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RETRO Feature

Charlton Heston als Kapitän Paul Blanchard in "U-Boot in Not"
Im Alter gingen ihm die Pferde durch

Salut an Charlton Heston

Dass Alter nicht vor Torheit schützt, wusste schon William Shakespeare. Charlton Heston gehört zu den Männern, die den Wahrheitsgehalt des Ausspruchs belegen. 1997 wurde der Waffennarr Vizepräsident der erzkonservativen US-Schusswaffenvereinigung NRA, 1998 bis 2003 war er ihr Präsident. Michael Moore machte ihn persönlich für das Schulmassaker von Columbine mitverantwortlich, was den Unverbesserlichen nicht an seinem Ausruf hinderte: "Sie können meine Waffe haben, wenn Sie sie aus meiner kalten, toten Hand nehmen."
Von  André Weikard/Filmreporter.de, 24. Juli 2019

Charlton Heston als normannischer Ritter

Charlton Heston als normannischer Ritter

Kriegsheld wird zum Sunnyboy
Die martialische Geste brachte Charlton Heston 2003 die "Presidential Medal of Freedom" und einen warmen Händedruck von US-Präsident George W. Bush ein - wer braucht Feinde, wenn er solche Freunde hat! Die internationalen Medien ergingen sich in zorniger Schelte. Über all den Altersdummheiten vergisst man leicht das Verdienst des Schauspielers Heston, denn dieser stand wie kaum ein anderer für eine Epoche der amerikanischen Filmindustrie.

Nach dem Schauspielstudium an der Northwestern University und drei Jahren Dienst in der Air Force verdient sich der junge Wilde zunächst als Fotomodel. Sein markantes Gesicht und die imposante Körpergröße von 191 cm machen ihn binnen kurzer Zeit auch zur Idealbesetzung für die so typischen Monumentalfilme der Nachkriegszeit. Angefangen mit seiner Rolle als Moses in der Bibelverfilmung "Die Zehn Gebote" (1956) über Auftritte als spanischer Ritter in "El Cid" (1961), Johannes der Täufer ("Die größte Geschichte aller Zeiten" 1965) und Renaissancekünstler Michelangelo ("Inferno und Ekstase" 1965) spielt er überwiegend einzelgängerische Helden und unbeugsame Idealisten.

Das Meisterstück in dieser Serie aufwendiger Mammutproduktionen bleibt aber natürlich seine Paraderolle in William Wylers "Ben Hur" im Jahr 1959. 50.000 Komparsen, mehr als eine Million Requisiten und 40.000 Tonnen Mittelmeersand beeindruckten das Publikum und die Branche derart, dass der Historienfilm mit elf Oscars ausgezeichnet wurde, darunter auch eine Statuette für den besten Hauptdarsteller, Charlton Heston. Gewaltig war der Arbeitseifer des geadelten Schauspielers auch noch, als die Begeisterung für derart opulente Inszenierungen immer mehr nachließ. Bis zu seinem Tod im Jahr 2008 spielte er in mehr als 120 Kino- und Fernsehfilmen mit, darunter Klassikern wie 1968 "Der Planet der Affen". Er selbst sagte einmal: "Ich habe drei Präsidenten, drei Heilige und zwei Genies gespielt. Wenn das keine Ego-Probleme verursacht, weiß ich auch nicht, was sonst."

Vielleicht lässt sich so auch ein bisschen der Wandel seiner eigenen politischen Einstellung erklären. Bis zur Ermordung Präsident John F. Kennedys galt Heston nämlich durchaus als typischer Liberaler. Gemeinsam mit Martin Luther King setze er sich für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ein, er unterstützte schwarze Schauspieler, rief zum Boykott gegen rassistische Lokale auf und nahm an Protestmärschen teil. Ja, der spätere Waffenlobbyist trat zeitweilig sogar für Restriktionen des laxen amerikanischen Rechts in Bezug auf den Besitz von Schusswaffen ein. Von einer angedeuteten homosexuellen Beziehung seines Filmcharakters mit dessen Freund Massala in seinem größten Kinoerfolg "Ben Hur" distanzierte er sich allerdings schon früh.

Rechtsmarsch eines Liberalen
Mitte der 1960er Jahre begann jedoch der Wandel zum Reaktionär und Funktionär der Schusswaffenlobby. 1965 bis 1971 stand Charlton Heston der amerikanischen Schauspieler-Gewerkschaft SAG als Präsident vor. Seine große Zeit als Darsteller war da allerdings schon vorüber. In den 1970er Jahren folgten einige weitgehend erfolglose Sequels und Abenteuerfilme, seit den 1980er Jahren waren es fast nur noch TV-Auftritte. Bleibt zu hoffen, dass man sich beim Gang über Hollywoods Walk of Fame bei Charlton Heston einmal nicht nur an seine peinlichen Auftritte als Waffenfanatiker erinnert, sondern an Rollen, in denen er das Rote Meer mit einem Stock teilte, halsbrecherische Wagenrennen gewann und vor der amerikanischen Freiheitsstatue fluchend in die Knie ging!
André Weikard/Filmreporter.de - 24. Juli 2019

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