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Harry Potter und die Kammer des Schreckens
Warner Bros.

Hintergrund: Industrial Light & Magic (ILM)

Frankensteins Traumfabrik kreiert 'Hulk'
Frankensteins Schöpfung ist Realität geworden - zumindest in der Traumfabrik, wo Trickfilmtechniker zurzeit ein grünes Ungetüm lebendig werden ließen, das auf der Leinwand richtige Gefühle zeigen soll. Im beschaulichen San Rafael nördlich von San Francisco stehen verdächtig viele unauffällige Bürogebäude. Zum Beispiel die fast unsichtbare Kerner Company, die ihre wenigen Besucher mit einer eher schäbigen Klapptür aus Glas empfängt. Ein lieblos angebrachter Schriftzug auf der Glastüre behauptet keck, dass hier ein "optisches Forschungslabor" zuhause sei.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  22. Juni 2003
Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung
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Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Denn gleich hinter dem Eingang wacht Darth Vader lebensgroß in schwarzer Kunststoffrüstung über den Empfangsbereich des Unternehmens, das in Wirklichkeit Industrial Light & Magic heißt. Von George Lucas 1975 für "Star Wars" gegründet, ist ILM heute die weltweit größte und mit bisher 14 Oscars auch erfolgreichste Manufaktur für optische Spezialeffekte, so genannte Visual Effects.

Tarnung ist alles
"Alles Tarnung, wir halten uns gerne bedeckt", sagt Stephen Keneally, der Pressechef des digitalen Lucas-Universums. Dieses umfasst neben Industrial Light & Magic auch das weiter nördlich auf der Lucas-Ranch gelegene Tonstudio Skywalker Sound, das seit seiner Gründung 1987 ebenfalls 14 Oscars eingefahren hat. "Aber die 'Star Wars'-Fans", seufzt Keneally, "wissen leider trotzdem, wo wir sind. Mittendrin steht wieder einer am Empfang und behauptet, einen Termin mit einem unserer Mitarbeiter zu haben." Oder - Gipfel der Frechheit - mit George Lucas höchstpersönlich.


Vergessene Welt - Jurassic Park
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1400 Angestellte - Visual-Effects-Experten, Produzenten, Art Directoren, Modellbauer, Computerspezialisten, Zeichner und Animatoren, Bühnentechniker, Cutter und Kameraleute - arbeiten bei ILM in Bungalows und kleinen Studios an den Aushängeschildern Hollywoods. Geheimhaltung ist dabei erste Pflicht. Denn um immer neue Kassenrekorde zu erobern, muss nie zuvor Gesehenes auf die Leinwand kommen. Die Raumschiffe der "Star Wars"-Saga, die Dinos aus "Jurassic Park" und der verformbare Killerroboter in "Terminator 2" - sie alle wurden hier entworfen und auf Film kopiert. ILM hat insgesamt an mehr als 160 Kinofilmen mitgewirkt, von "Indiana Jones" bis "Harry Potter". Der Maßstab, das räumen selbst neidische Konkurrenten ein, wird seit gut 25 Jahren hier gesetzt.

Grünhäutiger Mutant mit Emotionen
Und dieser Maßstab heißt zurzeit nicht "Matrix Reloaded" sondern "Hulk": Für Hollywoods neueste Comic-Verfilmung ließ Regisseur Ang Lee ("Tiger & Dragon") bei ILM den grünhäutigen Muskelprotz, von Lou Ferrigno einst in einer ulkigen TV-Serie gespielt, am Computer neu erschaffen. Der digitale Hulk wirkt lebensecht - ist jedoch knapp fünf Meter groß, sprintet gut 100 Meilen schnell, wirbelt Panzer durch die Luft und hüpft bis zu drei Meilen weit.


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Der 20. Mai markierte für ILM den Abgabetermin für die letzte von insgesamt etwa 500 Effekteinstellungen - noch im Juni soll der Film in Nordamerika ins Kino kommen. Vier Wochen vor dem offiziellen Abgabetermin waren noch ungefähr 100 Einstellungen in Arbeit. Es gab viel zu tun: Jede Einstellung wurde von einem riesigen Computernetzwerk bis zu 50 Mal neu berechnet, bis alle mit dem Endergebnis leben konnten. Für ILM kein Grund zur Panik, verfügt man doch im Gegensatz zur Konkurrenz über besondere Ressourcen: Mit "Hulk" waren über 200 Firmenangestellte mehr als ein Jahr lang voll beschäftigt.

Gerald Gutschmidt ist einer von ihnen. Der Deutsche arbeitet seit neun Jahren bei ILM. Seit August 2001 animierte er als Computer Graphics Supervisor mehrere "Hulk"-Effektsequenzen. Gutschmidt teilt sich sein Büro mit Hilmar Koch, einem deutschen Software-Ingenieur. "Hier verlassen Sie den amerikanischen Sektor", begrüßen sie ihre Besucher. In Ohio hat Gutschmidt Industriedesign studiert, doch das fand er so langweilig, dass er sich nebenbei für die Computergrafik interessierte. Nach dem Studium heuerte er in Berlin bei Mental Images an, wo er unter anderem Trailer für die ARD entwarf. Im Windschatten seines Chefs zog es Gutschmidt schließlich wieder in die USA. Dort konnte er bei ILM, wo an fünf bis sechs Kinoprojekten gleichzeitig gearbeitet wird, aus einer Fülle von Aufgaben wählen. So landete Gutschmidt bei "Casper", "Dragonheart", "Twister", "Mars Attacks!", "Men in Black", "Small Soldiers", "Jack Frost", "Der Sturm" sowie dem ersten Teil von "Harry Potter".


Um "Star Wars" machte er dagegen immer einen großen Bogen. "Eigentlich sollte mein Chef das ja nicht wissen", verrät Gutschmidt in Anspielung auf George Lucas, den er "vielleicht zweimal im Jahr auf Firmenversammlungen" treffe. Der Grund: "Die neuen 'Star Wars'-Episoden sind ein bisschen wie 'Die Muppets Show'. Zu diesen Figuren finde ich irgendwie keinen Zugang - vielleicht hätte Lucas es bei den drei ersten Filmen belassen sollen." Gutschmidts Leidenschaft gilt eher einem Streifen wie "Magnolia", für den ILM ebenfalls die Effekte machte.

"Hulk"-Regisseur Ang Lee traf Gutschmidt bei der Arbeit dafür jeden Tag. Lee residierte monatelang in einer Dienstwohnung unweit der "Kerner Company", um die Fertigstellung der Effekte höchstpersönlich zu beaufsichtigen. Den komplett im Computer generierten Hulk behandelte der Regisseur wie einen Schauspieler - ein menschliches Wesen, das auf der Leinwand richtige Gefühle zeigen soll. Um Gutschmidt und Kollegen seine Vorstellungen zu illustrieren, spielte der Filmemacher ihnen die gewünschte Mimik notfalls selber vor. "Hier geht's nicht nur um Explosionen, sondern vor allem auch um Emotionen", freut sich Gutschmidt, der auf Ang Lee offenbar große Stücke hält und den künstlerischen Anspruch des Oscar-Preisträgers lobt. Lees Ansatz fern des puren Mainstreams ist jedoch ein zweischneidiges Schwert: "Die gehen mit dem Film ein ziemlich großes Risiko ein", findet der Deutsche.

Ein finanzielles Risiko vor allem, denn ILMs Dienstleistungen sind zwar hervorragend, aber nicht billig: "Hulk" soll über 120 Millionen Dollar gekostet haben.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  22. Juni 2003

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