FILMREPORTER.DE
Best Entertainment
Filmreporter-RSS

Feature

Hulk
UIP

Grünes Marvel-Ungetüme im Kino

Zerstörerischer Egotrip
Wenn ausgerechnet ein aus China stammender Filmemacher die Essenz des uramerikanischen Marvel-Comics "Hulk" begreift und stilsicher ins Kino überträgt, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Doch Regisseur Ang Lee, dessen Film "Tiger & Dragon" mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, ist dieser Drahtseilakt gelungen: Seine zwischen Kindheitsfantasie und Psychodrama, Popkultur und Mythos angesiedelte Version von "Hulk" ist die bis heute überzeugendste Verfilmung eines Superheldenstoffes - und wohl auch ein garantierter Kassenhit.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  3. Juli 2003
Eric Bana in: Hulk
UIP
Eric Bana in: Hulk
Einst, als die Atompilze noch in den Himmel schossen, dachten sich Jack Kirby und Stan Lee, zwei besonders kreative Köpfe aus der Heftchenschmiede Marvel Comics, einen Superhelden aus, der eigentlich gar keiner ist: eine Mischung aus "Frankenstein" und "Dr. Jekyll & Mr. Hyde", ein Legierung aus Mensch und Monster, ein zerstörerisches, missverstandenes Ungetüm mit einem herzensguten Kern. Mit einem Wort: "Hulk".

Mehr als 40 Jahre sind seitdem vergangen, doch das grünhäutige Gen-Experiment ist offenbar nicht totzukriegen. Im Gegenteil: Ang Lee, der aus Taiwan stammende Regisseur des preisgekrönten Kung-Fu-Märchens "Tiger & Dragon", machte daraus ein 137 Millionen Dollar teures Familiendrama zwischen Popkultur und Shakespeare, kindlicher Allmachtsfantasie und griechischer Tragödie.


Eric Bana und Nick Nolte in: Hulk
UIP
Eric Bana und Nick Nolte in: Hulk
Was furchtbar hoch gestochen klingt, ist in der Praxis eine Augenweide - und ein großartiger Spaß. Ang Lee, ein aufs Detail versessener Perfektionist Kubrickscher Prägung, gelang mit diesem Film ein scheinbar müheloser Drahtseilakt, hinter dem allerdings jede Menge Schweiß und Köpfchen stecken. Nach Enttäuschungen wie "Daredevil" und "X-Men 2" erbrachte Lee mit "Hulk" endlich den lange überfälligen Beweis, dass man ein Comic-Universum samt seiner lieb gewonnenen Figuren überzeugend - sprich: ihrer eigenen Realität verpflichtet - auf die Leinwand bringen und dabei ihre Essenz, Integrität und Originalität bewahren kann.

Auf dem Weg dorthin übertrug der in den USA lebende Regisseur die stiltypischen Merkmale von Comic-Strips in eine visuell reizvolle Filmsprache voller Symbole und Metaphern. Sein effizientes und gleichzeitig virtuoses Spiel mit Split-Screens, Überblendungen und Montagen überlässt nichts dem Zufall, und Lees offensichtliches Talent dafür, Zusammenhänge bildlich zu vermitteln, machen ihn zu einer optimalen Wahl für diese scheinbar triviale Story über einen Wissenschaftler, der sich, wenn er wütend wird, in ein bis zu sechs Meter großes Ungetüm verwandelt.


Jennifer Connelly in: Hulk
UIP
Jennifer Connelly in: Hulk
Bruce Banner heißt der Mann (dargestellt von Eric Bana, einem bei uns nahezu unbekannten Nachwuchstalent aus Australien), und er ist ein brillanter junger Gentechniker mit einem verdrängten Kindheitstrauma. Was sonst noch alles in ihm steckt, findet Bruce heraus, nachdem sein Körper eine an sich tödliche Dosis Gammastrahlung abbekommt: Am nächsten Tag kann Banner sich an nichts erinnern - doch seine Kollegin und Ex-Freundin Betty Ross (Oscar-Preisträgerin Jennifer Connelly) erkennt in ihm das Monster wieder, das über Nacht das Forschungsinstitut verwüstet hat.

Bettys Vater (Sam Elliott), ein Vier-Sterne-General, bläst daraufhin zum großen Halali mit Panzern, Kampfjets und Soldaten - weiß jedoch mehr über die Hintergründe von Bruce Banners seltsamer Verwandlung, als er bereit ist, zuzugeben. Betty wiederum hat ihre eigene Theorie, die sie zu Banners tot geglaubtem Vater David (Nick Nolte) führt, einem Wissenschaftler, der einst auf einem streng geheimen Militärstützpunkt unter dem Kommando ihres Vaters illegale Gen-Experimente an sich selbst durchführte.


Jennifer Connell und Sam Elliotty (hinten) in: Hulk
UIP
Jennifer Connell und Sam Elliotty (hinten) in: Hulk
"Hulk" entfaltet eine in sich schlüssige Comic-Realität, in der Schauspieler aus Fleisch und Blut nahezu übergangslos mit dem vollständig im Computer generierten Titelhelden ein Ensemble bilden. Hinter den spektakulären Action-Szenen menschelt es an jeder Ecke, wobei Ang Lees dem Genre angemessene Ästhetik die Gefühle und Motivationen der Figuren auf das Wesentliche reduziert, ohne sie zu trivialisieren. "Hulk" ist ein Film über die Suche nach der eigenen Identität - wie schön, dass hier ein Superheld zur Abwechslung mal nicht die Welt, sondern zuallererst sich selbst zu retten hat.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  3. Juli 2003

Zum Thema
Ang Lee auf der Weltpremiere von "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger 3D "
Nach seinem Studium an der New York University macht Ang Lee 1992 mit "Schiebende Hände" (Pushing Hands) erstmals von sich Reden. Ein Jahr später wird er für " weiter
Eric Bana, Hauptdarsteller von München
Der Schauspieler und Drehbuchautor mit kroatisch-deutscher Abstammung wird am 9. August 1968 in Melbourne, Australien, geboren. Die Synchronstimme in "Findet Nemo"(2003) war wohl nicht der Höhepunkt der Künstlerkarriere Eric Banas. Der... weiter
Jennifer Connelly in "Haus aus Sand und Nebel"
US-amerikanische Schauspielerin. Karrierestart als Kindermodel, Leinwand-Debüt mit Sergio Leones Gangsterepos " weiter
Hulk
Hulk - Kinofilm
Wenn ausgerechnet ein aus China stammender Filmemacher die Essenz des uramerikanischen Marvel-Comics "Hulk" begreift und stilsicher ins Kino überträgt, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Doch Regisseur mehr


Weitere Kritiken
Mister Link - Ein fellig verrücktes Abenteuer (Missing Link, 2019)
Auf der Suche nach dem Missing Link
"Mister Link - Ein fellig verrücktes Abenteuer" ist ein Stop-Motion-Film von Laika Entertainment Darin... weiter
Eisenstein findet in Guanajuato Liebe und Tod (Elmer Bäck, Luis Alberti)
Peter Greenaway - Filmpoet und Mathematiker
In "Eisenstein in Guanajuato" erzählt Peter Greenaway vom Aufenthalt des sowjetischen Regisseurs Sergej... weiter
Steve Jobs (Michael Fassbender) repräsentiert Apple
Danny Boyle über Apple-Gründer Steve Jobs
Großartiges Filmportrait des Apple-Firmengründers Steve Jobs. Regisseur Danny Boyle und sein... weiter
© 2020 Filmreporter.de