schreibt leicht verständlich, spricht seine kleinen Leser immer wieder direkt an. Er beschreibt einen einfachen Kampf von Gut und Böse, lässt seine Helden spannende Abenteuer erleben und wundersame Gestalten treffen. Zuweilen wird es auch etwas traurig, doch Lewis hält sich nicht zu lange an schwermütigen oder brutalen Szenen auf und strapaziert die Kinderherzen nicht über Gebühr.

Wenn auch die Kleinen die Hauptzielgruppe darstellen, werden sich durchaus auch Erwachsene von der zauberhaften Welt Narnias einfangen lassen. Schon Lewis soll einst gesagt haben "Kein Buch ist es wert, es mit zehn zu lesen, wenn es sich nicht ebenso lohnt, es mit fünfzig zu lesen".


Zahlreiche Paralellen zu Tolkins Ringepos
Zahlreiche Paralellen zu Tolkins Ringepos
Es fallen einige inhaltliche Parallelen zwischen den Narnia-Büchern und "Der Herr der Ringe"-Trilogie auf: phantastische Welten, zauberhafte Wesen und der Kampf gegen das Böse. Auch bei den Verfilmungen der Fantasy-Epen drängen sich Vergleiche auf. Beide Regisseure sind Neuseeländer, die vor diesen Projekten recht wenig mit Fantasy am Hut hatten. Peter Jackson machte Splatter-Horror-Filme, Andrew Adamson inszeniert den erfolgreichen Animationsfilm "Shrek". Doch beide wollten ihre Liebe zu den Büchern ausleben. Sie wählten ihre Heimat, die grüne Insel downunder als Drehorte ihrer phantastischen Projekte. Was zwei Engländer schrieben, brachten zwei Neuseeländer ins Kino. Die sechsmonatigen Dreharbeiten des "König von Narnia" begannen nach zweijähriger Vorbereitungszeit im Juni 2004. Gedreht wurde in Neuseeland, England und Tschechien. Im Dezember 2005 kommt schließlich nach einem knappen Jahr Postproduktion der erste Teil der Chroniken in die Kinos. Ob weitere Teile folgen, wird der Erfolg an den Kinokassen entscheiden.

Für eine Walt Disney-Produktion dieser Größe, das Budget belief sich auf über 100 Millionen Dollar, ist die Auswahl der richtigen Schauspieler essentiell. Interessant ist die Besetzung der bösen Weißen Hexe mit Tilda Swinton, die meist in eher kleineren Independent-Produktionen besetzt wird. Sie selbst sagt zu der Rollenwahl lachend: "Ich bin sehr groß, sehr weiß und sehr, sehr böse." Zwei Jahre dauerte die Suche nach den richtigen englischen Jungdarstellern. Nur eine von ihnen stand bereits vor der Kamera. Anna Popplewell war an der Seite von Scarlett Johansson in "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" zu sehen. Sie spielt die skeptische Susan, die anfangs nicht an Narnia glauben kann. Neben den Kindern kommen zahlreiche Tiere und Fabelwesen vor. Da also nur relativ wenig "echte" und noch weniger prominente Schauspieler auftreten, war die Auswahl der Sprecher für die Vermarktung von großer Bedeutung. So spricht Liam Neeson den Löwen Aslan und Rupert Everett leiht seine Stimme dem lieben Fuchs.


In Narnia ist es kalt, sehr kalt...
In Narnia ist es kalt, sehr kalt...
Während Tolkien in "Der Herr der Ringe" mit Mittelerde eine eigene Welt mit Landkarte, Sprache und Völkern erschuf und dabei vorrangig auf altisländische und altenglische Quellen zurückgriff, sind bei Lewis die Einflüsse aus Sagenwelten, antiker und christlicher Mythologie erkennbar. "Der König von Narnia" weckt deshalb gerade bei Christen besonders große Erwartungen. Das ist interessant, denn eigentlich war Tolkien bekennender Katholik. Lewis glaubte vor seiner Freundschaft mit Tolkien als Agnostiker weder an die Existenz noch an die Nichtexistenz von Göttern. Er lies sich von Tolkien zwar zum Christentum bekehren, blieb aber Anglikaner und konvertierte nicht zum Katholizismus. In "Narnia" wird ein verfluchtes Volk erlöst, um danach von einem guten Herrscher, dem Löwen Aslan, geführt zu werden. Doch Hand aufs Herz, auch Frodo ist in gewisser Weise eine Erlösergestalt. Lewis gab jedenfalls zu, christliche Symbolik verwendet zu haben, wehrt sich jedoch gegen die Darstellung des Werks als christliche Allegorie: "Ich beschreibe eine andere Welt und wollte mir vorstellen, wie ein Erlöser dort wohl aussehen würde", sagte der Autor kurz vor seinem Tod. Wie auch immer, das christliche Amerika freut sich und zeigt Sneak Previews in Gotteshäusern. Hollywood im Dienste der Kirche.

Natürlich tut man sowohl dem Autor als auch der Filmcrew zutiefst unrecht, "Narnia" auf christliche Propaganda oder auf eine Kopie von Tolkiens Werk zu reduzieren. Letzteres ist gar nicht möglich, da beide Werke etwa zur gleichen Zeit erschienen. Obwohl sich einige Parallelen aufdrängen, spielen die Geschichten zu verschiedenen Zeiten, in unterschiedlich aussehenden Welten und mit andersartigen Kreaturen. Letztendlich werden wohl auch verschiedenen Zielgruppen angesprochen. Während Tolkien eine vielschichtige eigene Welt erschuf, die vielen Kindern zu unübersichtlich ist, bietet sich "Narnia" als Familienabenteuer gerade für die kleinen Zuschauer an. Auch wenn Tolkiens Trilogie komplexer ist, so bietet Lewis Kinderserie Spielraum für phantasievolle Umsetzungen und einfache, aber wertvolle Botschaften wie den Glauben an das Gute, Magie und Vergebung - Bibel hin oder her. Man merkt es - Weihnachten steht vor der Tür und nicht nur in Hogwarts!
Von  Simone Seidel/Filmreporter.de,  11. Dezember 2005

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