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Midnight Special

© Ben Rothstein © 2016 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC

Zweiter Wettbewerbstag der Berlinale

Mysteriös: Jeff Nichols und sein "Midnight Special"

Nachdem die 66. Berlinale mit Joel und Ethan Coens außer Konkurrenz startenden grellbunten Hollywood-Satire "Hail, Caesar!" am 11. Februar eröffnet wurde, nahm das Filmfestival am zweiten Wettbewerbstag weiter Fahrt auf. Auf dem Programm standen so unterschiedliche Beiträge wie die tunesisch-belgische Produktion "Hedi" und "Midnight Special", die langerwartete neue Regiearbeit von Jeff Nichols.
13. Feb 2016: In seinem Spielfilmdebüt "Hedi" erzählt der tunesische Regisseur Mohamed Ben Attia vom Befreiungsversuch eines 25 Jahre alten Mannes aus einem fremdbestimmten Leben aus starren gesellschaftlichen Traditionen und einer Besitz ergreifenden Mutter. Sowohl den Job, als auch seine Frau hat Hedi (überzeugend Majd Mastoura in seiner ersten Rolle) seine Mutter zu verdanken. Doch weder auf das eine noch das andere hat der junge Mann große Lust. Statt dessen sucht er nach dem, was ihn wirklich glücklich machen könnte. Am Strand einer Küstenstadt, wo er eigentlich für Peugeot Kunden werben soll, lernt er die Tänzerin Rym (Rym Ben Messaoud) kennen. Zu seiner Hochzeit taucht er - zum Entsetzen seiner Mutter - nicht auf. Stattdessen will er mit Rym nach Frankreich flüchten, wo er ein neues Leben anfangen will.

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben "Hedi" als ausführende Produzenten mitgestaltet und tatsächlich erinnert das leise, unaufgeregt inszenierte Drama an das sozialkritische Kino der beiden belgischen Regiestars. Behutsam nähert sich Ben Attia seinem Protagonisten. Ohne die Erzählung in ein dramaturgisches Konstrukt zu zwängen, zeichnet er in lose aneinandergereihten Szenen das einfühlsame Porträt eines Mannes, der sich selbst verwirklichen will, den entscheidenden Schritt aber nicht wagen kann.

Wie bei den Dardenne-Brüdern weist die individuelle Geschichte auch bei Ben Attia über sich hinaus. Immer wieder spielt die gesellschaftliche Wirklichkeit in "Hedi" hinein. Wenige Jahre nach der Jasminrevolution hat Tunesien noch immer nicht zu sich gefunden. Das Land krankt an einer wirtschaftlichen Krise und in der Gesellschaft ist das Misstrauen gegenüber den Versprechen der Revolutionäre groß. Die Angst Hedis, die Fesseln der Tradition zu sprengen und die Sicherheit zugunsten Freiheit und Selbstverwirklichung zu opfern, ist auch ein gesellschaftliches Problem.

"Hedi" ist ein starker Wettbewerbsfilm, Chancen auf den Goldenen Bären wird das Drama wohl nicht haben. Dazu bleibt die unaufgeregte und ungekünstelte Inszenierung oft harmlos. Anders als bei den Dardennes findet Ben Attia keine Bilder, die sich ins Gedächtnis einprägen.

Das Gleiche lässt sich auch von "Midnight Special" sagen, dem vierten Spielfilm von Jeff Nichols. Wie in allen vorherigen Arbeiten des US-Independent-Filmemachers ist erneut der Ausnahmeschauspieler Michael Shannon in einer tragenden Rolle zu sehen. Das Science-Fiction-Fantasy-Drama kreist um den achtjährigen Alton (Jaeden Lieberher), der mit besonderen Kräften ausgestattet ist, die immer gefährlicher und unkontrollierbar zu werden scheinen. Der Sonne darf der Junge nicht ausgesetzt werden, aus seinen Augen strahlt ein seltsames blaues Licht wenn er seine Schutzbrille abnimmt, und außerdem kann er Geheimcodes der Regierung abfangen und mit der Kraft seiner Gedanken Satelliten vom Himmel stürzen lassen. Deshalb sind nicht nur die FBI und die NSA hinter dem Jungen her, die in ihm eine gefährliche Waffe wittern, sondern auch eine ominöse Sekte, die ihn für einen Boten Gottes halten. Um sich einem Zugriff der beiden Parteien zu entziehen, hat ihn sein Vater entführt. Zusammen mit dessen Freund Lucas (Joel Edgerton) und seiner Mutter (Kirsten Dunst) ist er seitdem auf der Flucht. Ihr Ziel ist ein Ort irgendwo in Texas, wo Alton seiner Bestimmung zugeführt werden soll.

Erinnert die Vager-Sohn-Beziehung in "Midnight Special" an das in Deutschland leider untergegangene Drama "Mud - Kein Ausweg", knüpft Nichols in Sachen Stimmung an seinen Durchbruch "Take Shelter - Ein Sturm zieht auf" an. Dort wie hier interessiert sich der Regisseur für das Geheimnisvolle, Rätselhafte und Übersinnliche. Das Woher, Wohin und Warum verkommt dabei zur Nebensache. So klaffen in "Midnight Special" hier und da logische Lücken, diese jedoch als Schwachpunkte des Films auszulegen wäre verfehlt, vielmehr sind die Aussparungen klassische Macguffins Hitchcockscher Prägung, die der Spannung und dem mysteriösen Geschehen geschuldet sind. Andere Verweise Nichols' ziehlen auf das New-Hollywood-Kino der 1970er Jahre im Allgemeinen und das Science-Fiction- und Fantasy-Genre jener Zeit im Besonderen. Auch dies war bekanntlich eine Periode der Filmgeschichte, in der die geschlossene Erzählung obsolet war.
Willy Flemmer, Filmreporter.de
Weiterführende Infos
Filme
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf - Thriller USA, 2011  mehr
Mud - Kein Ausweg - Drama USA, 2012  mehr
Midnight Special - Science Fiction USA, 2016  mehr
Hedis Hochzeit - Drama Tunesien, 2016  mehr
Hail, Caesar! - Komödie USA, 2016  mehr
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