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Feature
Oliver Stone in Venedig
Jean-François Martin/Ricore Text

Altbackenes, aber wirkungsvolles Melodram

Kunst in Zeiten des Terrors

Mit "World Trade Center" wagt sich der amerikanische Regie-Gigant Oliver Stone als einer der ersten Filmemacher an die Ereignisse des 11. September. Das Ergebnis ist ein altbackenes, aber wirkungsvolles Melodram voller Tragik, Heroismus und Authentizität.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  31. August 2006
Nicolas Cage in "World Trade Center"
UIP
Nicolas Cage in "World Trade Center"
Für die beiden New Yorker Polizisten John McLoughlin (Nicolas Cage) und Will Jimeno (Michael Pena) beginnt der 11. September 2001 wie jeder andere Tag: Ein kurzes Briefing, Einteilung der Einsatzgebiete, ein paar flapsige Bemerkungen von Seiten der Kollegen. Doch bereits kurze Zeit später knallen zwei Flugzeuge ins World Trade Center - und schlagartig wissen die beiden, dass nach diesem Tag nichts mehr sein wird wie zuvor. Gemeinsam mit drei anderen Kollegen machen sich die verheirateten Ehemänner trotz der ungewissen Lage zur Gefahrenzone auf, um Verletzte aus den oberen Stockwerken der Hochhäuser zu bergen - doch weit werden sie nicht kommen: Als sie die Aufzugsschächte betreten, stürzen die Tower in sich zusammen und begraben die Einsatztruppe unter meterhohem Schutt. Wie durch ein Wunder überleben die beiden Polizisten und versuchen - schwer verletzt und zwischen Stahlpfeilern eingeklemmt - sich in den folgenden zwölf Stunden mit Erzählungen am Leben zu halten. Denn in einem sind sie sich sicher: Wer einschläft, wach nicht wieder auf.


Wie fühlt man unter diesen extremsten Umständen? Was hält eine Person am Leben? Diese und andere Fragen stellen sich auch Donna McLoughlin (Maria Bello) und Allison Jimeno (Maggie Gyllenhaal), die vor Sorge um ihre Ehemänner in ihrem harmonisch dekorierten Häusern kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen. Erst als ein Kriegsveteran Stunden nach dem Einsturz der Türme auf die beiden Polizisten aufmerksam wird, beginnt eine Rettungsaktion, die symbolisch steht für den amerikanischen Traum: Alles ist möglich, solange du nur dran glaubst.

Was sich liest, wie die reißerisch konstruierte Story eines Hollywood-Autors, basiert in Wirklichkeit auf den realen Ereignissen des 11. September 2001. "Ich fühlte meinen gefallenen Kollegen gegenüber die Verpflichtung, diese Story zur Verwertung freizugeben", sagt McLoughlin heute. Der New Yorker Regisseur Oliver Stone sah darin nicht nur die Möglichkeit, das größte Trauma seiner Geburtsstadt visuell umzusetzen, sondern damit auch zu seiner alten Form des Filmemachens zurückzukehren, in der er zeigt, wie gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen zu Helden werden. Dabei wollte der Filmemacher nach eigener Aussage so authentisch wie möglich vorgehen und die Ereignisse wirklich originalgetreu nachzuerzählen. Auch wenn er für diese Absicht zu Beginn der Dreharbeiten heftige Kritik einstecken musste und auch das eigentliche Einspielergebnis in den USA hinter den Erwartungen zurückblieb, ist der Großteil der US-Kritiken nun überraschend positiv. Zu Recht: Mit seinem Film fasst Oliver Stone die Ereignisse des Tages zusammen und bringt sie zurück in das Bewusstsein eines staunenden Publikums. Freilich baut er bei der Inszenierung dieser "all american"-Story manchmal auf zu viel Pathos, Kitsch und Heldenmythen, doch gelingt ihm mit dem Film letztlich das, was dem Werk Berechtigung verleiht: Denn "World Trade Center" bringt die globale Katastrophe durch die Schicksalsschilderungen zweier Männer auf einen fühlbaren, greifbaren Nenner, der auch Außenstehende nachempfinden lässt, was sich damals im Innern der einstürzenden Tower wirklich abgespielt hat. Damit erweist sich "World Trade Center" als ein Werk, das auch für nachfolgende Generationen von Bedeutung sein wird.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  31. August 2006

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