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Jennier Lawrence auf der Premiere von "Die Tribute von Panem - Mockingjay - Teil 1" in Cannes
StudioCanal

Generationswechsel in Hollywood

Frauen und Heldinnen
Jennifer Lawrence ist Hollywoods Gesicht des Jahres. Die Schauspielerin ist keine unerreichbare Ikone wie Scarlett Johansson, eher die Beauty von Nebenan, ein Kumpel, mit der Millionen auf Du und Du stehen. Klug wählt die 25-jährige ihre Rollen aus und spielt viel, weshalb sie nicht in Gefahr gerät, wie Kristen Stewart in einer Schublade gesteckt zu werden. Dass Fotos der unbekleideten Schauspielerin im Internet landen, gerät schnell in Vergessenheit.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  29. Dezember 2015
Charlize Theron in "Mad Max: Fury Road 3D"
Warner Bros.
Charlize Theron in "Mad Max: Fury Road 3D"

Mächtigste Schauspielerin: Jennifer Lawrence

Everybodys Darling wird zu Hollywoods mächtigster Schauspielerin des Jahres 2014 ernannt. Den vom Magazin Forbes vergebenen Titel wird Jennifer Lawrence auch 2015 niemand streitig machen. Vielleicht auch, weil sie mit der ihr eigenen Gelassenheit und Weitsicht auf die Nachricht reagiert, dass die Schecks der weiblichen Stars in "American Hustle" weitaus geringer ausfallen als die ihrer männlichen Kollegen. Doch wenn es eine schaffen kann, diese Ungerechtigkeit zu ändern, ist es Jennifer Lawrence.

Sie verkörpert wie kein zweiter Star den neuen Frauen- und Heldinnentyp Hollywoods. In David O. Russells "Joy - Alles außer gewöhnlich" spielt sie Joy Mangano, eine Multimillionärin aus bescheidenen Verhältnissen. Mit Ende 20 ist deren Amerikanischer Traum zum Alptraum geworden. Ihren Frust über die rauen und zerschnittenen Hände nach dem Putzen wandelt sie in Energie. Sie kreiert den Miracle Mop, bei dem die Hände der fleißigen Putzgeister trocken bleiben. Sie verteidigt das Patent gegen Kleingeister in der eigenen Familie und formt einen Konzern, in dem sich weibliche Führungsqualitäten durchsetzen. Damit ist Joy Mangano der cinematografische Gegenentwurf zum zynischen Egozentriker und Selbstdarsteller Steve Jobs im gleichnamigen Biopic von Danny Boyle, der seine Assistentin rücksichtlos herumkommandiert.

Er wolle eine Kerbe im Universum hinterlassen, war Jobs Ziel. Den Haushalt hat Joy Mangano revolutioniert. Eine politische Rebellion gegen einen Tyrannen führt Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen im Publikus-Hit "Die Tribute von Panem" an. Gegen die von Selbstzweifeln gequälte, ihren eigenen Weg suchende Heldin wirken Schrottsammlerin Rey in dem Handlungs-und Ideenarmen "Star Wars"-Aufguss "Star Wars: Das Erwachen der Macht", die schießwütige Farmerin im voraussehbaren Western "Jane Got a Gun" oder die Imperatorin Furiosa in "Mad Max: Fury Road" old fashioned Ohne Zögern stürzen sie als moderne Amazonen in den Kampf und stehen den Männern nicht nach.

Die Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Strategien bei der Rettung der Welt verwischen sich auch in den Comic-Universen der "Avengers" und "X-Men". Die Mary Jane in den letzten "Spider-Man"-Adaptionen gleicht schon lange nicht mehr dem wartenden Heimchen am Herd des Originals. Und selbst an Bonds Seite liegt in "Spectre" eine selbstbewusste Frau des 21. Jahrhunderts. Statt One-Night-Stand bahnt sich eine gleichberechtigte Dauerbeziehung zu dem verunsicherten und verletzlichen Super-Hero an.


Cate Blanchett ist "Carol"
DCM
Cate Blanchett ist "Carol"

Frauenbild im 21. Jahrhundert

Hollywoods Frauenbild verändert sich. Von dem Trend profitieren nicht zuletzt Hollywoods Schauspielerinnen jenseits der 40. Allen voran die wunderbare Cate Blanchett in "Carol" als alter ego von Schriftstellerin Patricia Highsmith, die sich 1948 unsterblich in eine junge New Yorker Spielwarenverkäuferin verliebt. Todd Haynes macht aus ihrem weitgehend unbekannt gebliebenen Roman die ergreifendste Love-Storys des Jahres und ein Sittenbild des prüden Familienbildes jener Ära. Die stets ein wenig zerbrechlich wirkende Julianne Moore steht der eleganten Cate Blanchett in nichts nach. In "Still Alice - Mein Leben ohne Grenzen" rührt sie die Zuschauer als Literaturprofessorin, die langsam ihr Gedächtnis verliert, zu Tränen.

Blanchett und Moore machen wie Lawrence viele Ausflüge ins Popcorn-Kino. In "Die Tribute von Panem" führt Moore die Rebellen an - und agiert mit der Kaltschnäuzigkeit von Männern. Katniss, die Symbolfigur des Widerstands, ordnet sich nicht blind ihren Befehlen unter. Sie kämpft nur, wenn sie gezwungen wird oder selbst von der Richtigkeit der Ziele überzeugt ist.

Autorin Suzanne Collins und der vierte Film der Saga stellen im Gegensatz zum typischen Hollywood-Epos die moralische Frage nach dem Preis der Macht. Auch für die verletzten Seelen der Anführer der Umstürzler. Dafür blenden sie nicht ab, wie es meist geschieht, wenn der Sieg und die Freiheit errungen sind. Getrieben von der Angst vor inneren und äußeren Feinden werden sie in der Geschichte der Menschheit oft selbst schnell zu Tyrannen. Nicht zuletzt frisst auch diese Revolution ihre Kinder, Die Anführer des Widerstands landen im Abseits, Katniss Everdeen findet ihr Glück im Schoss der Familie.


Alles steht Kopf 3D (Inside Out, 2015)
Walt Disney
Alles steht Kopf 3D (Inside Out, 2015)

Keine neue Heldinnen aus der EU?

Europa und besonders Deutschland hat zu den neuen Kino-Frauenbildern wenig beigetragen. Selbst die Titelgebende "Victoria" aus Sebastian Schippers Trip in die Berliner Club-Szene ist eher passiv und lässt sich treiben. Neben ihr schaffen es noch Barbara Sukowa und Katja Riemann in Margarethe von Trottas "Die abhandene Welt" Spuren im Meer der Kinobilder 2015 zu hinterlassen, ansonsten brennt sich keine Deutsche ins Gedächtnis ein.

Das gelingt immerhin der großen Charlotte Rampling, die nach "45 Years" ihre Ehe hinterfragt. Oder der vergessenen Tochter Gottes, die aus dessen schäbiger Brüsseler Wohnung entflieht, um ein "Brandneues Testament" der Liebe und Versöhnung zu schreiben. Und nicht zuletzt den gehörlosen Béliers, die Inklusion aktiv in einem Dorf in der französischen Provinz leben, und der hinreißenden Charlotte Gainsbourg als verhuschte Pariser Sozialarbeiterin in "Heute bin ich Samba".

Meine ganz persönliche Kinoheldin des Jahres heißt Joy, Freude, die positive und optimistische Stimmung im Kopf der halbwüchsigen Riley. Nach einem Betriebsunfall wird sie aus der Schaltzentrale des Gehirns geschleudert. Ihr Rückweg wird in "Alles steht Kopf" zu einer Odyssee durch die Regionen des menschlichen Denkorgans. Nicht ganz zufällig haben Freude, Kummer und Ekel in dem bezaubernden Animations-Highlight ein weibliches Gesicht. Wut und Angst, die stets auf Krawall und Aggression gebürsteten Emotionen, geben die Macher ein männliches Antlitz. Am Ende des Chaos in Rileys Kopf hat sich jeder aus dem Quintett auf seine Stärke besonnen, hat jeder seine Bestimmung und seinen Platz gefunden. Nur gemeinsam ticken sie richtig.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  29. Dezember 2015

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