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Festival de Cannes
Festival de Cannes

Seismograph des politischen Weltkinos

59. Festival de Cannes
Am 17. Mai 2006 öffnen die 59. Filmfestspiele von Cannes ihre Pforten. Insgesamt 55 - zum Teil sehr politische - Produktionen aus 30 Ländern kämpfen an der Côte'd Azur um die Aufmerksamkeit des Fachpublikums, während sich Festivalchef Thierry Frémaux bereits im Vorfeld gegen den Vorwurf der Kommerzialisierung wehren muss. Zwölf ereignisreiche Tage stehen bevor.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  14. Mai 2006
Palme D'Or
Cannes
Palme D'Or
Im ersten Moment war die Auswahl des Wettbewerbs eine Enttäuschung. Kein Tom Tykwer mit "Das Parfüm", kein Brian De Palma und seine heiß ersehnte Buchverfilmung "Die schwarze Dahlie", nicht mal ein Lebenszeichen von David Lynch. Doch auf den zweiten Blick sind sich die 20 Wettbewerbs-Filme aus dreizehn Ländern so interessant wie selten zuvor. Die Festivalleitung spricht von "Jahren der Erneuerung" und mischt munter alte Festivalhasen, blutjunge Shootingstars sowie Cannes-unerfahrene, aber dennoch arrivierte Filmemacher. Dabei richtet sie ihren Fokus auf soziale Brennpunkte.

Kunst ist fest mit Politik verbunden heißt es in einem ersten Statement der Festivalmacher und konsequenterweise thematisieren viele der eingeladenen Filme aktuelle gesellschaftspolitische Tendenzen und deren Konsequenzen: "Il Caimano" des italienischen Regisseurs Nanni Moretti ("Das Zimmer meines Sohnes") wirft einen kritischen Blick auf die durch Silvio Berlusconi geprägte italienische Gegenwart. Guillermo del Toro schildert in "El Laberinto del Fauno" einen Bürgerkrieg aus der Sicht eines kleinen Mädchens, Bruno Dumont beschäftigt sich in seinem Drama "Flandres" mit dem Irakkrieg, Cannes-Neuling Richard Linklater erzählt in "Fast Food Nation" die Geschichte von Immigranten an der Grenze zwischen Mexiko und US-Amerika und der argentinische Regisseur Israel Adrián Caetano liefert mit seinem nachnominierten "Crónica de una fuga" einen brisanten Thriller, dessen Story zur Zeit der Militärdiktatur angesiedelt ist.


Roter Teppich beim Festival de Cannes
Festival de Cannes
Roter Teppich beim Festival de Cannes
Auch außerhalb des Wettbewerbs brodelt die politische Kontroverse: Oliver Stone's "Platoon" erlebt zum 20-jährigen Jubiläum eine Widerauferstehung, am Rande wird er in einer Podiumsdiskussion über seinen neuen Film "World Trade Centre" plaudern, und auch Paul Greengrass wird die Plattform nutzen, um sich für die heftig kritisierte frühe Veröffentlichung seiner 9/11-Verarbeitung "Flug 93" zu rechtfertigen.

Pedro Almodóvar, Fachmann für spanisches Gefühlskino, drehte entgegen dem Trend mit "Volver" zum ersten Mal seit "Kika" wieder eine Komödie. Die einfühlsam, wie komisch erzählte Geschichte einer Verstorbenen, die in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um dort ungelöste Probleme zu lösen, gilt bereits jetzt als heißer Kandidat für die goldene Palme. Die weiteren Favoriten sind Sofia Coppola und ihr modern inszenierter "Marie Antoinette" über das Leben der österreichischen Monarchin mit Ludwig XIV sowie Alejandro González Inárritu's "Babel", mit dem er nach "Amores perros" und "21 Gramm" seine Trilogie über Gewalt, Tod und menschliche Abgründe zu einem Ende bringt. Ein Gewehrschuss, zufällig beim Spielen zweier marokkanischer Jugendlicher ausgelöst, verändert in diesem von Brad Pitt und Cate Blanchett angeführten Ensembledrama das Leben von vier unabhängigen Gruppen auf drei Kontinenten.

Die Jury, der neben dem chinesischen Filmemacher Wong Kar-wai als Präsident auch Monica Bellucci, Helena Bonham Carter, Samuel L. Jackson, Tim Roth und Patrice Leconte angehören, wird es nicht leicht haben, zumal die Weltpresse traditionell jede Entscheidung kritisch beäugt. Der Kommerz, so schallt es aus Festivalkritischen Reihen, diktiere immer mehr den Alltag an der Croisette - und das zum Schaden der ambitionierten Autorenfilmer, für die das Festival eigentlich gegründet wurde.


Village International Pantiero
Festival de Cannes
Village International Pantiero
In der Tat nutzen große Produktionen auch ohne Wettbewerbsnominierung das Festival wieder als gigantisches Promotion-Event. Mit ihren Millionenbudgets, den illustren Namen und schillernden Premierenpartys füllen sie einen Großteil der Schlagzeilen. Feierte George Lucas im letzten Jahr noch außer Konkurrenz die Premiere von "Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith", darf der diesjährige Mega-Seller "The Da Vinci Code - Sakrileg" das Festival sogar eröffnen. 20th Century Fox bewirbt mit Rückendeckung von Hugh Jackman, Sir Ian McKellen und Halle Berry in einem dreitätigen PR-Marathon den dritten Teil ihrer Mutantensaga "X-Men" - weit weg von den Filmen im Wettbewerb. Durch die immer größer werdende Kluft ist der Festivalgewinn eines kleinen Films heute mehr Prestige als Kassengarant. Der letztjährige Sieger etwa, "L'Enfant" der belgischen Dardenne-Brüder, startete in Deutschland erst sechs Monate nach Cannes und erwies sich mit 33.000 Besuchern als kommerzieller Flop. Auch Christoph Hochhäuslers Gesellschaftsportrait "Falscher Bekenner" kommt nach seiner hoch gelobten Teilnahme in der Reihe "Un Certain Regard" erst am 17. Mai 2006 in kleiner Kopienzahl und zwölf Monaten Verspätung in die Kinos.

Bei diesen Zahlen ist umso erschreckender, dass der deutsche Film - wie so oft - von der Festivalleitung erneut übergangen wurde. Regisseur Volker Schlöndorff sprach gegenüber dem "Tagesspiegel" von einem "kalten Krieg" zwischen den Filmfestivals Berlin und Cannes. Sein Beitrag "Streik - Die Heldin von Danzig" war von der Festivalleitung abgelehnt worden. Ist Cannes also wirklich nur noch Marke und nicht mehr Entdeckungsplattform? Hochhäusler zumindest empfindet das Festival trotz aller Unkenrufe als "Seismograph des Weltkinos", auch wenn beizeiten schwerverdauliche Beiträge wegen massentauglicheren Stoffen vom breiten Publikum verdrängt werden. Stolze 10.000 Fachbesucher zieht es auch in diesem Jahr auf den Filmmarkt, auf dem in elf Tagen rund 1.000 Filme verkauft werden sollen! Eine unschlagbare Zahl, die dem Festival in Sachen Rechtevertrieb auch weiterhin die unangefochtene Spitzenposition garantiert.

Die Luxushotels sind also ausgebucht, Prunk-Jachten ankern im Hafen, Hubschrauber stehen auf Stand-By, und aus den Smokings werden die letzten Falten gebügelt. Am 17. Mai wurde das Festival mit Fanfaren eröffnet. Vive La France, die Filmfestspiele mögen beginnen!
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  14. Mai 2006

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